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Buchkritik | Beitrag vom 16.01.2018

Kent Haruf: "Lied der Weite"Tatsachen des ländlichen Lebens

Von Gabriele Arnim

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Blick auf die Hauptstraße einer amerikanischen Kleinstadt - darüber das Buchcover: Kent Haruf "Lied der Weite" (Diogenes Verlag / picture alliance / Danita Delimo)
Buchcover: "Lied der Weite" von Kent Haruf (Diogenes Verlag / picture alliance / Danita Delimo)

Ein schwangeres Mädchen landet bei älteren Junggesellen und brutale junge Männer leihen ihre Freundin dem Freund aus. Zart und bodenständig zugleich beschreibt der Autor Kent Haruf in "Lied der Weite" das Leben seiner Protagonisten in einer amerikanischen Kleinstadt.

Berühmt wurde der amerikanische Schriftsteller Kent Haruf mit seinem letzten Roman, der erst 2015 – ein Jahr nach seinem Tod - veröffentlicht wurde. "Unsere Seelen bei Nacht" heisst er, er erzählt die hinreissende Geschichte einer sehr späten Liebe. 2017 wurde die Story mit Jane Fonda und Robert Redford verfilmt. Jetzt wird Haruf hierzulande noch einmal entdeckt, und einer seiner frühen Romane wird zum zweiten Mal in deutscher Übersetzung veröffentlicht: "Lied der Weite", der 1999 auf der Shortlist des National Book Award stand und in den Vereinigten Staaten ein Bestseller wurde.

Schauplatz ist – wie in den meisten Romane Harufs - die fiktive Kleinstadt Holt, irgendwo mitten in der Prairie von Colorado, wo auf vereinzelt liegenden Gehöften schweigsame Farmer Pferde und Kühe züchten. Hineingewoben in ein sanft geknüpftes Netz aus Beziehungen zwischen Stadt- und Landbewohnern, bewegen wir uns als Leser wie selbstverständlich in deren Leben, sind bald schon keine Zuschauer mehr, sondern eingebunden in einen Alltag, der oft scheinbar ereignislos dahingeht und so aufregend ist in seinen Herausforderungen wie jedes Leben jedes Menschen, wenn man es genau betrachtet.

Zu gewieft, um Unbill und Hässlichkeit auszulassen

Victoria wird als Teenager von ihrer lebensleeren Mutter auf die Strasse gesetzt, als sie merkt, dass das Mädchen ein Kind erwartet. Victoria sucht daraufhin Rat bei ihrer Lehrerin, die sie für eine Weile bei sich wohnen lässt und dann die gloriose Idee hat, die beiden McPheron-Brüder zu fragen, ob sie vielleicht das Mädchen auf ihrer Farm aufnehmen könnten. Die beiden sind ältere Junggesellen. Sie verstehen etwas von Färsen und Kälbern und Pferden. Aber gewiss nichts von jungen Mädchen und von schwangeren schon erst recht nicht. Doch, siehe da, die Lehrerin rührt mit ihrer Erzählung das Herz der Alten - sie nehmen das Mädchen auf, und es entsteht nach langem unbehaglichen Schweigen und eckigem Zusammenleben eine liebevoll schüchterne Gemeinsamkeit.

So freundlich geht es zu, dass man als abgebrühter Leser sich schon fast ungläubig abwenden möchte von so viel profunder und linkischer Herzenshöflichkeit. Doch Haruf ist ein viel zu gewiefter Schreiber, um Unbill und Hässlichkeit des Lebens unerzählt zu lassen. Es gibt brutale junge Männer, die ihre Freundin dem Freund ausleihen, einsame alte Frauen, ländliche Tristesse und eine ermattende Depression, von der die Frau des Lehrers so geschwächt wird, dass sie ihn und ihre zwei kleinen Buben verlässt.

Keine Lust an der Metzelei

Haruf erzählt das alles lapidar. Die Liebe wie die Gewalt. Das Leben der alten Brüder auf der Farm und der kleinen ohne ihre Mutter und beschreibt mit Akribie die Tatsachen des ländlichen Lebens. Einmal schneidet ein Tierarzt das tote Pferd des Lehrers auf, weil er wissen will, woran es gestorben ist. Über Seiten lesen wir, wie er die Schnitte setzt, die Rippen aufschneidet, Lunge, Herz und schleimige Gedärme untersucht. Da gibt es keine Lust an der Metzelei, sondern eine Leidenschaft für die Präzision. Bodenständig geht es zu. Und zart zugleich, wenn in scheinbar nebensächlichen Gesten, in kargen Worten wie selbstverständlich Güte aufscheint, Zuwendung zum anderen. Und wie großartig, dass kein falscher Ton erklingt im Lied der Weite.

Kent Haruf: "Lied der Weite"
Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein
Diogenes Verlag, Zürich 2018
384 Seiten, 24,00 Euro

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(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 11.12.2017)

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