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Freitag, 15.12.2017

Weltzeit | Beitrag vom 22.06.2017

Katholisches Mutter-Kind-HeimWie Irland mit Verbrechen an unehelichen Heimkindern umgeht

Von Thomas Kruchem

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Blick auf das Heim für ledige Mütter und ihre Kinder des katholischen Bon-Secours-Orden im westirischen Tuam. (dpa / picture alliance / Aidan Crawley)
Blick auf das Heim für ledige Mütter und ihre Kinder des katholischen Bon-Secours-Orden im westirischen Tuam. (dpa / picture alliance / Aidan Crawley)

Auf dem Gelände eines ehemaligen katholischen Mutter-Kind-Heimes im irischen Tuam wurden 1975 Überreste von fast 800 Kinder- und Babyleichen gefunden. Das bestätigte ein Untersuchungsbericht im Frühjahr. Der benachbarte Erzbischof schweigt weiterhin.

Der kräftige alte Mann am Küchentisch blinzelt mit den Augen, nestelt an seiner Wolljacke, sucht nach Worten für das, was ihm ihn frühester Kindheit geschah.

"Wir sahen nichts. Wir waren nur in diesem großen Saal. Ich kann mich nicht erinnern, jemals rausgekommen zu sein aus diesem Saal. Wir sahen keine Vögel, keine Pferde, keine Rinder, nicht einmal eine Katze. Die Fenster in dem Saal waren ja hoch oben unter der Decke. Und sie wurden nur geöffnet, um durchnässte Matratzen zu trocknen."

Thomas Walde ist 75 Jahre alt. Die ersten sechs Jahre seines Lebens hat er hinter den Mauern eines düsteren Baus aus dem 19. Jahrhundert verbracht. Ein Heim für Kleinkinder lediger Mütter, die ihre Babys nach einem Jahr verlassen mussten. Es wurde betrieben von katholischen Bon Secours-Nonnen, in Sichtweite der erzbischöflichen Residenz im westirischen Tuam. Die heute 63-jährige Catherine Corless ist geboren in der Nachbarschaft des Heims. Wie Thomas Walde besuchte sie eine von Nonnen geleitete Grundschule.

Thomas Walde, ein Überlebender des Mutter-Kind-Heims in Tuam in Irland. (Deutschlandradio / Thomas Kruchem)Thomas Walde, ein Überlebender des Mutter-Kind-Heims in Tuam in Irland. (Deutschlandradio / Thomas Kruchem)

"Wir alle wissen noch, wie die Heimkinder zur Schule gingen. Und bis heute habe ich das eigenartige Klick-Klack ihrer Stiefel in den Ohren. Diese Kinder trugen schwarze Stiefel wie Soldaten, beschlagen mit Nägeln, damit sie lange hielten. Eine Gruppe von vielleicht 20 Kindern lief jeden Morgen 'Klick-Klack, Klick-Klack' zur Schule. Elend aussehende, spindeldürre Kinder, die miserabel behandelt wurden von den Nonnen."

Ein Grube voller Kinderskellete

Von 1922 bis 1961 existierte das Heim in Tuam. In den 70er-Jahren entstand eine Wohnsiedlung auf dem Gelände, daneben ein Spielplatz. 2014 hatte Catherine Corless ihre vier Kinder großgezogen, als sie den Drang verspürte, die Geschichte des Heims in ihrer Nachbarschaft zu erforschen. Gleich zu Beginn hörte sie Verwirrendes von heutigen Bewohnern des Geländes: Schulkinder hätten 1975 während der Bauarbeiten für die Siedlung eine Grube entdeckt – voller Kinderskelette, gehüllt in Tücher. Ein Pfarrer habe die Grube gesegnet, bevor sie zugeschüttet wurde.

"Ich habe mit dem Verwalter des städtischen Friedhofs gesprochen, der nur hundert Meter entfernt liegt von der Stelle, wo früher das Heim stand. Der Verwalter sagte, nach seinen Unterlagen sei kein einziges Kind aus dem Heim auf dem Friedhof beerdigt worden. Und er führte mich auch zu einer kleinen Grotte mit einer Mutter Gottes hinter Glas, Öllichtern und Blumen. Diese Gedenkstätte hatten Anwohner errichtet und 40 Jahre lang gepflegt. Sie dachten, die Knochen stammten von Kindern, die während der Hungersnot in den 1840er-Jahren gestorben sein."

