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Im Gespräch | Beitrag vom 14.02.2018

Karl Dietrich WolffVom 68er-Rebell zum Hölderlin-Verleger

Moderation: Susanne Führer

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Karl Dietrich ("KD") Wolff (picture-alliance/ dpa / Frank Rumpenhorst)
Karl Dietrich ("KD") Wolff (picture-alliance/ dpa / Frank Rumpenhorst)

Er ist einer der schillerndsten Verleger in Deutschland: Karl Dietrich Wolff, besser bekannt als KD Wolff. Im Gespräch erzählt er, wie er sich vom Verbreiter revolutionärer Schriften zum revolutionären Verleger deutschsprachiger Klassiker wandelte.

Als Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) organisierte der damals 24-jährige KD Wolff den legendären Vietnam Kongress am 17. und 18. Februar 1968 in West-Berlin, an der Seite von Rudi Dutschke. Was versprach er sich von der erhofften Revolution?

"Auf jeden Fall eine Revolution, die den Krieg in Vietnam unterbricht. Auf jeden Fall eine, die uns Luft zum Atmen gibt. Auf jeden Fall eine, die uns hilft, ein Leben mit Musik und Freiheit zu genießen."

Der Kampf gegen Alt-Nazis

KD Wolffs revolutionäres Erweckungserlebnis liegt einige Jahre zuvor, 1964. Als Jura-Student begehrte er gegen einen der Professoren auf, den ehemaligen NS-Militärrichter Erich Schwinge.

"Die Atmosphäre ist gekippt; und da wusste ich, man kann doch in Deutschland bleiben. Vorher hatte ich immer überlegt: Soll ich nicht lieber auswandern?"

Er blieb und avancierte zum SDS-Vorsitzenden; fast 40 Strafverfahren wurden gegen ihn eröffnet, aber er blieb unbestraft – auch Dank der Amnestie unter Bundeskanzler Willy Brandt. Eine Juristen-Laufbahn konnte er indes an den Nagel hängen.

Aufstand gegen den Vater

KD Wolffs Vater war Jurist und Nationalsozialist; nach dem Krieg hatte er zunächst Berufsverbot. Die Kinder wollten mit ihm diskutieren, streiten – doch der Vater schwieg. Zur Politisierung trug aber auch ein USA-Aufenthalt Ende der 1950er-Jahre bei; KD Wolff lernte Vertreter der Bürgerrechtsbewegung und der "Black Panther" kennen. Deren Ziele trug er später in die Studentenbewegung hinein.

Vom Revolutionär zum Verleger

Er ging nicht – wie seine Mitstreiter Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit  – in die Politik, sondern gründete 1970 mit einem Weggefährten den Verlag "Roter Stern": Zunächst verlegten sie "revolutionäre" Werke: die Zeitschrift "Erziehung und Klassenkampf" und auch die Schriften des nordkoreanischen Diktators Kim Il-sung. KD Wolff wurde sogar nach Nordkorea eingeladen:

"Die Auseinandersetzung mit den Nordkoreanern, die war ganz interessant und jedenfalls nicht so, wie sie wäre, wenn man das heute machen würde. Wir hatten - als der koreanische Geheimdienst, ich glaube. 20 Südkoreaner, darunter den berühmten Komponisten Isang Yun, entführt hatte wegen Kontakten zu Nordkorea -da hatten wir demonstriert an der südkoreanischen Botschaft in Bonn.

Ein paar Monate danach kam auf einmal ein Koreaner zu mir ins SDS-Büro in Bonn und sagte zu mir: 'Genosse Wolff?'. Ich sag: 'Ja, womit kann ich dienen?'. Und er sagte: 'Ich habe den Auftrag des Genossen Kim Il-sung, Sie zu einer Reise nach Korea einzuladen'."

Die Klassiker-Edition als Lebensaufgabe

In seinem späteren "Stroemfeld Verlag" wollte KD Wolff endlich das verlegen, was er auch selbst gern las – und widmete sich der deutschen Klassik: Als Erster wagte er es, Friedrich Hölderlins Handschriften in Faksimiles zu veröffentlichen. Nach 33 Jahren editorischer Feinarbeit war die 20-bändige Hölderlin-Ausgabe komplett.

Hinzu kommen ähnliche anspruchsvolle Vorhaben zu Kleist, Gottfried Keller oder Robert Walser; die Kafka-Ausgabe ist auf 40 Bände angelegt. Ohne Wolffs legendäre Umtriebigkeit und Bettelgeschick wäre der Verlag schon lange bankrott. Um seine akribische Arbeit zu finanzieren, bat er auch den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl um Unterstützung.

Am 27. Februar wird KD Wolff 75 Jahre alt; seit Jahren versucht er, seinen Verlag zu verkaufen – bisher ohne Erfolg. Also macht er unermüdlich weiter. Denn wie heißt es bei Hölderlin:

"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch".

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