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Religionen / Archiv | Beitrag vom 01.02.2014

Jüdisches LebenAnknüpfen an eine alte Tradition

Neue Gemeinde in Berlin gegründet

Von Miron Tenenberg

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Neben der jüdischen Einheitsgemeinde und einer orthodoxen Vereinigung gibt es seit dieser Woche eine dritte jüdische Gemeinschaft in Berlin. Das junge Bündnis "Kahal Adass Jisroel" beruft sich auf eine fast vergessene Tradition.

Das Jahr 1671 gilt als Gründungsjahr der Berliner Jüdischen Gemeinde. Zuerst waren es nur wenige jüdische Familien, die sich in Berlin und Brandenburg niederließen, doch die Gemeinde wuchs schnell heran. Es entstand eine sogenannte Einheitsgemeinde, das heißt, alle Juden einer Stadt, gleichgültig welcher religiösen Ausrichtung, vereinten sich in einer Gemeinde. 1869 spaltete sich jedoch eine kleine orthodoxe Gemeinde ab, da sich die Einheitsgemeinde mehr und mehr dem Reformjudentum zuwandte. Es kam der Massenmord an den europäischen Juden, und nach dem Krieg gründeten Überlebende erneut Einheitsgemeinden.

Jetzt ist in Berlin eine neue jüdisch-orthodoxe Gemeinde neben der großen Einheitsgemeinde gegründet worden. Ihr Name: Kahal Adass Jisroel. Und weil die Familie im Judentum eine besonders große Rolle spielt, waren jüdische Familien auch die eigentliche Antriebsfeder für die Gründung der neuen Gemeinde, wie Michelle Berger vom Gemeindevorstand erklärt:

"Die Tatsache, dass hier in Ostberlin ein jüdischer Kindergarten mit religiöser Prägung besteht, war natürlich ein Anziehungspunkt; auch für die Familien. Da wir eben halt alle religiös orientiert sind, ist uns natürlich ein jüdisch-religiöser Kindergarten als auch eine Schule sehr wichtig. Und dieses Angebot gibt es hier und das auch noch in der Nähe der Synagoge. Von daher war das sehr attraktiv für viele Familien. Und dann kommt auch noch hinzu, dass wir uns hier in Berlin-Mitte befinden. Berlin-Mitte ist sowieso sehr familienorientiert, und von daher ist das einfach sehr angenehm."

Die Mitglieder sind überraschend jung

Die Gemeinde Kahal Adass Jisroel zählt derzeit über 250 Mitglieder, davon etwa 80 Familien. Das heißt: Die Hälfte der Gemeindemitglieder sind Kinder. Im traditionell-orthodoxen Umfeld der Familien ist das nichts Besonderes. Ein Elternpaar hat üblicherweise mehrere Kinder. Weil viele Familien erst nach Berlin gezogen sind, fehlen die älteren Mitglieder. Mit durchschnittlich 15 Geburten im Jahr sorgt Kahal Adass Jisroel für einen niedrigen Altersdurchschnitt. Seit April 2013 gibt es die Gemeinde schon, doch erst in dieser Woche wurden die Feierlichkeiten dazu abgehalten.

"Wir haben uns offiziell im April 2013 gegründet und weil wir das alles ehrenamtlich machen, betreiben wir das eigentlich zum größten Teil in unserer Freizeit. Und es bedarf halt einer gewissen Anlaufzeit, so eine große Eröffnungsfeier zu organisieren und wir müssen ja auch noch unsere eigene Grundstruktur auf die Beine bringen - Schritt für Schritt."

Die Gemeinde nutzt derzeitig die Synagoge Beit Zion der Jeschiwa der Lauder-Foundation in Berlin-Mitte, also des Rabbinerseminars der Lauder-Stiftung, die sich explizit der jüdischen Bildung von Kindern und Erwachsenen widmet.

Doch die Gemeinde Kahal Adass Jisroel - was im Deutschen soviel wie die Versammlung des Volkes Israels heißt - besteht auf ihre Unabhängigkeit von der nordamerikanisch geprägten Lauder-Foundation, die jüdischen Leben weltweit fördert. Die neue Gemeinde sieht sich klar in der Tradition der ehemaligen Berliner Gemeinde Adass Jisroel, die – bis zur Zerschlagung durch die Nationalsozialisten – 70 Jahre in Berlin bestand.