Ein Blick in die Baupläne des Heims genügte und für Catherine Corless stand fest: Es handelte sich tatsächlich um Skelette von Heimkindern, abgelegt in einer stillgelegten Jauchegrube unter dem Heim. Corless wandte sich an die Kreisverwaltung, in deren Auftrag die Bon Secours-Nonnen das Heim betrieben hatten.

"Die Kreisverwaltung in Galway wollte nichts darüber hören. Sie sagten, sie wüssten nichts von Kinderleichen dort. Dies, obwohl ihnen das Grundstück gehört und sie die Siedlung dort in den 70er-Jahren gebaut haben. Sie müssen schon damals Bescheid gewusst haben darüber. Aber sie sagen, sie hätten keine Unterlagen."

Hölle auf Erden

Mit Ausnahme einer Mitarbeiterin des Standesamtes. Sie kopierte für Catherine Corless 796 Todesurkunden von Kindern des Mutter-Kind-Heims in Tuam. Heute weiß Catherine Corless: Um 1950 lag die Kindersterblichkeit in kirchlichen Mutter-Kind-Heimen Irlands bei 25 Prozent – fünfmal so hoch wie in Irland insgesamt. Und ein Inspektionsbericht der Gesundheitsbehörde vom 17. April 1947 beschreibt das Heim in Tuam als Hölle auf Erden. In einem Raum seien von 31 zusammengepferchten Babys zwischen drei und sieben Monaten zwölf völlig abgemagert gewesen. Mehrere hätten an epileptischen Anfällen gelitten, an Lähmungen und Abszessen. Mehreren chronisch unterernährten, älteren Kindern bescheinigt der Bericht ererbte Idiotie. Die Kinder seien gestorben wie die Fliegen, sagt Catherine Corless.

"Das Heim war ja auch völlig überfüllt; die Betten standen eng beieinander. Infekte konnten sich rasend schnell ausbreiten. Kurz, alles deutet darauf hin, dass sich die Nonnen keinerlei Mühe machten, sterbende Kinder zu retten. Sie ließen sie einfach sterben."

Ein Blick zurück in die Geschichte hilft zu verstehen: Als Irland 1922 unabhängig wurde, war die katholische Kirche die mit Abstand stärkste Macht im Lande. Bis 1973 verabschiedete das Parlament kein Gesetz ohne Zustimmung der Kirche, die den größten Teil der sozialen Infrastruktur an sich gezogen hatte: Schulen, Krankenhäuser, Kinder- und Frauenheime. Der Priester war die Autorität jedes Dorfes. Er repräsentierte Gott auf Erden. Wer ihm widersprach, landete in der Hölle. Der Pfarrer brachte moralische Regeln zur Geltung – mit oft alttestamentarischer Strenge.

"Wurde ein unverheiratetes Mädchen schwanger, kam der Pfarrer ins Haus und sagte der Familie: 'Ihr könnt eure Tochter nicht hierbehalten. Sie übt einen schlechten Einfluss aus auf andere Menschen und das ganze Dorf. Sie soll woanders ihr Kind zur Welt bringen. Und das Kind darf dann keinesfalls in eurem Haus aufwachsen.' Die junge Frau wurde dann in ein Heim geschickt, während man den Nachbarn sagte, sie arbeite in England. Ein Jahr verbrachte die Mutter mit ihrem Kind im Heim und arbeitete dort. Dann wurde sie fortgeschickt, und das Kind blieb."

Die Lokalhistorikerin Catherine Corless in ihrer Küche, die sie als ihr Büro benutzt. (Deutschlandradio / Thomas Kruchem)Die Lokalhistorikerin Catherine Corless in ihrer Küche, die sie als ihr Büro benutzt. (Deutschlandradio / Thomas Kruchem)

"Institution erstickte jedes Mitgefühl"

Es blieb in einem Heim, das nach den Richtlinien einer erbarmungslosen kirchlichen Hierarchie betrieben wurde – von Nonnen, die gebunden waren an ein Gehorsamsgelübde. Nonnen, degeneriert zu Zombies, meint Lindsey Earner-Byrne, Professorin für Sozialgeschichte in Dublin.

