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Buchkritik | Beitrag vom 16.06.2018

Joyce Carol Oates: "Der Mann ohne Schatten" Vom Patienten zum Liebesobjekt

Von Gabriele von Arnim

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(Fischer Verlag / Deutschlandradio )
Joyce Carol Oates: "Der Mann ohne Schatten" (Fischer Verlag / Deutschlandradio )

Joyce Carol Oates' Roman "Der Mann ohne Schatten" spielt im Gedächtnislabor eines neurologischen Instituts. Dessen Leiterin will neben Preisen das Herz eines attraktiven Kranken gewinnen. Obsessiv fräst sie sich in sein Leben.

Pünktlich zu ihrem 80. Geburtstag legt die amerikanische Autorin Joyce Carol Oates einen neuen Roman vor. Über 40 Romane und Hunderte von Erzählungen hat sie geschrieben und publiziert darüber hinaus noch unter verschiedenen Pseudonymen.

Eine Könnerin des Sezierens

Die zierliche Person mit dem unerbittlichen Blick für menschliche Schwächen, mit dem sie in Hirne, Seelen und Gesellschaften späht, ist eine Könnerin des filigranen Sezierens von Grusel und Gewalt. Angesiedelt sind ihre Geschichten meist im Milieu der Armut und Entbehrung oder der dekadenten akademischen Mittelschicht. In beiden Lebenskreisen kennt Oates sich aus. Aus dem einen kommt, im anderen lebt sie. Seit einigen Jahren ist sie mit einem Neurowissenschaftler verheiratet. Und siehe da: Ihr neuer Roman spielt an einem neurologischen Institut, genauer gesagt im Gedächtnislabor.

Dort hat man sich einen fantastischen Probanden gesichert. Einen attraktiven, 37-jährigen Mann aus bester Familie, von Haus aus reich, gebildet - und seelisch belastet. Nach einer Hirnoperation hat er Teile seines Gedächtnisses verloren. Neue Eindrücke behält er nicht länger als 70 Sekunden. Als 23-jährige Doktorandin lernt Margot Sharpe ihn kennen und wird ihn über 30 Jahre lang testend begleiten, wird ihn für sich reklamieren und ihn eifersüchtig schützen vor neugierigen Kollegen. Der Mann gehört dem Institut und damit ihr, als sie dessen Leitung übernimmt. Sie wittert Ruhm und bekommt ihn. Das Amnesie-Projekt E.H. – so die Initialen des Kranken - macht Furore in der Welt der Wissenschaft.

Doch Margot Sharpe, eine zierliche, fast anorektische, einsame, psychisch fragile, von Liebessehnsucht zerfressene Person will mehr als Preise und Ovationen, sie will den Mann. Und so fräst sie sich mit obsessiver Verve hinein in sein Leben, beginnt eine exaltiert zärtliche und sogar eine sexuelle Beziehung mit ihm. Nur ihm kann sie alles und auch sich anvertrauen, weil er ja alles und auch sie sofort wieder vergisst.

Spannung, Schrecken und Mitgefühl

Ihre Liebe zu ihm hindert sie allerdings keineswegs daran, den Mann mit immer neuen Versuchsreihen zu quälen, über ihn zu schreiben, zu profitieren von ihm als Forschungsobjekt. Er wird ihr Leben. Ist Futter für ihren Liebes- wie ihren Ehrgeizwahn. Und so fragt man sich alsbald, wer hier wohl unheilbarer ist, der gedächtniskranke Mann oder die besessene Frau.

Was für ein rasant abgründiger Plot! Dafür geschaffen, den Leser mitzunehmen - im doppelten Sinn des Wortes. Und in der Tat folgt man den beiden bedauernswerten Gestalten mit Spannung, Schrecken und Mitgefühl in ihre jeweiligen Seelenkerker. Aber Oates treibt uns nicht vor sich her, wie man es aus früheren Romanen kennt. Sie liefert sich selber ihren Figuren nicht rückhaltlos aus. Obgleich sie sich sogar traut, immer wieder auch aus der Perspektive des Kranken zu schreiben. Aber sie erzählt uns von Hirngespinsten und Hirndysfunktion so elegant distanziert und auch repetitiv, dass es uns nicht wirklich bedrängt. Zwar lernen wir viel über retrograde und anterograde Amnesie, aber es fehlt die Angstlust, mit der man so oft ihre früheren Bücher verschlungen hat.

Joyce Carol Oates: "Der Mann ohne Schatten"
S. Fischer, Frankfurt/Main 2018
384 Seiten, 24 Euro

Hören Sie zum 80. Geburtstag von Jocye Carol Oates auch einen Beitrag von Martina Buttler:

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