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Länderreport | Beitrag vom 20.06.2017

KielFrischer Fisch ist schwer zu kriegen

Von Johannes Kulms

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Alteingesessenes Fischgeschäft "Künnemann und Sohn" nahe des Kieler Blücherplatzes. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
Alteingesessenes Fischgeschäft "Künnemann und Sohn" nahe des Kieler Blücherplatzes. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)

Kiel war einmal ein Zentrum des Fischfangs und -handels. Aber selbst in großen Supermärkten gibt es hier keinen Fisch aus der Region mehr zu kaufen - aus verschiedenen Gründen. Wer ihn dennoch für die heimische Küche haben möchte, muss sich vor die Tore der Stadt begeben - und schnell sein.

Von einer Plattform aus können Besucher verfolgen, wie sich in Kiel mächtige Schiffe einfädeln in die Schleusenkammern des Nord-Ostsee-Kanals. Der ein oder andere bekommt dann Hunger und landet beim Imbiss von Andrea Leimgrübler auf dem Dach des Torbunkers im Stadtteil Wik.

"Also, ich denke, erst mal wollen sie ein Fischbrötchen. Aber letztendlich, wenn der Fisch sehr gut schmeckt, ist dann die Nachfrage, wo wir unseren Fisch herbekommen."

Rund die Hälfte der Fischfilets für ihre Brötchen kauft Leimgrübler von lokalen Fischern, in ihrem Fall in Strande, rund 15 Kilometer nördlich des Kieler Zentrums. Doch daneben ist sie auch auf die Großhändler angewiesen.

"Wir kaufen natürlich auch dazu. Es kommt auch häufig vor, dass wir von Dänemark unsere Sachen bekommen. Oder halt unsere Angler direkt unten am Kanal stehen und unsere Heringe dann da bekommen, die wir dann auch selber räuchern."

Doch insgesamt ist es sehr schwer, in Kiel frischen Fisch von lokalen Fischern zu bekommen. Dabei war die Stadt lange ein wichtiger Standort der Fischbe- und -verarbeitung, wie auch ein Besuch im Kieler Schifffahrtsmuseum zeigt.

Fisch-Fabriken sind verschwunden

Inzwischen sind die Fabriken jedoch verschwunden – und mit ihr auch die meisten Fischhändler. Dass es heute so schwer ist, hier an frischen Fisch aus der Region zu kommen, liegt vor allem den Vertriebswegen.

Im Seefischmarkt am Kieler Ostufer sind noch zwei Großhändler übrig geblieben. Einen von ihnen führt Dirk Schrader und beliefert viele Kieler Geschäfte und Gastronomen. Der Geschäftsführer von Eduard Wiese & Ivens Kruse GmbH macht auf eine Grundregel aufmerksam im Fischgeschäft:

"Fisch wird dort verarbeitet, wo er angelandet wird."

(Deutschlandradio / Johannes Kulms)Der Fischmarkt in Kiel (Deutschlandradio / Johannes Kulms)

Deswegen bezieht Schrader seinen Fisch vor allem über die Auktionen in Dänemark. Nur zehn bis 15 Prozent seines Sortiments kauft er von lokalen Fischern, also Fängen aus Binnengewässern, Teichen und den an Schleswig-Holsteins Küsten grenzenden Abschnitten von Nord- und Ostsee.

Das Problem sei, dass die lokalen Meeresfischer nicht garantieren könnten, zuverlässig konstante Mengen zu liefern, sagt der Großhändler:

"Ich sage mal im Land Schleswig-Holstein zwischen der Nordsee und Ostsee ist es wirklich so, dass die Qualitätsansprüche an Frischfisch extrem hoch sind, an Frischegrad."

Großhändler spielen eine wichtige Rolle

Weil den Großhändlern im Kieler Vertriebsnetz eine wichtige Rolle zukommen, sucht man frischen Fisch aus der Region in den Supermärkten von Kiel vergeblich. Selbst an der wohl größten Fischtheke der Stadt kann man vieles kaufen – zum Beispiel Wolfsbarsch, Lachs, Dorade oder auch Dorsch. Bloß sind darunter keine Tiere, die von Schleswig-Holsteinischen Küstenfischern aus dem Wasser geholt wurden.

Die Fischergenossenschaft Fehmarn vertritt 17 Fischer rund um die Kieler Förde. Benjamin Schmöde, der Geschäftsführer der Genossenschaft, kennt das Problem:

"Meine Erfahrungen waren häufig bisher so, dass generell ein hohes Interesse bestand im Handel, regionale Ware zu beziehen. Dass wir aber meistens daran gescheitert waren, weil wir meistens nicht zusichern konnten, dass wir 365 Tage im Jahr Fisch liefern können."

Die Engpässe haben auch mit dem schlechten Wetter zu tun: Weil viele Fischer in der Genossenschaft nur kleine Kutter hätten, würden die bei rauer See immer wieder im Hafen bleiben, sagt Schmöde.

Rund 50 Prozent der Fischer verkaufen ihren Fang über die Genossenschaft weiter zur Auktion in die Niederlande. Die andere Hälfte vermarkten die Fischer selber. Das heißt, wer mobil ist und zeitlich flexibel bekommt frischen lokalen Fisch vor den Toren von der Stadt. Zum Beispiel bei Leif Rönnau in Wendtorf, rund 20 Kilometer nordöstlich von Kiel. Der 31-Jährige verkauft fast seinen gesamten Fisch im Hafen.

(Deutschlandradio / Johannes Kulms)Ein Fischerboot am Kieler Hafen (Deutschlandradio / Johannes Kulms)

"Wenn wir jetzt unsere Quote nehmen würden und die paar Tonnen, die wir noch haben, nach Holland geben würden, da kriegst du einen Schnittpreis von 1,50. Und hier kriegen wir einen Preis von fünf Euro das Kilo."

Direktvermarktung lohnt sich

Nicht nur finanziell profitiere er von der Direktvermarktung. Auch fange er dadurch deutlich weniger Fisch, sagt Rönnau, was am Ende die Bestände schone. Ein sehr wichtiges Instrument ist für ihn und seine Kollegen das Portal "Fisch vom Kutter". Über die 2009 ins Leben gerufene Homepage können Interessierte sehen, wann und wo beteiligte Fischer in den Hafen einlaufen. Dann ist allerdings Schnelligkeit gefragt, denn es kann passieren, dass Frischfischfans am Kutter ankommen und der gesamte Fang bereits verkauft ist.

Trotzdem halten viele Vertreter der Fischwirtschaft das Portal für eine gute Idee, um wieder frischen Fisch aus der Region auf die Teller zu bringen.

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