1869 wurde die Gemeinde Adass Jisroel in Berlin gegründet. Neben der damals schon bestehenden Einheitsgemeinde, sollte so ein orthodoxer Gegenpol bestehen, denn gerade in Berlin fand die jüdische Reformbewegung großen Anklang. 1939 wurde die Gemeinde dann von den Nationalsozialisten zerschlagen, die Synagoge jedoch nicht in Brand gesetzt. In der DDR wurde das Gebäude als Lager verwendet. Vor acht Jahren wurde es wieder als Synagoge hergerichtet.

Orthodoxes Leben in der modernen Welt

Die Gemeinde Kahal Adass Jisroel möchte nun das Erbe der damaligen Gemeinde antreten – ein Leben von traditionell-orthodoxen Jüdinnen und Juden in der modernen säkularen Welt von heute. Doch die Namenswahl führt bereits zu einigen Verwechslungen, denn es gibt schon länger eine bestehende Gemeinde mit sehr ähnlichem Namen: Adass Jisroel. Seit 1985 existiert diese, zuerst nur im Ostteil der Stadt. Nach der Wende erlangt sie sogar die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts und erhielt somit Zuwendungen seitens des Berliner Senats. Doch die Landesregierung wurde auf Unregelmäßigkeiten bei der Gemeinde aufmerksam. Es gab Streitigkeiten vor Gericht. Im Jahr 2010 stellte der Senat die finanzielle Förderung der Gemeinde Adass Jisroel ein.

Kein Wunder also, dass man deshalb bei der neuen Gemeinde betont, die beiden Gemeinden – Adass Jisroel und Kahal Adass Jisroel – hätten keinen Kontakt miteinander. Michelle Berger erklärt den Namen ihrer neuen Gemeinde vielmehr so:

"Man muss dazu sagen, dass der Name nicht ungewöhnlich ist für die Art von Gemeinde. In Deutschland ist das wohl eher weniger, aber wenn Sie sich jetzt im Ausland umschauen, können sie sehen, dass es sehr viele Gemeinden, jüdische Gemeinden, gibt mit ähnlichem oder gleichem Namen. Der Name steht einfach für gewisse Werte, die wir repräsentieren, und da wir uns mit der Adass Jisroel vor der Schoah identifizieren, haben wir auch ganz bewusst diesen Namen gewählt."

Zurück zur fast vergessenen Vielfalt

Um sich noch stärker zu legitimieren, hat sich Kahal Adass Jisroel zudem den Segen damaliger Gemeindemitglieder und deren Nachfahren geholt.

"Und wir haben auch die volle Unterstützung der Nachfahren als auch noch der lebenden Mitglieder der damaligen Adass Jisroel; die waren auch auf unserer Gründungs- beispielsweise auf unserer Wiedergründungsfeier dabei. Sie sind sehr froh zu sehen, dass – was sie mal noch als Kind erlebt haben – es das jetzt wieder gibt. Genauso wie sie es auch kennen. Es gibt uns natürlich auch die moralische Legitimierung das weiterzuführen, was vor der Schoah hier stattgefunden hat, da wir uns eben in Tradition, Philosophie, im Geiste mit der Adass Jisroel vor der Schoah sehr eng verbunden fühlen, ist es uns natürlich wichtig zu sagen, unsere geistigen Väter dabei zu haben."

Die Lauder-Foundation unterstützt die neue Gemeinde noch mit Räumlichkeiten. Doch wirtschaftlich steht sie auf eigenen Beinen. Das ist Michelle Berger ein wichtiges Anliegen:

"Wir finanzieren uns auch selber, durch Spenden. in Kürze werden wir Mitgliedsgelder erheben. Aber wir sind in dem Sinne noch klein, aber fein…"

…und somit kehrt das jüdische Leben Berlins mit der Neugründung der Gemeinde Kahal Adass Jisroel zu seiner fast vergessenen Vielfalt zurück.

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(picture alliance / dpa / Ronald Wittek)

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