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Klangkunst / Archiv | Beitrag vom 23.02.2018

Klangkunst: Arthur Rimbaud und der SufismusIlluminations

Von Soundwalk Collective und Patti Smith

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Arthur Rimbaud, gezeichnet von Isabelle Rimbaud (Isabelle Rimbaud)
Arthur Rimbaud, gezeichnet von Isabelle Rimbaud (Isabelle Rimbaud)

Nach langem Unterwegsein ließ sich Arthur Rimbaud 1881 am Horn von Afrika nieder. Bis zu seinem Tod schrieb er kein einziges Gedicht mehr. In diese Stille hinein imaginiert das Soundwalk Collective einen künstlerischen Dialog zwischen den Ideen der europäischen Moderne und der Kultur des Sufismus.

Für ‚Illuminations’ übersetzen sie Texte Rimbauds erstmals in die lokalen Sprachen Harari, Oromo und Amharisch und lassen sie in einem sufistischen Zikri-Ritual lebendig werden. Die Gesänge verweben sie voluminös mit Field Recordings aus Rimbauds letzter Heimat, mit den Stimmen von Patti Smith, Hanns Zischler und Gudrun Gut und mit minimalistischen Klangmustern. 
"I wish to discover all sacred, the mysteries of religion, nature, death and birth, the future and the past, the formation of the universe, non-existence. I am a teacher in creating the extraordinary. Listen?"

Sufi Gruppe von Sheik Ibrahim   (Film Still von Éponine Momenceau)Sufi Gruppe von Sheik Ibrahim (Film Still von Éponine Momenceau)

Ursendung
Von Soundwalk Collective und Patti Smith
Künstlerische Leitung und Realisation: Stephan Crasneanscki
Komposition: Soundwalk Collective
Mit: Patti Smith, Mulatu Astatke, Hanns Zischler, Gudrun Gut, Charlotte Rampling
Sufi-Rituale: Männer der Sheik Ibrahim Gruppe
Feldaufnahmen in Harar: Simone Merli
Weitere Aufnahmen: Nicolas Becker
Mischung: Stephan Crasneanscki, Simone Merli, Kamran Sadeghi (Soundwalk Collective)
Musik-Berater und Buchla-Sythesizer: Hans Tammen
Studioaufnahmen und musikalische Beratung: Abegasu Shiota, Addis Abeba
Technik: Nebil Serej
Übersetzungen: Alemayehu Demeke, Brook Beyene, François Morand, Berhanou Abebe, Jakob Schumann, Bruno Givodan
Produktionsassistenz: Teddy, Abdul
Produktion: Deutschlandfunk Kultur/France Culture 2018

Länge: 54'36

Herzlichen Dank an: Éponine Momenceau, Alain Sancerni, Bernard Dumerchez, Jean-Marc Boutonnet-Tranier, Tony Shanahan, Pauline Lecointe, Dumerchez, Shama Books, Louvre Grand Hotel Addis Abeba, Embassy of France in Addis Abeba, Ambasciata d’Italia ad Addis Abeba, Harari National Cultural Center, Abegas Shiota, Sharon Gilamike, Francesco Petrucci, Jennie Sobol, Irène Omélianenko, The Analogue Foundation, Audio-Technica

Sufi-Sänger aus der Sheik Ibrahim Gruppe, Harar  (Film Still von Éponine Momenceau)Stephan Crasneanscki (Film Still von Éponine Momenceau)

Das Soundwalk Collective wurde im Jahr 2000 gegründet und besteht aus Stephan Crasneanscki, Simone Merli und Kamran Sadeghi. Ansässig in Berlin und New York arbeiten sie zumeist mit Fieldrecordings und charakteristischen Klängen von Gebäuden, sowie realen und imaginären Orten. Ihr Hörstück "What we leave behind" (DKultur 2015) zeichnete das New York Festival 2016 mit dem Silver Radio Award aus.

"Illuminations" wurde unterstützt durch "The Analogue Foundation".

Stephan Crasneanscki, einer der drei Köpfe des Soundwalk Collective, philosophiert im Gespräch mit Golo Föllmer über spritiuelle Verbindungen zwischen Afrika und Europa und über die Rolle von Kunst in Zeiten verschärfter Grenzen und Kämpfe.

