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Länderreport | Beitrag vom 14.03.2018

Kinderheim in DonauwörthSpäte Aufklärung

Von Judith Zacher

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Zwei Schwestern stehen auf einer Anhöhe mit Blick auf die Stadt Donauwörth und das Kloster Heilig Kreuz. (Judith Zacher)
"Es sind Erinnerungen, die kommen halt immer wieder." - Die beiden Schwestern wurden als Kinder im Heim Heilig Kreuz in Donauwörth missbraucht. (Judith Zacher)

Seit Jahren kämpfen zwei Schwestern für die Veröffentlichung von Missbrauchsfällen im katholischen Kinderheim Heilig Kreuz in Donauwörth. Lange Zeit vergebens. Sie selbst mussten als Heimkinder Prügel und grausame Erziehungsmethoden über sich ergehen lassen.

"Ich hab schon noch einmal einen Anlauf gebraucht, weil es grad alles wieder so nah ist. Es sind halt Erinnerungen und die kommen halt immer wieder, taucht immer wieder auf."

Es hat sie große Überwindung gekostet, hierher zu kommen. Nach Donauwörth. Den Ort, an dem die heute 58-Jährige – wir nennen sie Marsha – ihre Kindheit verbracht hat. Eine furchtbare Kindheit, geprägt von Prügel und Misshandlungen. Im Kinderheim Heilig Kreuz.

Hier oben aber, da geht es. Gemeinsam mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Susanne blickt sie von einer Anhöhe aus auf die Stadt Donauwörth – der Kirchturm von Heilig Kreuz ragt empor.

Schläge, kein Trinken, eingesperrt im Keller

"In dem Turm war ja die Kapelle, in der wir gebeichtet haben, die Gruftkapelle, ja genau, unten. Man hat uns was eingeschwätzt im Beichtstuhl, was wir gar nicht gemacht haben, und dann sind wir geschlagen worden hinterher für das, was wir gebeichtet haben. Und den Turm verbinde ich damit – und das hat für mich was mit Religion, dem Glauben, mit dem Max Auer eben zu tun."

Max Auer war Priester, Monsignore. Er hat das Kinderheim geleitet, von 1945 bis zu seiner Schließung 1977. 

"Max Auer war eine angesehene Persönlichkeit in Donauwörth. Das ist was, was uns so aufstößt. Wo grad dieser Max Auer großen Anteil daran gehabt hat, dass vieles passiert ist. Der war jeden Tag präsent, hat abgefragt, wie waren die Kinder. Dann hast dich über den Stuhl gelegt und hast auf den nackten Hintern was drauf kriegt."

Zwei Schwestern - ehemals Heimkinder im katholischen Kinderheim Donauwörth (Judith Zacher)Seit Jahren kämpfen die beiden Schwestern für die Veröffentlichung der Missbrauchsfälle. (Judith Zacher)

Mit dem Rohrstock. Immer wieder hat er zugeschlagen, erinnert sich die heute 60-Jährige. Schläge, die sich eingegraben haben. Doch nicht nur er hat die Kinder misshandelt, auch einige weltliche Erzieherinnen hatten grausame Erziehungsmethoden. Nachts durften die Kinder nicht auf die Toilette. 

"Dann hab ich ins Bett gemacht. Und dann hab ich mein Leinentuch nachts aufgehängt und die ganze Nacht habe ich drüber gewacht, dass es trocknet, aber man hat es an den Rändern gesehen. Und dann, am nächsten Morgen, da hat die Erzieherin das gesehen, dann gab es zwei Tage nichts zu trinken."

Auch sexuellen Missbrauch gab es

Doch, die heute 58-Jährige war schon immer rebellisch, sagt sie, lächelt ein wenig, streicht ihre rötlichen Locken aus dem Gesicht. Als sie ihr nichts zu trinken geben wollten, hat sie den leeren Becher genommen und ihn quer über den Tisch geworfen. 

"Dann wurde ich gepackt, in Keller runtergezerrt, in den Kartoffelkeller, der hatte ein kleines Fensterchen oben, mit so Gitter dran. Also, ich hab immer zu dem Fenster hochgeschaut. Ich wurde den ganzen Tag da eingesperrt, hab geschrien und geheult. Dann kam der Hausmeister, den hab ich an Stimme erkannt, der hat sich einen Sack über den Kopf gestülpt. Der hat auf einen großen Marmeladeneimer, hat er mit dem Stock drauf geschlagen: Ich bin der Teufel, ich bin der Teufel, ich hol dich jetzt. Und dann hat er mich noch mit einem Wasserschlauch nass gespritzt. Dann ist er verschwunden. Und ich bin über Stunden noch nass in dem Keller gesessen."

Und auch sexuellen Missbrauch gab es. Durch einige Erzieherinnen, vor allem aber durch ältere Jungen, die auch im Heim untergebracht waren.

