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Vollbild | Beitrag vom 26.08.2017

Kinokolumne Top FiveDie besten Filme über die Tränen der Clowns

Von Hartwig Tegeler

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Jim Carrey als Andy Kaufman in Milos Formans Tragikomödie "Der Mondmann" von 1999 (imago/United Archives)
Jim Carrey als Andy Kaufman in Milos Formans Tragikomödie "Der Mondmann" von 1999 (imago/United Archives)

Große Komiker haben immer beides zusammengedacht, das Lachen und die Traurigkeit. Zum Filmstart von Taylor Hackfords "The Comedian" hat Hartwig Tegeler die Filmcharts der traurigen Clowns zusammengestellt: Jim Carrey als "Mondmann" Andy Kaufmann darf darin nicht fehlen.

Platz 5: Monsieur Chocolat von Roschdy Zem (2016)

Der weiße Clown und der schwarze Clown. Der weiße ist Franzose, der schwarze ein ehemaliger afrikanischer Sklave, der in einer Zirkusnummer den dummen August spielt. Ende des 19. Jahrhunderts, in dem Rassismus und Diskriminierung unhinterfragtes Alltagsgeschäft waren, auch auf der Bühne. Was es kostet, die Menschen zum Lachen zu bringen, zeigt Roschdy Zem als historische Parabel, die aktuell bleibt. Die Tränen des Clowns im Zirkus, auf der Bühne, im Fernsehen, im Kino - davon erzählen die guten Geschichten über den Clown und seine Tränen wie Monsieur Chocolat. Die wahren Tränen hinter der Maske.

Platz 4: Ansichten eines Clowns von Vojtech Jasny (1976)

 Bundesrepublik, Spätphase der Adenauer-Ära, Zeit des Stillstands, Deckel des Verdrängung über allem, was vor '45 war.  Der Clown in dieser Heinrich-Böll-Verfilmung, der nur als Clown glaubt, die Abgründe, Lügen und Geheimnisse der mörderischen Vergangenheit aufdecken zu können. Die Melancholie, die die Figur des Clowns in sich tragen muss, wenn sie um Wahrhaftigkeit kämpft, sie ist in den schwarz geschminkten Augen und dem weißen Gesicht der Maske von Helmut Griem da. Doch am Ende, am Bahnhof, Gitarre spielend, hat dieser Clown resigniert.

Platz 3: Der Mondmann von Milos Forman (1999)

Resigniert hat am Ende auch dieser Clown: Andy Kaufmann. Der Clown, der Komiker noch einmal als Melancholiker, der nicht versteht, dass sein Publikum nicht versteht, dass das fundamentale Gesetz des Universums das der Absurdität ist. Und dass man dem nur mit anarchischen Bühnenshows begegnen kann. "Hey, warum, warum, warum machen wir nicht einfach einen Gag draus?" sagt er. 

Jim Carrey als Andy Kaufman, Komiker-Ikone der 1970er Jahre. Der Titelsong von R.E.M., "Man in the Moon" ist ihm gewidmet. Als Andy an Lungenkrebs erkrankt, schon mit Glatze, fährt er zu einem Wunderheiler auf den Philippinen. Dieser Ausdruck in seinem - in Jim Carreys - Gesicht, wenn er erkennt, dass der Heiler nur ein Scharlatan ist. Der Moment der Erkenntnis, der Erleuchtung angesichts des Todes, dass das Leben nicht nur absurd, sondern auch eine Illusion, ein Spiel ist. Und dass das die Aufgabe des Clowns ist, durch das Lachen, das er bewirkt, die Menschen zu eben dieser Erkenntnis zu führen. Was die natürlich nicht wollen.

Platz 2: Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod von Alex de la Iglesia (2010)

Der Moment, in dem der Clown die Kinder zum Lachen bringen kann, ist ein kurzer, denn die Welt ist lange aus den Fugen geraten. Bürgerkrieg in Spanien. 1937, der Bürgerkrieg. Dann, 1973, in Mad Circus, die Franco-Ära. Der traurige Weißclown, Sohn des toten Clowns aus der Zeit des Bürgerkriegs. Später verstümmelt sich Javier Wangen und Lippen mit dem Bügeleisen, um auf immer und ewig Clown zu sein. Die Haut bleicht er aus, so braucht er kein weißes Make-up mehr.

Und dann nimmt er im Bischofsgewand zwei Maschinenpistolen in die Hand und ballert die Franco-Schergen über den Haufen. Grobheit, Dreck, Sadismus, extreme Gewaltbilder. Seinen Goya, seinen Dalí und seinen Buñuel hat Alex de la Iglesia in diesen filmischen Bilderrausch mit hinein genommen. Und das Lachen - am Anfang noch das unschuldige der Kinder im Zirkus - ist am Ende höhnisch. Außer Rand und Band. Aber auch das hat nicht Bestand in MAD CIRCUS. Ganz am Ende weint der weiße Clown bittere Tränen. Irgendwann im Film sagte er: "Ich gehöre zu den traurigen Clowns, ich kann nicht lustig sein."

Platz 1: Lenny von Bob Fosse (1974)

Obszönität als Gesellschaftskritik. Was der Ahne des Clowns, der Narr einst am Thron des Königs machen durfte, ohne den Kopf zu verlieren, machte Lenny Bruce, Standup-Comedian, auf der Bühne. Und landete dafür aber häufig vor  Gericht, wo der Experte, Theologe, empört, analysierte: "Er will die Menschen vor den Kopf stoßen, um ihnen in besonders drastischer Weise vor Augen zu führen, dass sie in jeder Sekunde ihres Lebens heucheln." Dustin Hoffman, heute 80, damals 37, in einer seiner grandiosesten Rollen als Standup-Comedian Lenny Bruce, der 1966 starb. Der Komödiant, der Satiriker, der Gesellschaftskritiker wird am Ende mit einer Spritze im Arm tot aufgefunden. Die bitteren Tränen des Clowns …

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