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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.03.2012

Junge Sicht auf den alten Osten

"Zeit zu lieben, Zeit zu sterben" am Berliner Maxim-Gorki-Theater

Von Michael Laages

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Armin Petras' Stück wurde vor zehn Jahren in Hamburg uraufgeführt (AP)
Armin Petras' Stück wurde vor zehn Jahren in Hamburg uraufgeführt (AP)

Vor zehn Jahren beschrieb der heutige Intendant des Maxim-Gorki-Theaters, Armin Petras, eine vom Wunsch nach Freiheit geprägte Jugend in der DDR. Regisseur Antú Romero Nunes bringt das Stück "Zeit zu lieben, Zeit zu sterben" nun als eine Art gesprochenes Rock-Konzert auf die Bühne.

Ein wenig G'schmäckle hat's ja schon, wenn Armin Petras, Noch-Intendant am Berliner Maxim-Gorki-Theater, ein Stück von Fritz Kater im Spielplan des eigenen Hauses platziert - denn hinter diesem Alter Ego steckt ja immer Petras selbst. Andererseits lohnt es unbedingt, diesen vor zehn Jahren von Petras in Hamburg uraufgeführten Text neu erkunden zu lassen; obendrein von einem Regisseur, der 20 Jahre jünger ist als Kater & Petras, aus dem tiefsten Südwesten der Republik stammt und vom alten Osten schlicht überhaupt nichts weiß. Der aber spielt halt die Hauptrolle in Katers Stück "Zeit zu lieben, Zeit zu sterben" - und wie gut dieser beim Mülheimer "Stücke"-Festival ausgezeichnete Text wirklich ist, zeigt sich womöglich erst heute, im Abstand von zehn Jahren.

Besser: Im Abstand von bald drei Jahrzehnten. Denn Kater beschreibt ja Jugend in der DDR - im ersten Teil in Form chorisch sortierter Miniaturen, Dramolettchen aus der Adoleszenz einer Generation, die kleinere und größere Befreiungen und Freiheiten mehr oder weniger sexueller Art sucht, unter den Bedingungen unüberspürbarer Repression durch die verschiedensten Autoritäten des autoritären Staates, in dem die jungen Leute leben.

Im zweiten Textteil, übertitelt "Ein alter Film", wird eine dieser Biografien etwas genauer unter die Lupe genommen - die Geschichte von Peter, der mit Bruder und Mutter allein gelassen wurde vom Vater, der abgehauen ist nach Australien. Und Peter durchlebt nun im geschwinden Filmschnitt-Schritt Schule und Liebe und alles, was dazu gehört. Im dritten Teil ist die Mauer weg, und ein vermutlich ostdeutscher Arbeitsemigrant stößt im fernen Italien an die Grenzen grundsätzlicher Fremdheit, was Leben und Lieben betrifft.

Pointiert und poetisch ist dieser kaum jemals wirklich szenische, fast immer erzählende Text - Antú Romero Nunes wandelt ihn um in eine Art gesprochenes Rock-Konzert. "Marie & The Red Cat" ist die ganze Zeit sehr aktiv dabei, das Quintett um die Sängerin Lisa Marie Neumann, für das Florian Lösche eine Konzertbühne mit ganz vielen blendenden Gegenlicht-Scheinwerfern gebaut hat. Um dieses Podest herum kreist unablässig die Drehbühne, auf der das außerordentliche spielfreudige Ensemble mit nichts als sich selbst die szenischen Miniaturen des Textes erfindet.

Wie schon in früheren Inszenierungen, ob am Hamburger Thalia Theater oder eben am Maxim-Gorki-Theater, wo er Hausregisseur ist, driftet Nunes immer mal wieder ab in übermäßig verspielte Albernheiten; dann ist der Abend nicht weit weg von einer Art Ost-Comic. Aber die fundamentale Grundidee funktioniert - den alten deutschen Osten, mehr und mehr schrumpfend zum Thema im Geschichtsunterricht, zu betrachten mit dem fremden Blick der Generation von Lady Gaga. Dafür lohnt der neue Umgang mit Fritz Katers Text unbedingt - und mit Sicherheit wird das kleine Berliner Theater des in Richtung Stuttgart scheidenden Hausherrn Petras diesen Ton, diese Inszenierungshandschrift gut gebrauchen können.

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