"Die Struktur dieser Institutionen erstickte jedes Mitgefühl. Da mochte einzelnen Nonnen durchaus das Wohl der Kinder am Herzen liegen; die Organisation der Heime an sich jedoch legte so wenig Wert auf das Leben der Kinder, dass diese einzelnen Nonnen wenig tun konnte. Und es gibt schreckliche Berichte von Inspektoren der Gesundheitsbehörde: Da wurden sechs, sieben Kleinkinder in ein Bett gelegt. Man gab ihnen einige Flaschen, und wenn sie es schafften, sich Nahrung zuzuführen, schafften sie es, wenn nicht, dann eben nicht. Für das Füttern jedes einzelnen Kindes fehlte das Personal."

Mit sieben Jahren wurden die Heimkinder in Pflegefamilien untergebracht. Manche hätten wie Sklaven arbeiten müssen, berichtet Thomas Walde, der seine Mutter kennenlernte, als er 30 war. Nie habe er "Mutter" zu ihr sagen können, sagt Walde. So wie Patrick Haverty, geboren im Heim 1951. Ein blitzwach wirkender Mann, der – wie er sagt – liebevolle Pflegeeltern hatte. Aber:

"Ich war Bettnässer, bis ich 14 war. Und ich schaukelte nachts mit dem Kopf vor und zurück gegen das Kopfteil meines Bettes. Eines Nachts kam meine Pflegemutter in mein Zimmer und fragte: 'Was ist das für ein Lärm?' 'Weiß nicht' antwortete ich. Und als sie wieder in ihrem Schlafzimmer war, polsterte ich das Kopfteil meines Bettes mit Kleidern. Das machte ich, bis ich vielleicht 13 war."

Patrick John Haverty, Überlebender des Mutter-Kind-Heims Tuam in Irland, mit einem Bild seiner Mutter und sich (Deutschlandradio / Thomas Kruchem)Patrick John Haverty, Überlebender des Mutter-Kind-Heims Tuam in Irland, mit einem Bild seiner Mutter und sich (Deutschlandradio / Thomas Kruchem)

Gut bezahlte Vermittlung von Adoptivkindern in die USA

Mit 16 wurde Patrick Haverty in die Welt entlassen – ohne Familie, ohne Identität. Die folgenden Jahre erlebte er als Außenseiter, so wie fast alle Heimkinder. Kaum jemand wollte etwas mit ihm zu tun haben.

"Es gab eine Zeit in meinem Leben, da wollte ich mich umbringen. Ich war damals 18 oder 19 und hatte das Gefühl, ich sei ein Niemand, nur Dreck von der Straße, ein Bastard. Ich weiß noch, wie ich von einer Brücke hinunter sah und kurz davor stand, in den Fluss zu springen. Das Einzige, was mich davon abhielt, war die Angst, nach dem Tod ewig lange im Fegefeuer zu schmoren. Nein, es war nicht leicht für mich aufzuwachsen."

Beim Gespräch über die toten Kinder in der Jauchegrube des Heims schüttelt Patrick Haverty sinnend den Kopf. Nicht alle, sagt er dann, für die eine Todesurkunde existiere, sind tatsächlich tot.

"Letztes Jahr traf ich einen Mann, der aus den USA hierhergekommen war. Kurz vor ihrem Tod hatten ihm seine Adoptiveltern gebeichtet, dass er nicht ihr leiblicher Sohn sei. Sie hätten ihn aus Tuam mitgenommen und er habe eine neue Geburtsurkunde bekommen."

Geheime Protokolle des irischen Gesundheitsministeriums vom Oktober 2012, über die Catherine Corless verfügt, machen einen schlimmen Verdacht fast zur Gewissheit. Die Nonnen von Tuam hätten doppelt Buch geführt, steht dort. Sie hätten von Angehörigen und Behörden Unterhalt gefordert für Kinder, die gar nicht mehr im Heim lebten. Und: Es gebe umfangreiche Unterlagen zu gut bezahlter Vermittlung von Adoptivkindern in die USA, darunter "…Briefe hoher kirchlicher Autoritäten, die darauf drängen, Kinder für den amerikanischen Adoptionsmarkt zu identifizieren."

