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Tonart | Beitrag vom 23.08.2016

Keith Moon zum SiebzigstenDer wilde Clown unter den Schlagzeugern

Von Laf Überland

Keith Moon am Schlagzeug (imago/stock&people)
Er galt als der größte Rowdy der Rockgeschichte: Keith Moon, Schlagzeuger von The Who. (imago/stock&people)

Keith Moon gilt als größter Rowdy der Rockgeschichte: Der Schlagzeuger der Rockgruppe "The Who" stand für Exzesse und Zerstörungsorgien auf und abseits der Bühne, aber auch für virtuoses Schlagzeugspiel. Am 23. August wäre er 70 Jahre alt geworden.

An seinem 21. Geburtstag verlor The-Who-Schlagzeuger Keith Moon einen Schneidezahn - und zwar, als er im Hotel Inn von Flint, Michigan vor einem lokalen Sheriff weglaufen musste und dabei auf einem Stück Marzipan ausrutschte. Vorher hatte er - versehentlich, wie Sängerkollege Roger Daltrey beteuert - eine Lincoln-Limousine im Hotelpool versenkt. Nun ja, kann passieren.

Dass Schlagzeuger viel Spott ertragen müssen, geht zurück auf die Zeit der Jazz-Combos, da standen sie in der Hierarchie ganz unten. Aus jener Zeit rührt ja auch das Genre der Trommlerwitze, ein ganz beliebter lautet: Du, ich hab da mal so'n Stück geschrieben...

Schlagzeug fast völlig ohne Hi-Hat

Ringo Starr hatte da auch mal dieses Stück geschrieben. Der ist zwar überhaupt kein guter Songschreiber, aber er war der erste berühmte Popschlagzeuger, der das Schlagzeug als ernstzunehmendes Instrument eingeführt hat – sanft, melodisch, stoisch und doch akzentuiert.

Kurz danach kam dann Keith Moon, und sein Herangehen war etwas weniger sensibel: Sein Schlagzeuggetöse gab der Musik von The Who erst diesen aggressiven, chaotisch kribbeligen Punch - fast völlig ohne Hi-Hat, mit konstant paukender Doppelbass-Trommel und plötzlich ausbrechenden Tom-Tom-Kaskaden.

Die britische Rockband "The Who" (v. l. n. r.: Roger Daltrey, Pete Townshend, John Entwistle, Keith Moon (Drums)) am 26.9.1965 in Kopenhagen (Zweiter von rechts nicht identifiziert). (picture alliance / dpa / Erik Petersen)Die britische Rockband "The Who" (v. l. n. r.: Roger Daltrey, Pete Townshend, John Entwistle, Keith Moon (Drums)) am 26.9.1965 in Kopenhagen (Zweiter von rechts nicht identifiziert). (picture alliance / dpa / Erik Petersen)

Praktisch spielt Keith Moon ständig ein Solo! Mit wilden Grimassen und aller Gewalt hämmert er auf seine Trommeln und Becken beinahe gleichzeitig, so scheint’s. Und da er sich bei seiner Rumturnerei dauernd übergeben muss, stehen rechts und links vom Schlagzeughocker Eimer.

Aber "er klingt nach mehr als dem besten Drummer der Rockgeschichte", befand mal der US-Großkritiker Greil Marcus, "er klingt wie der Einzige."

Ein Wilder! Ein Tier hinter der Schießbude! Allerdings hörte sein Powerplay nach dem Auftritt nicht auf, und die Berichte und Legenden seiner Ausfälle bevölkerten lange die Tresen der Rockfans.  

Mit Feuerwerkskörpern die Drums zur Explosion gebracht

Recht fantasievoll scheint die Überlieferung, er habe auf einer US-Tour aus Langeweile die Möbel an die Decke genagelt. Was hingegen stimmt, ist die Sache mit den Böllern: Moon The Loon liebte es ja, Fernseher aus den Fenstern zu werfen und mit Böllern Hotelklobecken hochzujagen - mit Cherry Bombs, heute längst illegalem starkem Feuerwerksrumms. Und auch in die Fußpauke legte er gern mal ein, zwei davon und zündete sie.

Bei ihrer ersten Fernsehshow in den USA nun packte Moon die zehnfache Menge Cherry Bombs in seine Bassdrum – was niemand wusste – und legte damit, am Ende von "My Generation", vorübergehend landesweit den Sender lahm, verpasste Pete Townshend dessen fortan fast taubes Ohr und machte The Who in Amerika mit einem Rumms berühmt!

Eine gewisse Exzentrizität in Form von Freude an der Wildheit kann man der Spezies der begnadeten Trommler aber tatsächlich nicht absprechen: Allein die wilden Drumbattles waren bisweilen Hochleistungssport mit ulkigen Showeinlagen – und zwar seit den Jazzfilmen mit Leuten wie Gene Krupa... (Die waren es ja auch, die den jungen Moon veranlaßt hatten, vom Horn auf die Trommeln umzusteigen.)

Der Drummer als hartes, wildes Rock-Tier

Und dieser Moon trug dann wesentlich zur Emanzipation des Drummers als hartes, wildes Rock-Tier bei. In den Siebzigern kam es dann sogar auf, dass jede zweite Rock-LP im letzten, wahnsinnig langen Stück auf Seite 2 ein Schlagzeugsolo hatte: vermutlich ans Ende des Albums gesetzt, weil Frauen, wenn ein Drumsolo kam, immer ausstiegen. Das war, bevor die alternativen Trommelgruppen aufkamen... 

Und aus jener Zeit stammt auch der Fehlschluss, dass Trommler durchgeknallt seien: Die waren alle so drauf, damals, als Rockmusik und Revolte gegen das anständige Establishment eins waren und Drogen zu den Lebensmitteln zählten.

Nur, dass Keith Moon kein überforderter Rockstar war, dem gelegentlich die Sicherung durchknallten; er hatte tatsächlich einen Heidenspaß an seinen Lausbubenstreichen, in die er gelegentlich intensive Vorbereitung steckte. Und einige Scherze waren Monty-Python-reif, zum Beispiel wenn er sich als Priester verkleidete und so auf der Straße alten Damen Obszönitäten zurief...

Eigentlich war dieser verrückte Schlagzeuger Keith Moon ein zärtlicher, lieber Clown und quicklebendig – nur meistens unter Alkohol. Als er mit 32 starb, passierte das durch eine Überdosis Heminevrin – ein Psychopharmakon gegen die Probleme beim Alkoholentzug. 

Tonart

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