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Sonntag, 19.11.2017

Religionen | Beitrag vom 16.07.2017

Jüdische Gemeinde CottbusSynagoge vorhanden, Nachwuchs kaum

Von Klaus-Martin Höfer

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Blick in die Synagoge von Cottbus, die seit 2015 in einer ehemaligen evangelischen Kirche ist. An der Empore wurde ein Davidsstern angebracht (Imago / Klaus Martin Höfer)
Einzige jüdische Gemeinde in Brandenburg mit Synagoge: "Schade, dass wir nicht copy/paste nach Potsdam machen können." (Imago / Klaus Martin Höfer)

Eine neue Synagoge entsteht in einer ehemaligen evangelischen Kirche. Vor gut zwei Jahren zog die jüdische Gemeinde in ein nicht mehr genutztes Kirchengebäude um. Ein Vorzeigeprojekt für jüdische Kultur in Brandenburg - aber es gibt auch Probleme.

Sergey Romanov ist Kantor der Cottbusser Gemeinde. Beinahe an jedem Schabbat kommt er in die Synagoge, um dort Gebete anzustimmen.

Der Kantor erklärt, er singe gerade eine mittelalterliche Hymne:

"Sie wird normalerweise am Ende des Gottesdienstes am Sabbat oder am Feiertag gesungen. Es gibt wahnsinnig viele Melodien, ich versuche jetzt die traditionelle Melodie der aschkenasischen Juden zu singen."

Der Kantor liest auch mal die Thora-Verse

Sergey Romanov ist der einzige in der Gemeinde, der gut Hebräisch spricht. Wenn der Landesrabbiner nicht kann, weil er eine der anderen sieben jüdischen Gemeinden in Brandenburg besucht, dann liest der Kantor auch die Thora-Verse.

Romanov stammt aus Sankt Petersburg, andere Mitglieder der Gemeinde kommen aus der Ukraine, aus Zentralasien, aus Weißrussland. In Cottbus hatte die jüdische Tradition mit der Shoa aufgehört zu existieren. Seitdem die jüdischen Einwanderer aus den ehemaligen Sowjetrepubliken kamen, gibt es sie wieder. Auch wenn viele in ihrer Heimat mit dem Glauben wenig zu tun hatten, wie Landesrabbiner Nachmut Pressmann erklärt:

"Diese Herausforderung ist ein bisschen wie Mission Impossible, weil die Arbeit die Integration in die deutsche Bevölkerung und die Integration in jüdisches Leben ist. Und die Menschen müssen nicht nur in das jüdische Leben integriert werden, sie müssen selbst auch jüdisches Leben organisieren. Deshalb haben wir bis heute große Probleme. Die Entwicklung der jüdische Gemeinde im Land Brandenburg nach 20 Jahren ist nicht das, wie ich mir es erwünscht habe, kann man sagen."

Einzige Gemeinde in Brandenburg mit eigener Synagoge

Die Gemeinde in Cottbus ist die einzige in Brandenburg mit einer eigenen Synagoge, der ehemaligen Hugenottenkirche. Rabbiner aus Belgien, der Schweiz und aus Deutschland berieten gemeinsam, ob das christliche Gebäude zur Synagoge umgewidmet werden könne oder ob aus theologischen Gründen etwas dagegen spreche. Landesrabbiner Pressmann legte damals vor allem Wert darauf, dass das Kirchengebäude nicht mehr als Kirche genutzt wurde.

"Wir haben das nicht verletzt, wir haben niemandem das Gebetshaus weggenommen – das war für mich ganz wichtig. Das Gebäude selbst hatte keine richtig christlichen Sachen außer dem Kreuz. Das abzuhängen war ganz einfach."

Hätte man die Synagoge neu gebaut, hätte es wohl eine eigene Empore für Frauen gegeben, sagt Pressmann.

"Das ist die erste Bedingung für eine orthodoxe Synagoge, ein sehr wichtiges Moment, wo die Männer sich auf das Gebet konzentrieren können. Und nicht auf die Frauen."

Sichtblende zwischen Männern und Frauen

Nun werde während der Gottesdienste eine Sichtblende zwischen die nach Geschlechtern getrennten Stuhlreihen geschoben. Die Thora-Rolle sei geliehen, für eine eigene werde Geld gesammelt, vor allem bei Besuchern und Gästen. Das dauere, wie Pressmann sagt.