GOLO FÖLLMER   Arthur Rimbaud. Was ist Ihre Beziehung zu ihm? Was sagt er Ihnen und Ihren Kollegen von Soundwalk Collective?

STEPHAN CRASNEANSCKI   Arthur Rimbaud ist einer jener Poètes Maudits, jener Künstler, die beschlossen haben zu verschwinden. Und als ich aufwuchs und reiste und mich von einem Ort zum anderen bewegte, in einem gewissen Sinn auch verschwand, fühlte ich mich sehr mit seinem Leben und dieser Idee verbunden, dass du verschwinden und dich woanders neu erfinden kannst. Sehr früh vertrat er diesen rätselhaften, mysteriösen Künstler, der sehr jung in einen Zustand der Gnade geraten war und sich entschloss, vor allem davonzulaufen und für immer in Afrika zu verschwinden.

GOLO FÖLLMER  Um die Stücke zu entwickeln, reist das Soundwalk Collective viel. Hat Rimbaud Sie schon eine Weile in Gedanken begleitet, vielleicht mit der Art, wie er die anderen Welten gesehen hat?

STEPHAN CRASNEANSCKI  Ich lebte zwischen dem Schwarzwald in Deutschland und in Paris, und ich hatte eine Sehnsucht nach weit entfernten Landschaften und unbekannten Ländern. Und die Kraft des Klangs kam wirklich früh in meinem Leben, und sie war immer mit Reisen verbunden, ein Ruf, auf Reise zu gehen. Und als ich anfing, mit Sound zu arbeiten und das Soundwalk Collective fand, wollte ich die Welt aus einer akustischen Perspektive lesen. Ich war total interessiert an dieser Idee, dass irgendwo in unbekanntem Land ein Klanggebiet sein wird, das es mir erlaubt, zu wachsen, mir ein anderes Wissen beizubringen, eine andere Perspektive auf die Welt.

GOLO FÖLLMER  Liegt da auch die Verbindung zu den Sufis? Dass sie eine Musik in ihrer Religion praktizieren, die den Geisteszustand verändern kann?

STEPHAN CRASNEANSCKI  Ja, mich interessiert wirlich sehr, dass du mit einer bestimmten Praxis des Denkens, mit einer Praxis des Klangs, deinen Zustand transzendieren kannst. Du hast tatsächlich die Möglichkeit, auf neue Realitäten zuzugreifen, eine Nicht-Dualität-Realität, eine Realität, in der es keine Trennung zwischen dir und mir gibt, keine Trennung zwischen mir und der Welt, wir sind alle Moleküle, alle Teilchen, die sich in hoher Geschwindigkeit bewegen. Der Sufismus praktiziert diese Vereinigung mit dem Unendlichen, mit dem Zustand der Gnade, den auch Rimbaud hatte. Dieser Zustand war immer für uns Menschen da. Für die meisten von uns ist es natürlich ein schlafender Zustand. Aber durch die Praxis des Singens und verschiedene Formen von Trance können wir auf diesen schlafenden Zustand zugreifen und ihn in gewisser Weise erwecken. Und ganz plötzlich bekommen wir eine ganz andere Perspektive auf das menschliche Leben.

Ausschnitt vom Hof des Hauses von Arthur Rimbaud (Foto: Stephan Crasneanscki)Ausschnitt vom Hof des Hauses von Arthur Rimbaud (Foto: Stephan Crasneanscki)

GOLO FÖLLMER  In Ihrer Musik arbeiten Sie viel mit Wiederholungen. Eine Art flüchtige Wiederholung, die sich nie identisch wiederholt, sondern in kleinen Schritten gegeneinander verschiebt.

STEPHAN CRASNEANSCKI  Nehmen Sie den perfekten Loop, wie das Meer, das Geräusch der Wellen. Der Klang von Wellen wiederholt sich immer, aber niemals genau identisch. Nichtsdestotrotz war das Geräusch von Wellen und Meer schon lange vor uns Menschen da und wird lange nach uns noch da sein. Und diese endlose Schleife, diese endlose Wiederholung ist eine akustische Grunderfahrung des Menschen.

GOLO FÖLLMER  Welche Rolle spielen Field Recordings und der Gesang der Sufis in 'Illuminations'? Und inwiefern ist es radiophon komponiert, inwiefern erzählt es eine Geschichte?

