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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 12.01.2018

"Klein-Paris" in Bayern Ein Dorf als jüdisches Museum

Von Thomas Senne

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Hinweisschild der ehemaligen jüdischen Schule in Kleinsteinach. (Joachim Hahn)
Hinweisschild der ehemaligen jüdischen Schule in Kleinsteinach. (Joachim Hahn)

Ein Ort, wo jüdisches Erbe gepflegt wird: Kleinsteinach. Das Städtchen in Bayern trug um 1920 sogar den Spitznamen "Klein-Paris" – wegen diverser Läden und Kaufhäuser der Juden. Damals war Kleinsteinach ein winziges Einkaufsparadies auf dem Lande, heute eine Art Freilichtmuseum.

Ein frisch restauriertes Fachwerkhaus aus dem Jahr 1715 mitten im Zentrum von Kleinsteinach, direkt neben der katholischen Kirche - dieses jüdische Museum steht genau am richtigen Platz. Ein gutes Symbol für das langjährige friedliche Zusammenleben zwischen Juden und Christen in diesem unterfränkischen Ort, meint der Mitbegründer des Museums, Bernd Brünner.

"Früher diente es dem Dorfmeister. Später hat hier der Schulunterricht stattgefunden für jüdische und christliche Schüler. Und danach, als dann die Räume zu klein waren, hat man sich entschlossen ein anderes Haus zu bauen, ein anderes Schulhaus. Und zuletzt war dieses Fachwerkhaus die Wohnung des Lehrers."

Belege verraten, dass die jüdische Gemeinde von Kleinsteinach Mitte des 16. Jahrhunderts gegründet wurde. Die drei Schutzherren, denen  Abgaben geleistet werden mussten, gehörten verschiedenen christlichen Religionen an. Vielleicht mit ein Grund dafür, dass in diesem Dorf Religionsfreiheit großgeschrieben war. Von den insgesamt rund 450 Einwohnern waren bereits 1817 rund 40 Prozent Juden.

"Vor 1800 durften ja die Juden keine Landwirte sein und keine Handwerker. Somit hatten sie sich mit dem Handel beschäftigt - also mit Bändern, Hopfen usw. Wenn sie sie kleinstaatliche Grenzen überschritten haben, mussten sie Leibzoll zahlen. Erst 1817 wurde dieser Leibzoll abgeschafft."

Licht in die jüdische Vergangenheit

Schon im Erdgeschoß macht das Museum auf den Besucher einen freundlichen Eindruck. Schau- und Texttafeln informieren ebenso über die jüdische Geschichte der Region wie diverse Objekte, etwa eine alte Synagogentür. Platz für Sonderausstellungen und Räume zum Abhalten von Seminaren sind in dem ansprechenden Haus vorhanden, aber auch mehrere Hörstationen sowie ein computergestützter Recherchebereich, der gerne von Nachfahren der Kleinsteinacher Juden genutzt wird. Langwierige Recherchen des immer noch aktiven Freundeskreises des Museums brachten Licht in die jüdische Vergangenheit.

"Wir haben Archive akribisch durchforstet. Wir haben Dachböden im hintersten Winkel durchstöbert. Wir haben also viele Bild- und Textdokumente gesammelt und wir haben Zeitzeugeninterviews durchgeführt ..."

... etwa mit dem Dorfbewohner Hermann Schleyer. Er berichtet davon, wie er am Sabbat, am "Schabbes", den jüdischen Bewohnern beim Brot holen, Feuer anschüren oder beim Kehren der Straße behilflich war.

Auszug aus Zeitzeugen-Interview: "Ich hab am Schabbes ... alles gemacht".

Das Schicksal der letzten Juden

Im oberen Stockwerk erinnern großformatige Fotografien an den Wänden an ehemalige jüdische Bürger des Ortes. Herzstück des überzeugend gestalteten Museums, das auch über religiöses jüdisches Brauchtum und Bestattungsriten informiert, ist allerdings ein Touchscreen auf einem Tisch. Per Berührung erfährt der Interessierte anhand eines Planes Details über die jüdischen Häuser und ihre Bewohner. Abbildungen ergänzen die kurzen Texte. Das Schicksal der letzten Juden von Kleinsteinach kommt dort ebenfalls zur Sprache. Im Dritten Reich wurden sie 1942 in Vernichtungslager deportiert.

Bei einem Rundgang durch den Ort trifft man auch heute noch überall auf jüdische Geschichte, sagt Bernd Brünner und verweist auf erhaltene alte Gebäude. In ihnen waren früher diverse Läden und Kaufhäuser von Juden untergebracht, die Kleinsteinach um 1920 sogar den Spitznamen "Klein-Paris" einbrachten: ein winziges Einkaufsparadies auf dem Lande.

"Jetzt gehen wir zu der Matzengasse. In dieser Matzengasse waren einige Matzenbäcker. Hier hatten die gewohnt; u.a. aber auch drei Rabbiner und ein Präparanten-Lehrer. Deshalb hat man das auch die heilige Gasse genannt."

Motto: "Erinnern statt Vergessen"

Der Rundgang auf den Spuren der Landjuden von Kleinsteinach endet mit dem Hinweis  auf eine Kuriosität, die - wie die anderen Stationen auch - anhand von Schautafeln gut beschrieben wird: der sogenannte "Schabbesdraht".

"Wir stehen jetzt also ziemlich am Ende des Ortes. Und da wurde immer am Sabbat dieser sogenannte 'Schabbesdraht' gezogen. Einmal im Oberdorf, wie hier jetzt, wo wir ja stehen, und dann auch noch mal im Unterdorf. Und innerhalb dieser Abgrenzung konnte sich die jüdische Bevölkerung bewegen, also spazieren gehen usw. Weil Arbeiten durfte sie an diesem Tag nicht verrichten."

Dass es überhaupt seinerzeit möglich war, aus religiösen Gründen über die Straße einen Draht zu spannen, zeigt wie stark die mosaische Kultur in Kleinsteinach einst akzeptiert war: ein Ort, in dem auch heute noch das jüdische Erbe unter dem Motto "Erinnern statt Vergessen" behutsam gepflegt wird.

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