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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 01.02.2014

Kennzeichnung von LebensmittelnDer unmündige Staatsbürger

Auch die EU will die Herkunft von Nahrungsmitteln auf die Packung drucken lassen

Von Udo Pollmer

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Das neue weiß-blaue Logo "Regionalfenster" ist unten links auf einer Butterpackung aus Bayern abgebildet. (picture alliance / dpa/ Wolfgang Krumm)
"Regionalfenster" waren erst der Anfang. (picture alliance / dpa/ Wolfgang Krumm)

Nach den kürzlich beschlossenen "Regionalfenstern" will auch die EU eine neue Länderkennzeichnung für Lebensmittel einführen. Doch bringen die neuen Regelungen dem Bürger auch mehr Klarheit? Etikettenschwindel, meint der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer.

Der Verbraucher möchte besser über seine Nahrung informiert werden. Populär ist die Forderung nach einer Herkunftsangabe – wir wollen schließlich wissen, woher unser Essen kommt. Wenn das Misstrauen wächst, sind anonyme Rohstoffe verdächtig. Deshalb plant die EU erweiterte Herkunftsangaben, beginnend mit Fleisch und Milch.

Bei jedem Würstchen sollen wir in Zukunft erfahren, ob das Schwein in Holland, Polen, Deutschland oder Dänemark geschlachtet wurde. Die Wurstfabrik braucht dann für jede einzelne Lieferung eine getrennte Lagerhaltung. Und die Wurst jedes Mal ein neues Etikett. Die Kollegen von der Überwachung dürfen dann im Labor prüfen, wo das Vieh gemästet wurde. Vielleicht wurden im Tiefkühllager ja polnische und deutsche Schweinehälften verwechselt. Dann hätten wir endlich wieder einen "Essensfälscher" auf frischer Tat ertappt. Doch eine solche Überprüfung ist ein Ding der Unmöglichkeit, es sei denn, man stellt für je 100 Schweinehälften einen Beamten zur Observation ab. Rund um die Uhr.

Exakte Kennzeichnung kostet richtig Geld

Lebensmittel werden global gehandelt – unsere Landwirte bedienen einen Weltmarkt – und die Hersteller kaufen dort ein. Wer mit Frische wirbt, sollte sein Obst und Gemüse dort kaufen, wo es gerade geerntet wird. Wenn nun ein Fertigsalat mit edlen Meeresfrüchten, bunten Gemüsestücken und einer leckeren Mayo – bei der wir natürlich wissen wollen, ob die Hühnereier aus Bodenhaltung kamen, - wenn ein solcher Salatmix Herkunftskennzeichnungen braucht, dann trägt jede Packung Dutzende von nicht nachprüfbaren Ländernamen. Und die ändern sich alle paar Tage. Das kostet richtig Geld. Der Hersteller spart das alles bei der Rohstoffqualität wieder ein. Aromen sind billiger und frei von Herkunftsangaben.

Nun arbeitet die EU auch noch an Regeln zur Verbraucherakzeptanz. Begriffe wie Studentenfutter sollen dann nicht mehr erlaubt sein, weil damit entgegen dem Namen auch Professoren gefüttert werden könnten. Der Chef der Lebensmittelüberwachung in Oldenburg, Axel Preuß spottete auf dem letzten Lebensmittelchemikertag über den Sandkuchen – es fehle ihm an Sand. Bayerischer Leberkäs‘ ginge gar nicht. Denn der „Käs“ ist kein Käse und enthält keine Leber. Und was machen wir mit dem Alsterwasser? Hier böte ein bisher unausgeschöpftes Reservoir Hamburger Provenienz eine neue Perspektive für einen günstigen Rohstoff. Apropos Hamburger: Die dürften dann auch nicht mehr so heißen. So wird der Schutz des Bürgers vor Täuschung immer weiter verfeinert.

Angaben korrekt interpretieren

All die zusätzlichen Informationen müssen doch vom Verbraucher auch richtig verstanden werden. Was aber, so Axel Preuß, wenn dies "in vielen Fällen schon bei den heutigen Etiketten bezweifelt werden muss. Nur noch wenige Spezialisten können hier alle Angaben korrekt interpretieren", erklärte Preuß. Und ich möchte hinzufügen, eine korrekte Interpretation heißt noch lange nicht, dass diese Spezialisten dann auch wissen, was im Produkt wirklich drin ist. Letztlich wird die Lebensmittelüberwachung durch die Kontrolle der Etiketten von wichtigeren Aufgaben abgehalten – z.B. von der Rückstandskontrolle.

Auch da wird Verbraucherschutz großgeschrieben: Die Politik will sich nicht nachsagen lassen, die Sorgen der Bürger in den Wind zu schlagen. Seit in den Medien wahrheitswidrig behauptet wird, in Schokolade sei „zu viel“ Cadmium drin, besteht Handlungsbedarf. Das allermeiste Cadmium steckt natürlich in Gemüse und Vollkorn. Doch inzwischen mauserte sich die „gefühlte Angst“ zum Maßstab: Der Präsident des Bundesinstitutes für Risikobewertung, Andreas Hensel, bestätigte zwar, dass Schokolade als Cadmiumquelle bedeutungslos ist – aber die Aufgabe seiner Behörde sei es nun mal, auch das „gefühlte Risiko“ zu senken. Sie plant nun – als Antwort auf die Presse - Höchstmengen für Edelkakao. Etikettenschwindel wohin man blickt. Mahlzeit!

 

Literatur

Preuß A: Informationen über Lebensmittel um jeden Preis? (Vortrag anlässlich des Deutschen Lebensmittelchemikertags in Braunschweig) Lebensmittelchemie 2013; 67: 145

Großklaus R: BfR-Statusseminar Cadmium – Neue Herausforderungen für die Lebensmittelsicherheit vom 7. Juli 2009

Scientific Opinion of the Panel on Contaminants in the Food Chain: Scientific Opinion Cadmium in food. EFSA Journal 2009; 980: 1-139

Ballschk M: Objektive Bewertung von Pestizidrückständen vs. gefühltes Risiko. SciLogs vom 22. August 2010

BfR: „Sicherer als sicher? - Recht, Wahrnehmung und Wirklichkeit in der staatlichen Risikovorsorge - Tagungsband zur BfR-Stakeholderkonferenz am 29. Oktober 2009 in Berlin“.

BfR: Rechtfertigen „gefühlte“ Risiken staatliches Handeln? Festveranstaltung zum 5-jährigen Bestehen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) vom 7. November 2007

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