Niemand wollte die Missbrauchsvorwürfe veröffentlichen

Das sind Erinnerungen, die die beiden nie vergessen werden. Erinnerungen, von denen bis vor Kurzem kaum jemand wusste – oder wissen wollte. Die Schwestern haben die Stadt Donauwörth informiert, diverse Medien, keiner wollte etwas öffentlich machen.

Erst durch die Berichterstattung im Bayerischen Rundfunk wurde öffentlich bekannt, welche Szenen sich mitten in Donauwörth, in den 60er- und 70er-Jahren abgespielt haben. 

Die beiden Schwestern haken sich einander unter, gehen ein paar Schritte, den Berg hinab, mit Blick auf die Stadt. 

Blick auf den Kirchturm des Klosters Heilig Kreuz in DonauwörthDer Kirchturm von Heilig Kreuz in Donauwörth
Hier oben, mit etwas Abstand, können sie es ertragen. Die Schwestern haben dem Tag der Veröffentlichung entgegengefiebert. Mal haben sie sich gefreut, mal hatten sie Angst. Sie wussten ja nicht, was sie erwartet. Zu oft waren sie in der Vergangenheit enttäuscht worden. 

"Da bin ich morgens aufgewacht und musste erst einmal weinen vor Erleichterung. Das war für mich wie ein Befreiungsschlag, wie nach – sag ich mal bei mir – nach einem 40-jährigen Krieg. So jetzt ist er vorbei. Die Schlacht ist ein bisschen gewonnen, jetzt."

"Also ich bin aufgewacht mit dem Gefühl: So, jetzt wissen es alle und jemand glaubt uns."

"Das ging mir ähnlich, es war ein Gefühl extremer Erleichterung, dass man jetzt endlich mal gehört wird."

Endlich. Denn seit Jahren kämpfen die beiden genau darum, um Öffentlichkeit. Doch genau die wurde ihnen immer und immer wieder versagt. 

"Ich hab ja 2010 schon an die 'Donauwörther Zeitung' geschrieben, diese Vorgänge, was im Kinderheim passiert ist so. Und hab dann um Veröffentlichung gebeten, dann hab ich die Antwort erhalten, man müsse mit dem Bistum Augsburg Rücksprache halten, ob derlei Vorkommnisse bekannt seien."

Kein öffentlicher Aufruf

Bei der Zeitung heißt es heute, man habe das nicht belegen können, die zuständigen Redakteure hätten die Schilderungen für nicht glaubwürdig erachtet. Deshalb habe man nicht weiter recherchiert.

Dabei lagen die Fakten da längst auf dem Tisch: Das Bistum Augsburg wusste von den Misshandlungen. Wenig später wurde Marsha eine Entschädigung nach den Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz in Anerkennung des Leids zugesprochen. 
 
Die Missbrauchsbeauftragte des Bistums hatte ihre Schilderungen für plausibel erklärt. Von einem öffentlichen Bekenntnis sah man seitens des Bistums lieber ab, wollte auch keine anderen Heimkinder über die Entschädigung informieren, so wie es sich Marsha wünschte. In einer E-Mail schreibt die damalige Missbrauchsbeauftragte an sie:

"Zu ihrem Anliegen bezüglich eines öffentlichen Aufrufes durch die Diözese – das wird nicht stattfinden. Mit freundlichen Grüßen."

Stattdessen hat Marsha ihre Geschichte aufgeschrieben, sie im Internet veröffentlicht – und diesen Link zigfach verschickt: 

"Ans Cassianeum, die Stadt, an den Bürgermeister selber noch einmal, also per E-Mail. Ich war ja so verzweifelt, dass ich gedacht habe – ich schmeiß das Ding jetzt nur so raus. Oder wenn wieder pädagogische Tagungen sind, dass ich meinen Artikel hundert Mal kopiert und hänge den hinter jeden Scheibenwischer – so weit war ich. Weil ich gedacht habe, kann nicht sein, die hören uns nicht zu."

Die Schreiben blieben unbeantwortet

Sämtliche E-Mails blieben unbeantwortet. Trotzdem, Marsha ließ sich nicht entmutigen. Vor zwei Jahren, als ihre Schwester, nach langer psychotherapeutischer Begleitung und mehreren Krankenhausaufenthalten bereit war, sich ebenfalls beim Bistum zu melden, haben sie es noch einmal gemeinsam versucht. Schriftlich und mündlich haben sie gegenüber der Missbrauchsbeauftragten betont, "dass das uns ganz wichtig ist, dass das veröffentlicht wird, dass das nicht sein kann, dass das noch immer nicht veröffentlicht wird. Und ich hab keine Antwort bekommen von ihr. Nur eine Lesebestätigung erhalten. Da hab ich mich schon wieder so abgefertigt gefühlt. Gar nicht zu reagieren, das war für mich wieder so: Ich bin Heimkind. Was willst du überhaupt."

Der Pressesprecher des Bistums, Karl-Georg Michel, versucht zu beschwichtigen. Eines der Opfer habe doch nicht gewollt, dass man die Höhe der Entschädigung veröffentliche. 