STEPHAN CRASNEANSCKI  Ich bin mit dem Klang des Radios groß geworden. Ich erinnere mich, wie ich im Schwarzwald Deutschlandradio hörte und das Radio Tag und Nacht spielte, wir haben das Radio nie ausgeschaltet, ernsthaft. Meine Erfahrung von Klangraum kommt immer aus dem Erzählen, aus einer akustischen kinematographischen Erfahrung. Ich liebe es, mit Sound Geschichten zu erzählen. Als Kind zuhause konnte ich auf den Klängen in weit entfernte Länder reisen, oder in andere Häuser mit den Stimmen fremder Leute, anderer Orte. Diese Art Beweglichkeit, die Mobilität von Klang hat mich immer interessiert. Und in der Arbeit des Soundwalk Collective geht es immer um diese Idee, dass Klang in dir Erinnerungen wecken kann, eine schlafende Erinnerung von einem Ort, an dem du nie gewesen bist — aber vielleicht in einem früheren Leben, oder einem zukünftigen (lacht).

Textbesprechung (Film Still von Éponine Momenceau)Textbesprechung (Film Still von Éponine Momenceau)

GOLO FÖLLMER  Wie kam die Zusammenarbeit mit den Sufis zustande?

STEPHAN CRASNEANSCKI  Wir wissen von Rimbaud, dass er gut Arabisch sprach, und Oromo und Harari. Und er brachte jungen Kindern den Koran bei. Er war mit diesen Dialekten und Sprachen und dieser Kultur sehr vertraut. Und wie er da in Harar lebte, dem heiligsten Ort für den Sufismus in Afrika, wäre ein Kontakt dazu nur logisch gewesen. Also gab es diese Idee, was ist passiert, wenn Rimbaud tatsächlich nicht aufgehört hat, Gedichte zu schreiben, wie jeder annimmt. Sondern wenn er weiterhin Gedichte schrieb, aber nicht mehr für die Europäer, die ihn abgelehnt haben, sondern stattdessen für die Sufi-Meister. Wenn Arthur plötzlich ein afrikanischer Dichter geworden wäre, ein Sufi-Poet, der sein ganzes Talent der Sufi-Praxis gegeben hätte.

GOLO FÖLLMER  Sie haben sich das nur vorgestellt. Aber es wäre möglich, oder?

STEPHAN CRASNEANSCKI  Ja, genau. Es macht totalen Sinn. Ich meine, das Geheimnisvolle im Leben eines Menschen aufrecht zu erhalten, gibt Künstlern die Möglichkeit, einen Mythos zu überdenken und diese Abwesenheit von Eindeutigkeit mit einer eigenen Interpretation zu füllen. Wir versuchen einen künstlerischen Vorschlag zu machen, wie viel Nähe, wie viel Beziehung zwischen der Poesie von Rimbaud und der Praxis des Sufismus besteht. Und wie ein junger Dichter in Nordfrankreich ein instinktives Gefühl von Einheit und Trance entwickelt, das seit Tausenden von Jahren irgendwo in Afrika praktiziert wird.

GOLO FÖLLMER  Wie kamen die Texte zustande?

STEPHAN CRASNEANSCKI   Patti Smith hat eine lange Beziehung zu Arthur Rimbaud. Er hat ihre Arbeit seit ihrer Frühzeit inspiriert und beeinflusst. Man weiß von Rimbaud als Kaffeehändler, dass er all diese Briefe an seine Mutter und Schwester geschrieben hat. Aber ein künstlerischer Rimbaud in Afrika war nie vorstellbar. Patti Smith fand diese Idee sehr interessant.

GOLO FÖLLMER  Ich war beeindruckt von Rimbauds Konzept des 'Sehers', der Person, die ihren Sinn verwirrt, um in einen anderen Zustand zu gelangen. Ist diese Idee direkt mit den Sufis verbunden?