Nach der Legalisierung der Adoption in Irland seien die Todesraten drastisch gesunken in den 14 kirchlichen Mutter-Kind-Heimen des Landes, stellen die Protokolle fest. Wurden also in den Jahrzehnten zuvor hunderte oder gar tausende Todesurkunden ausgestellt für Heimkinder, die gar nicht tot waren, sondern illegal exportiert in die USA? Wurden tausende Mütter um ihre Kinder betrogen und tausende, zum Teil heute noch lebende Menschen um ihre Identität?
Und wie steht die katholische Kirche Irlands heute zu diesem Teil ihrer jüngsten Vergangenheit?
Catherine Corless wurde ein einziges Mal von Erzbischof Michael Neary empfangen.

"Ich weiß noch, dass ich nach dem Treffen sehr wütend war. Alle meine Forschungsergebnisse und Lagepläne hatte ich dem Erzbischof vorgelegt. Und eine Zeugin hatte ich mitgebracht: die Frau, die dabei war, als zwei Jungen in den 70er-Jahren die Knochen fanden. Sie sei damals in ein Loch gefallen, berichtete die Frau, und darin hätten Stapel von Kinderleichen gelegen, eingewickelt in Tücher. Das sei schrecklich, antwortete der Erzbischof. Das sei furchtbar. Aber man habe keine Unterlagen. Und man habe nichts mit dem Betrieb des Heims zu tun gehabt."

Erzbischof will sich in den Medien nicht äußern

Eine Behauptung, die so nicht stimmen kann. Tatsächlich gab es stets dem Erzbischof unterstellte Geistliche, die das Heim in Tuam seelsorgerisch betreuten. Diese Geistlichen hatten nach katholischem Kirchenrecht die Pflicht, Gottesdienste abzuhalten, Kinder zu taufen und Kranke zu ölen. Sie hatten die Totenmesse für Verstorbene zu lesen und deren Beerdigung auf geweihtem Grund, einem Friedhof also, zu leiten. All dies mussten die Geistlichen protokollieren. Warum legt der Erzbischof diese Protokolle nicht der Öffentlichkeit vor, fragen Betroffene. Anruf im Büro von Michael Neary mit der Bitte um ein klärendes Interview. Die freundliche Stimme eines Sekretärs antwortet:
"Die Antwort ist Nein. Der Erzbischof kommentiert dieses Thema gegenüber den Medien nicht."

Die Oberin der Bon Secours-Nonnen in Cork, Schwester Mary Ryan, legt den Hörer auf, als das Wort Tuam fällt. Zwei E-Mails bleiben ohne Antwort. Eigentlich müssten Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei Razzien veranstalten in der Residenz des Erzbischofs und in der Zentrale der Bon Secours-Nonnen, meint Alison O’Reilly, die Journalistin, die als erste über die Skelettfunde in Tuam berichtete.

"Fände ich in meinem Garten menschliche Knochen, wäre sofort die Polizei da. Ich müsste das Haus verlassen, das Grundstück würde abgesperrt und komplett umgegraben. Forensik-Experten der Staatsanwaltschaft würden nicht ruhen, bis sie genau wüssten, wem die Knochen in meinen Garten gehören. Nichts davon tun die Behörden in Tuam – aus verständlichen Gründen: Jede Razzia im Haus eines Priesters, in einem Kloster oder in der Residenz eines Erzbischofs würde Irland negative Schlagzeilen bescheren. Einmal mehr stünde unser Land beschämend im Rampenlicht. Das ist wohl einer der Hauptgründe, warum sie es nicht tun."

"Keine Nonnen brachen ein in unsere Häuser und raubten unsere Kinder", sagte am 7. März 2017 der damalige Premier Enda Kenny in Irlands Parlament. Die Bürger Irlands selbst hätten unehelich geborene Kinder der vermeintlichen Fürsorge der Nonnen anvertraut; die Bürger selbst hätten die Kinder in die Kammer des Horrors in Tuam geschickt. Sie hätten diese Kinder aufgegeben – aufgrund ihrer perversen, ja morbiden Sorge um ihr Ansehen. "Wir", sagt der Premier, "haben ledigen Müttern ihre Kinder weggenommen, sie verkauft oder verhungern lassen." – eine pathetische Erklärung.