"Das ist eine Gratwanderung zwischen Opferschutz und Öffentlichkeit, und wir hatten den Hinweis, dass wir mit der Frage der Leistungen zurückhaltend umgehen sollen. Dann ist man schon wieder im Konflikt, dann wollen die anderen wissen, ja wie viel hat die gekriegt. Das macht es für uns schwierig."

Über solche Worte können Susanne und Marsha nur mit dem Kopf schütteln. Was hat die Höhe der Entschädigung denn mit Aufklärung und der Suche nach weiteren Missbrauchsopfern zu tun, fragen sie sich.

"Wir haben von denen nichts erfahren"

Das können sie nicht verstehen. Auch nicht, warum der Donauwörther Oberbürgermeister Armin Neudert zwar sein Bedauern ausdrückt über diese Vorfälle und betont, er habe erst durch die Medien davon erfahren. Dabei hat Marsha auch der Stadt mehrere Mails geschickt. Ein Interview dazu will er nicht geben, sich nur schriftlich dazu äußern. 

"Die Aufklärung und Aufarbeitung muss dort geschehen, wo die Verantwortung lag und liegt."

In einer Stadtratssitzung wurde das Thema kurz angesprochen, dabei wolle man es belassen, so seine Sprecherin. CSU Stadträtin Birgit Rössle ist dagegen bestürzt. Sie sei damals mit Kindern aus dem Heim in eine Klasse gegangen. 

"Wir haben von denen nichts erfahren, die haben uns nichts gesagt. Also, ich zumindest hab nichts gewusst, wie sie da behandelt werden, die waren wie wir, genauso wild, genauso brav."

Als sie jetzt von den Missbrauchsvorfällen gehört hat, sei sie aus allen Wolken gefallen.

"Natürlich ist man betroffen von der Geschichte, selbstverständlich."

Jetzt, nach mehr als 40 Jahren – ihrem 40-jährigen Krieg, wie Marsha es nennt. Auch im Bistum bewegt sich was. Peter Kosak, der neue Vorstandsvorsitzende der Stiftung, die das Heim früher betrieb, hat den Bistumsarchivar beauftragt, nach Dokumenten zu suchen, die den Missbrauch belegen oder andere Fakten zum Heim ans Tageslicht bringen.

"Man hätte nachdrücklicher darauf eingehen können"

"Uns geht einfach darum, den Menschen, die da tiefes Unrecht erfahren haben, die in ihrem Leben mit Sicherheit Beeinträchtigungen haben, denen Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Und ihr oberstes Anliegen ist, jetzt Licht ins Dunkel zu bekommen."
 
Er sieht hier durchaus Versäumnisse bei seinen Vorgängern.

"Man hätte schon 2011, als das erste Mal diese Vorwürfe schriftlich dokumentiert waren, hätte man sicherlich nachdrücklicher darauf eingehen können, das tun können, was wir jetzt tun können, nämlich offensiv in die Kommunikation gehen, offensiv zuhören und aus dem Zuhören dann auch Fakten zu schaffen."

Kosak will Namen und Adressen weiterer ehemaliger Donauwörther Heimkinder ausfindig machen, alle zu einem runden Tisch einladen. An dem auch Traumatherapeuten, Juristen und Historiker teilnehmen. Lange genug hat es gedauert. Lange genug wurde gemauert. Lange genug mussten die beiden Schwestern kämpfen. Kosak bedauert das und hofft, dass man dies in Zukunft verhindern kann. 

"Ich wünsche mir, dass das nicht vergessen wird"

"Ich glaube, eine hohe Sensibilität in diesen Themen, eine hohe Transparenz im Umgang damit, das ist der Weg, den wir beschreiten müssen. In der heutigen Zeit kann man schon beurteilen, das hätte man offensiver und nachdrücklicher in 2011 verfolgen müssen. Aber diese Sensibilität und das Bewusstsein sind jetzt da."

Marsha und Susanne bedeuten diese Worte sehr viel. 

"Das war das erste Mal, dass jemand ohne Wenn und Aber gesagt hat, wir arbeiten das auf, wir sind erschüttert."    

Marsha und ihre Schwester wirken nachdenklich. Noch immer stehen sie auf der Anhöhe über Donauwörth – mit Blick auf den Turm der Heilig Kreuz Kirche. Noch können sie nicht ganz begreifen, was da gerade passiert. Noch haben sie viele Fragen, die nicht beantwortet sind. Zum Beispiel, warum das Kinderheim 1977 geschlossen wurde. Warum man im Archiv dazu bislang nichts gefunden hat. Und sie haben noch einen Wunsch:

"Ich wünsche mir, dass das nicht vergessen wird, dass das in die Historie der Stiftung eingeht, dass das irgendwo geschrieben steht, und ich würde mir ja wünschen, dass man vor das große Denkmal des Onkel Ludwig einen Stolperstein macht. Und dass vor allen Dingen das nicht vergessen wird."

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