STEPHAN CRASNEANSCKI   Rimbaud sprach vom Rausch aller Sinne. Das bedeutet, sich mit Gott zu berauschen. Oder mit einem Gefühl der Göttlichkeit oder einem Gefühl des Einsseins. Und das kann nur durch wiederholtes Singen und Wiederholen eines Satzes immer und immer wieder erreicht werden, bis du alle Sinne verlierst. Und natürlich hatte Rimbaud schon früh, instinktiv, diesen Zugang zur Einheit durch Berauschung der Sinne wahrgenommen. Es ist etwas sehr Flatterhaftes: Du hast es, und es geht wieder weg. Du weckst diese schlafenden Schichten, du erweckst den Zustand. Und dann erwacht es in dir und offenbart sich dir. Und dann schließt es sich wieder für dich. Eine Idee im Sufismus ist, so lange wie möglich drin zu bleiben. Deshalb singen sie Tage und Tage bis zur totalen Erschöpfung. Und diese Idee der totalen Erschöpfung hat auch Rimbaud gehabt, als er mit der Idee spielte, sich so sehr zu erschöpfen, dass sein Verstand, die Ratio, diese Erfahrung nicht blockieren kann.

(Film Still von Éponine Momenceau)Sufi-Sänger (Film Still von Éponine Momenceau)

GOLO FÖLLMER  Wie lief die Arbeit mit den Sufis?

STEPHAN CRASNEANSCKI   Wir trafen verschiedene Gruppen des Sufismus und ihre Hauptmeister und Jünger. Und wir fanden eine Sufi-Gruppe, die sich sehr für Rimbauds Gedichte interessierte. Wir hatten Übersetzungen in Oromo und Harari, und sie lasen die Gedichte und wir arbeiteten mit ihnen bei der Auswahl, welcher Teil, welches Gedicht tatsächlich mit ihren mystischen Liedern resonieren würde. Die Idee war, dass es eigentlich keinen französischen Rimbaud und äthiopischen Sufismus mehr gibt und auch nicht, dass man zum anderen geht. Das war extrem wichtig für mich: die Idee, dass die Kultur keine Grenzen kennt und dass wir Menschen immer ein Cross-over gelebt haben, ein Verschmelzen der Kulturen.

GOLO FÖLLMER  Haben Sie mit den Sufis auch zusammengespielt?

STEPHAN CRASNEANSCKI    Wir sind in ein Studio gegangen und sind dort 5 oder 6 Tage geblieben, ohne zu schlafen. Du erzeugst diese Trance und wir haben im Grunde nur geprobt und wiederholt und eine enorme Menge an Stunden aufgenommen, bis wir in diese Zone gekommen sind. Die Sufis schweben, sie fliegen, sie tanzen ganz bei sich. Und wir wollten da sein und diese Momente festzuhalten, auch wenn sie kurz sind.

GOLO FÖLLMER   Sie haben sie auf ihrer mentalen Reise begleitet. Aber haben Sie auch mit ihnen zusammen Musik gemacht oder Ihre Musik später hinzugefügt?

STEPHAN CRASNEANSCKI  Wir haben Phrasen ihres Gesangs für einen Synthesizer umgeschrieben, der in New York in der Zeit der Minimal Art benutzt wurde. La Monte Young, Terry Riley, Steve Reich und Philip Glass waren Teil dieser Bewegung in den 60ern. Diese experimentelle, hypnotische Schule, wie sie genannt wird, war sehr vom Sufismus inspiriert. Wir haben genau den gleichen Synthesizer genommen, der damals verwendet wurde, und wir haben die Phrasen der Sufi-Sänger in unserer Musik neu verwendet. Das läuft im Hintergrund des Stücks. Das ist genau diese Idee von Resonanz, wie Rimbaud vom Sufismus inspiriert wird, wie der Sufismus die Minimal Music inspiriert, und dann wir wieder heute, mit Patti Smith und zurück nach Äthiopien. Das ist alles eine große Schleife, wir geben einander immer wieder Inspiration und Kreativität zurück. Und gerade heute, in einer Zeit der Grenzen und Kämpfe. Was gehört wem und wer sollte wo bleiben? Kunst hat nie Grenzen gekannt und war immer eine konstante Inspiration von Kultur zu Kultur. Das prägt den Menschen vom ersten Tag an: dass Kultur schon immer der erste Schritt unserer Interkonnektivität war. Und so ist Rimbaud kein Franzose und kein Deutscher oder Äthiopier oder Amerikaner. Er ist ein universelles Vermächtnis, das jeder als Quelle oder Inspiration für einen neuen Vorschlag aufgreifen kann. Was wir hier machen, ist ein Vorschlag unter vielen.

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