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Buchkritik | Beitrag vom 14.07.2017

Jutta Wilke: "Roofer"Süchtig nach dem Kick

Von Sylvia Schwab

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Cover Jutta Wilke "Roofer" vor einem blauen Wolkenhimmel (Coppenrath / picture alliance / Hauke-Christian Dittrich / Collage: Deutschlandradio)
Cover Jutta Wilke "Roofer" vor einem blauen Wolkenhimmel (Coppenrath / picture alliance / Hauke-Christian Dittrich / Collage: Deutschlandradio)

Was die Clique zusammenhält ist ihr gemeinsames Hobby: Sie sind "Roofer" und klettern auf die höchsten Gerüste und Gebäude der Stadt. Die Autorin Jutta Wilke schafft in ihrem mitreißenden Roman eine große Nähe zum Lebensgefühl der Jugendlichen.

Alice hat Stress. In der Schule sowieso. Dann zu Hause mit ihrer reichen, verwöhnten Mutter und deren schmierigen Freund Ralph. Und auch mit ihrer besten Freundin Nasti, die sich heimlich mit einer Clique unten am Main trifft, läuft es nicht gut. Was die Clique zusammenhält ist ihr gemeinsames Hobby: Sie sind "Roofer", klettern auf die höchsten Gerüste und Gebäude der Stadt und sind süchtig nach dem Kick des Abenteuers, des Verbotenen – und der tödlichen Gefahr.

Seelische Verletzungen

Die Jugendlichen stammen fast alle aus sozial schwierigem Milieu. Und hinter ihrer Risikobereitschaft und ihren Mut stecken oft zahlreiche Ängste. Da ist Nikolas, ein dunkelhäutiger Obdachloser gehört zur Gruppe. Nasti, deren Familie arm ist. Und Alice, die Erzählerin, deren Vater an Krebs gestorben ist. Sie alle schleppen schwer an ihren seelischen Verletzungen. Allerdings hat Alice keinerlei Verständnis für die Roofer und versucht mit allen Mitteln, ihre Freundin Nasti aus der Szene herauszuholen. Erfolglos.

Gefährlicher Kletter-Wettbewerb

Es kommt zum Konflikt zwischen den beiden, zur Begegnung von Alice und Nikolas, einer leisen Verliebtheit und zu einem immer gefährlicheren Kletter-Wettbewerb: Leerstehende Rohbauten, das Gerüst am Neubau des Henninger Turms, der Turmdrehkran an einem Hotel-Neubau am Main, Eisenträger viel Meter über dem Erdboden hoch und schließlich eine Brücke. Und so wie die Gefahr von Klettertour zu Klettertour zunimmt, steigt nicht nur die Spannung, sondern auch die Emotionen nehmen zu: Liebe, Stolz, Hass, Wut, Verzweiflung und Angst.

Wie das Drehbuch eines Action-Films

Jutta Wilke hat einen hochemotionalen, mitreißenden Jugendroman geschrieben. Auch wenn die Geschichte manchmal zu klischeehaft komponiert ist – die reiche und die arme Freundin, der kluge Schwarze und die verrückten Roofer – ist sie präzise und rasant wie das Drehbuch eines Action-Films. Zumal die Roofer selbst alles filmen: Dadurch wird jede dramatische Klettertour so detailliert beschrieben, das einem beim Lesen stellenweise der Atem stockt. Bis zum schrecklichen Ende, als ein Roofer abstürzt.

Suche nach Liebe und Anerkennung

Die Autorin ist hier nah dran am Lebensgefühl jener Jugendlichen, denen der familiäre  Halt fehlt und die auf der Suche nach Liebe und Anerkennung lieber auf frei schwebenden Trägern hoch über der Erde balancieren. Das ist so authentisch beschrieben, dass man für Sekunden begreift, dass sie dort oben genau das finden, was ihr Leben sonst nicht für sie bereithält: die absolute Macht über ihr Schicksal.

Jutta Wilke: "Roofer"
Coppenrath Verlag, Münster 2017
252 Seiten, 14,95 Euro
ab 14 Jahren

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