Eine handgeschriebene Notiz auf einem Massengrab bei einem Heim für ledige Mütter und ihre Kinder des katholischen Bon-Secours-Orden im westirischen Tuam. (dpa / picture alliance / Aidan Crawley)Eine handgeschriebene Notiz auf einem Massengrab bei einem Heim für ledige Mütter und ihre Kinder des katholischen Bon-Secours-Orden im westirischen Tuam. (dpa / picture alliance / Aidan Crawley)

Aber steht Irlands Regierung wirklich zur Mitverantwortung von Gesellschaft und Staat für den Horror in kirchlichen Heimen? Tatsächlich bestätigen zahlreiche Dokumente, dass staatliche Stellen stets wussten, was falsch lief, aber nichts taten. Keine einzige dieser Unregelmäßigkeiten hat bis heute ein Staatsanwalt geprüft, obwohl in Irland Straftaten nicht verjähren. Am 17. Februar 2015 immerhin setzte Irlands Regierung, nach massivem öffentlichem Druck, eine Kommission zur Untersuchung der Mutter-Kind-Heime ein. Leider sei wenig zu erwarten, warnt in Dublin die Menschenrechtsanwältin Maeve O’Rourke.

Kommission verweigert Opfern Zugang zu Informationen

"Die neuen Kommissionen veranstalten ihre Sitzungen geheim. Und es ist ein Verbrechen mit einer Strafe von bis zu fünf Jahren Gefängnis, Informationen zu veröffentlichen, die man der Kommission gegeben hat. Das gilt auch für Opfer von Misshandlungen und Missbrauch. Die Kommission braucht des weiteren Journalisten keine Einsicht gewähren in ihr vorliegende Dokumente. Und Opfer von Verbrechen, die die Kommission prüft, haben keinerlei Zugang auch zu sie persönlich betreffendem Beweismaterial – ein klarer Verstoß gegen Grundrechte Betroffener nach der Europäischen Menschenrechtskonvention. Die Kommission darf sogar Betroffenen Informationen über ihre eigene Identität verweigern – die eigentlich unser Datenschutzgesetz garantiert."

Im März 2017, nach zwei Jahren Arbeit, bestätigte die Kommission in einem kurzen Zwischenbericht, dass auf dem Heimgelände in Tuam tatsächlich Kinderknochen liegen. Auf ein Interview-Ersuchen antwortet die Sprecherin der Kommission, Ita Mangan:

"Die Kommission befindet sich mitten in ihrer Untersuchung. Sie wird keine Ergebnisse oder Einschätzungen bekannt geben, bevor diese Untersuchung abgeschlossen ist. Die Kommission gewährt auch keinerlei Interviews."

Menschenrechtsanwältin Maeve O’Rourke wundert sich nicht. Kommissionen wie diese, sagt sie, dienten vor allem einem Zweck: die Täter zu schützen.

"Zunächst einmal wird das Thema kleinteilig behandelt. Man beschäftigt sich immer nur mit spezifischen Aspekten. Stets vermeidet man überdies festzustellen, wer genau rechtlich verantwortlich ist für konkrete Verbrechen. Und um das auch für die Zukunft zu vermeiden, unterwirft die Regierung alle relevanten Dokumente der Geheimhaltung. Und sie stellt sicher, dass die Opfer nicht mehr öffentlich sprechen oder gar vor Gericht ziehen können."

Auch Staatsanwälte, Journalisten und Historiker können fortan Geschehnisse in kirchlichen Mutter-Kind-Heimen kaum mehr aufklären. Von einer Kultur des Vergessens und Verdrängens spricht Maeve O’Rourke. Eine wirkliche Aufarbeitung der dunklen Stellen in Irlands Geschichte des 20. Jahrhunderts und eine Aufklärung der vielen Einzelschicksale sind nach wie vor nicht in Sicht.

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