"Es kommen viele Besucher in die Synagoge, aber natürlich geht das langsam. Wir sprechen von 30.000 Dollar."

Doch die Herausforderungen lägen eher woanders, sagt Landesrabbiner Nachmut Pressmann: Die meisten Einwanderer seien kaum religiös geprägt – eine Einschätzung, die nicht nur für Cottbus gelte. 
 
"Die Menschen hatten sehr wenig Möglichkeit, ihr jüdisches Leben zu praktizieren. Die kommen nach Deutschland mit sehr wenig Wissen und Verstand von Judentum."

Gemeindevorstand kennt sich mit Religion nicht aus

Einer von ihnen, der sich, wie er selbst sagt, mit Religion nicht so auskennt, ist Max Solomonik. Er ist einer der wenigen, der Deutsch spricht, und er ist der offizielle Sprecher des Gemeindevorstandes. Er hat viel Zeit in das Integrationszentrum gesteckt, wo man versuchte, die Neuankömmlinge in Arbeitsstellen zu vermitteln – mit mäßigem Erfolg, wie er einräumt.

"Alle Leute denken, wenn sie losfahren: wenn ich komme, in mindestens zwei Monaten beginne ich schon zu arbeiten. Aber die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist ein bisschen eine andere."

Das Hauptproblem auf dem Arbeitsmarkt ist die Sprache

Eine feste Arbeitsstelle hat kaum jemand aus der älteren Generation gehabt, wobei die fehlenden Sprachkenntnisse das Hauptproblem sind. Semion Grossman tut auch im hohen Alter etwas dagegen, auch wenn seine Schüler nicht mehr auf der Suche nach einem Arbeitsplatz sind. Grossman war Lehrer; er kam mit 77 Jahren aus Odessa nach Cottbus. Der mittlerweile 90jährige erzählt bei einem Kaffee in einer Bäckerei in seinem Wohngebiet in einem Vorort von Cottbus von den Schwierigkeiten seiner Schüler:

"Der Jüngste ist 70, ab 70 bis 81, 83. 15 Personen habe ich, 15 Studentinnen und Studenten. Langsam, aber es geht. Sie sprechen Deutsch schon besser, sie verstehen Deutsch besser."

Grossman leitet Konversationsnachmittage und übt deutsche Sprachwendungen, auch mehr als zehn Jahre nach der Ankunft.

Mit Anfang 40 einer der Jüngeren

Kulturelles Engagement ist für Grossman ein wichtiges Anliegen, die Synagoge ist für ihn auch Treffpunkt und Veranstaltungsort. Das trifft für die Jüngeren in der Gemeinde allerdings nicht zu. Die gibt es nämlich kaum. Kantor Sergej Romanov ist mit Anfang Vierzig schön ein ‚Youngster‘: 

"In der Gemeinde gehöre ich definitiv zu den Jüngeren. Von denen, die, sagen wir, aktiv in der Gemeinde sind, bin ich wahrscheinlich der Jüngste. Das Durchschnittsalter liegt definitiv bei über 60."

Die Nachkommen der Einwanderer-Generation, die hier aufgewachsen sind, verlassen die Stadt meistens schon für Ausbildung und Studium. Als Kinder und Jugendliche hätten sie kaum am rituellen religiösen Leben teilgenommen, so Kantor Romanov:

Beim Gebäude würde der Landesrabbiner gerne copy/paste machen

"Also, in der ganzen Zeit, die ich da bin, also 16 Jahre, wir haben ganz viele Begräbnisse gehabt, aber keine einzige Beschneidung und keine einzige jüdische Hochzeit. Ich sehe keine Zukunft für die jüdische Gemeinde in Cottbus, wirklich."

Was das Gebäude betrifft, die ehemalige Hugenotten-Kirche – da schaut allerdings selbst Landesrabbiner Pressmann ein wenig neidisch nach Cottbus:

"Schade, dass wir nicht copy/paste nach Potsdam machen können. Das ist so ein schöner Fall. Ich könnte es nicht besser bauen."

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