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Lesart / Archiv | Beitrag vom 24.09.2015

Karl Schögel: "Entscheidung in Kiew"Ein Zeugnis der Desillusion

Von Katharina Döbler

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Menschen schwenken Ukraine-Fahnen auf dem Maidan in Kiew. (picture alliance/dpa/Tatyana Zenkovich)
Menschen schwenken Ukraine-Fahnen auf dem Maidan in Kiew. (picture alliance/dpa/Tatyana Zenkovich)

Karl Schlögel gilt als der Mann für osteuropäische Geschichte. Mit vielen Büchern hat der Historiker den Osten und seine politische Entwicklung nahe gebracht. In seinem Buch "Entscheidung in Kiew" verortet er die Ukraine kategorisch im Westen.

Karl Schlögel, emeritierter Professor für osteuropäische Geschichte, ist einer der anerkanntesten Russlandexperten hierzulande. Schon in den 1980er-Jahren war er viel hinter dem Eisernen Vorhang unterwegs, fasziniert sowohl von der dissidentischen Subkultur als auch vom Nachglühen der großen Ideen der Oktoberrevolution. Da war ein Historiker, der sein Gebiet gefunden hatte und in zahlreichen Vorträgen, Artikeln, Büchern und Debatten ein wachsendes Publikum dafür zu interessieren wusste.

Doch dieser Enthusiasmus ist in den Jahren des Putin-Regimes geschwunden. In seinem neuesten Buch erklärt Schlögel nun, mit der "sogenannten Ukraine-Krise" sei für ihn die "Stunde der Wahrheit" gekommen, eine "Stunde der Prüfung und Selbstprüfung", nachdem er sich "mit ganzer Seele", "mit Haut und Haar" auf sein Thema eingelassen hatte, "fast möchte man es eine Bezauberung, eine Verstrickung nennen". Entsprechend ist der erste Teil des Buches, bestehend aus aktuellen Abhandlungen über Russland und die Ukraine, vor allem ein Zeugnis der Desillusion – und der Empörung.

Eine gute Voraussetzung für die Analyse der politischen Gegenwart in dieser Gegend ist das nicht. Prinzipiell ist Schlögel der Ansicht, dass die Ukraine Europas "Grenzland" sei, das Russland angegriffen und Europa nun zu verteidigen habe. Diese Sichtweise ist sehr, sehr umstritten - nicht unter Politikern, sondern auch unter Fachkollegen, wie die öffentlich geführte Auseinandersetzung mit Jörg Baberowski gezeigt hat. Schlögel spricht sogar von "Frontier" (überhaupt operiert er in diesem Buch viel mit englischen Termini), übernimmt also einen Begriff aus der Geschichte der USA. Diese weit her geholte Analogie scheint weniger der historischen Erkenntnis zu dienen als einer kategorischen Verortung der Ukraine in der westlichen Hemisphäre.

In der Form des Vorwurfs

Dass die Ukraine lange Zeit nicht als Nation wahrgenommen wurde, ist ein Faktum, das festgestellt werden muss. Schlögel tut das in Form eines Vorwurfs, auch gegen sich selbst. Es wäre aber hilfreicher, wenn er seinen Lesern einfach erklärte, was sie noch nicht wissen, als sich darüber zu erregen, dass sie es nicht wissen. Schließlich werden Bücher gelesen, um zu lernen, und nicht, um über die Ignoranz der Welt zu verzweifeln.

Ein wichtiger Aspekt des Themas kommt in Schlögels Betrachtungen so gut wie gar nicht vor: Der politische Zustand des ukrainischen Staates, der nahezu vollständig, bis hin zu den politischen Parteien, von oligarchischen Interessen gesteuert wird. Der Zeitgeschichtler an der Uni Krakau, Karl Müller, hat darüber sehr nüchtern und kenntnisreich geschrieben.

Der zweite und größere Teil von Schlögels Buch besteht aus (zum Teil bereits früher publizierten) Städteporträts; und die zeugen weniger von Empörung als von der genuinen Neugier des Historikers und Spurenlesers. Aktuell interessant sind vornehmlich die zwischen 2014 und 2015 geschriebenen Texte über Charkiw, Dnipropetrowsk und Donezk; aber auch die den 1980er-Jahren stammenden Stadtbilder - etwa von Lemberg oder Czernowitz - lohnen die Lektüre allemal.

Karl Schögel: "Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen"
Hanser, München 2015

342 Seiten, 21,90 Euro

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