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Tonart | Beitrag vom 05.11.2015

Judy CollinsDie Grande Dame des American Folk

Von Harald Mönkedieck

Die US-amerikanische Folk-Sängerin Judy Collins (imago/UPI Photo)
Die US-amerikanische Folk-Sängerin Judy Collins bei einem Konzert in New York 2011. (imago/UPI Photo)

Die Folk-Sängerin Judy Collins war dabei, als im New Yorker Greenwich Village Musikgeschichte geschrieben wurde. Nun erscheint ihr neues Album - auf dem sie einen bislang kaum bekannten jungen Songwriter vorstellt.

Eine Begegnung mit Judy Collins ist eine Begegnung mit einer Dame. Einer Lady aus New York, Upper West Side, Manhattan. Eine beeindruckende Erscheinung auch im Alter. Elegant, humorvoll und bodenständig. Ihr blinder Vater war Sänger und Moderator mit täglicher Radioshow. Seine Tochter ein Klavier-Talent, das mit Werken von Mozart und Rachmaninoff auftrat. Doch Folksongs wurden zur Leidenschaft des Teenagers Judy Collins. Geprägt vom Folk-Boom der Zeit wurde aus der Pianistin eine Folksängerin, unterwegs in Clubs und Cafés. Schließlich im Epizentrum der Szene – Greenwich Village, New York. Zu genau der Zeit, der im Kinofilm "Inside Llewyn Davis" der Coen-Brüder unlängst ironisch gedacht wurde, frei nach der Autobiographie des Folksängers Dave Van Ronk. Judy Collins konnte nichts damit anfangen und findet deutliche Worte.

"Ich nehme es den Coen-Brüdern wirklich übel, dass sie diesen Film gemacht haben. Er hat mich beleidigt und andere auch… Dave Van Ronk war ein sehr guter Freund von mir. Ich habe ihn sehr geschätzt. Es gab in diesem Film kein Leben, keinen Humor, keinen Spaß, keine Leidenschaft – keinen Glanz. Denn darum ging es damals. Um Energie, Licht – und um wild entschlossene Künstler…"

Judy Collins ist Zeitzeugin. Sie war dabei, als Geschichte geschrieben wurde im Village, beim Newport Folk Festival, und in den Künstler-Zirkeln, in denen politisch gedacht wurde. Judy Collins war immer politisch. Sie fuhr nach Mississippi, um schwarze Wählerstimmen zu registrieren, war privat zu Gast im Weißen Haus der Clintons. Mehrere Erinnerungsbücher hat sie geschrieben, das jüngste "Sweet Judy Blue Eyes" – frei nach dem für sie geschriebenen Songklassiker von Stephen Stills – mit einem Fokus auf den "Sixties".

"Diese Zeit im Village war einfach phänomenal. Niemand hat diese Geschichte bislang korrekt erzählt, weder im Film noch im Fernsehen, nirgendwo. Doch sie hat genug Tiefe, Reichtum, Humor und Schönheit, um etwas Besseres zu rechtfertigen, als das was wir jetzt bekommen haben."

Immer auf der Suche nach bedeutenden Songs

Judy Collins war dabei, als Dylan "Mr Tambourine Man" schrieb, Leonard Cohen klopfte an ihre Tür, um schüchtern seine Songs vorzutragen. Collins war zunächst keine Songwriterin. Sie war Interpretin, immer auf der Suche nach bedeutenden Songs. Joni Mitchell singt ihr "Both Sides Now" durchs Telefon vor. Collins hat damit einen Hit. Und erweitert schon Mitte der 60er--Jahre Repertoire und Sound, singt zu Orchester-Arrangements Songmaterial von Brel bis Broadway.

Die Karriere von Judy Collins dauert jetzt mehr als ein halbes Jahrhundert an. In Kontinentaleuropa war sie nur selten, doch noch immer bestreitet sie mit brillanter Stimme in den anglo-amerikanischen Ländern mehr als einhundert Konzerte im Jahr.

"Mir ist sehr bewusst, dass Karrieren Höhen und Tiefen haben. Man erlebt die Höhen und durchlebt die Tiefen – und geht dann philosophisch damit um. Der Trick ist, einfach lange genug zu leben, um ein wirkliches Verständnis davon zu entwickeln, dass man manchmal gefragt ist – und manchmal nicht."

Ein schwerer Schicksalsschlag für Judy Collins war der frühe Tod ihres Sohnes Clark, der sich mit 33 das Leben nahm. Collins befasste sich intensiv mit der Problematik "Suizid", besonders mit der lange tabuisierten Situation der Hinterbliebenen. Ihr Buch "Sanity and Grace" ist ein Standardwerk zum Thema in den USA.

"Fakt ist, dass diese Erfahrung die eigene Psyche tief verstört. Es ist, als ob eine Bombe in das eigene Unterbewusstsein und Bewusstsein geworfen wird."

Das neue Album von Judy Collins ist ein Duett-Album mit männlichen Partnern. Einige Namen: Willie Nelson, Jackson Browne, Jeff Bridges, Marc Cohn, Glen Hansard – und Ari Hest. Der noch unbekannte junge Songwriter aus New York hat es ihr angetan. Sein Song "Strangers Again" gab dem Album den Titel. Collins ist eine Gesangs-Expertin, betrachtet Sänger als Athleten – und pflegt für sich ein "bel canto" mit Klarheit und Ausgewogenheit in Phrasierung und Timbre als Ausdrucks-und Klangideal.

Ihren größten Hiterfolg hatte Judy Collins in den frühen 70er-Jahren mit einer a cappella Version von "Amazing Grace". Dem alten Kirchenlied, das unlängst auch vom Präsidenten selbst öffentlich vorgetragen wurde. In Charleston, South Carolina, im Gedenken an die Opfer rassistischen Terrors. Auch Judy Collins war beeindruckt, denn sie weiß um die Macht eines Liedes, das im richtigen Augenblick angestimmt wird.

"Ich weiß etwas vom Hintergrund dazu. Er war in der Limousine, gemeinsam mit Michelle und seinem Berater. Obama schlug es vor und sie hielten es für keine gute Idee. Und dann kann man an seiner Körpersprache sehen, als er anfängt, von ´Gnade` zu spreche, wie er einen Moment lang zögert, aber dann tat er es - und es war perfekt. Ganz erstaunlich… Wird er eine Karriere als Sänger haben? Ich glaube nicht… Wird er es jetzt nach jeder Rede singen? Ich glaube nicht… Aber das war genau der Moment, es zu tun. Denn es zählte."

 

Tonart

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