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Buchkritik | Beitrag vom 12.06.2018

Josef Winkler: "Laß dich heimgeigen, Vater"Der Vater und der verscharrte Nazi-Schlächter

Von Sigrid Löffler

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Buchcover Josef Winkler: "Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe" (Suhrkamp / picture-alliance/ dpa / Fredrik von Erichsen)
Zwischen Faszination und Abstoßung: Josef Winkler befasst sich immer wieder mit seiner dörflichen Herkunft. (Suhrkamp / picture-alliance/ dpa / Fredrik von Erichsen)

Josef Winkler hat sich bereits in mehreren Werken mit seinem österreichischen Heimatdorf und seinem übermächtigen Vater auseinandergesetzt. Mit "Laß dich heimgeigen, Vater" fügt er dieser Reihe eine weitere wütende Abrechnung hinzu.

"Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe" ist der sperrige Titel eines Theaterstücks, das der Büchner-Preisträger Josef Winkler im Auftrag des Burgtheaters geschrieben hat und das im November 2017 in Wien uraufgeführt wurde. Leicht überarbeitet und in verkettete Erzählkapitel geordnet ist dieser Text nun in Buchform mit der Genre-Bezeichnung "Roman" erschienen.

Der Text ist im Grunde weder das eine noch das andere – weder ein Theaterstück noch ein Roman. Er ist – in der seit Kafka klassischen Form eines Briefs an den Vater – ein weiterer wütender Abrechnungstext des abtrünnigen Kärntner Bauernsohns Winkler mit seinem Herkunftsmilieu – seinem Vater, seiner Familie, seinem Dorf und seiner Kirche. Winkler zählt – wie Peter Handke oder Franz Innerhofer – zu den österreichischen Dorf-Söhnen, die sich aus ihrem hinterwäldlerischen Milieu in die Literatur gerettet haben, ohne ihre Wurzeln zu kappen.

Zwischen Faszination und Abstoßung

Seit nunmehr fast 40 Jahren, seit seinem Roman-Debüt "Menschenkind" von 1979, arbeitet sich Winkler mit monomanischer Besessenheit an seiner Herkunft ab – an der fast archaischen, autoritären, bigotten Gewaltwelt seines kreuzförmig angelegten Dorfes Kamering im Drautal "Dorf Kruzifix"), und am todesprunksüchtigen barocken bäuerlichen Katholizismus mit seinem Reliquienkult und seinen Einsegnungs-, Begräbnis- und Totenritualen, die er dort als geprügeltes Kind und kleiner Messdiener ("Erzministrant") leidvoll am eigenen Leib erfuhr. Winklers Literatur – seine Sprache, seine Metaphorik, seine Bilderwelt – speist sich seit jeher aus dem faszinierten Widerwillen und dem passionierten Aufbegehren gegen seine Herkunftswelt, die ihn bis heute nicht loslässt und die er verkörpert sieht in der überlebensgroßen, hassgeliebten Gestalt seines Vaters, des mythischen Dorf-Patriarchen, der 2005 mit fast 100 Jahren starb.

Winklers Literatur verdankt sich dieser Ambivalenz von Faszination und Abstoßung. In der barocken Bilderflut seiner Sprache zwingt er die größten Gegensätze zusammen: Sexualität und Todessucht, Nekrophilie und Weltekel, Gottesfurcht und Gotteslästerung, Sakrament und Sakrileg, Ritual und Blasphemie, Jesus-Liebe und Homo-Erotik, Stalldunst und Weihrauch, Verwesungshauch und Blutgeruch. Winkler ist der Todeserotiker der österreichischen Gegenwartsliteratur und deren virtuosester Leichenbestatter.

Der verscharrte Nazi-Schlächter

In "Laß dich heimgeigen, Vater" führt Winkler den immerwährenden Prozess gegen seinen Vater und sein Heimatdorf nun mit neuer Verve und aus neuer Perspektive fort. Er hat jetzt erfahren, dass der aus Klagenfurt stammende SS-Brigadeführer Odilo Globocnik, einer der grausamsten Nazi-Schlächter, der sich des Massenmords an den Juden rühmte ("Zwei Millionen ham’ma erledigt!"), nach seinem Zyankali-Selbstmord im Mai 1945 von britischen Soldaten ausgerechnet in der "Sautratten" verscharrt wurde, der Gemeindewiese an der Drau, die von den Kameringer Bauern, darunter auch Winklers Vater, gemeinschaftlich genutzt wurde.

"Warum hast du uns nicht erzählt, auf welchem Boden wir stehen", so lautet nun Winklers Vorwurf an den toten Vater. Die Feldfrüchte der Sautratten – Roggen, Weizen und Hafer als Ernährungsgrundlage für Mensch und Vieh – seien aus vergiftetem Boden gewachsen und in die Nahrungskette geraten – und sein Vater habe es ihm verschwiegen. Die Empörung darüber ist der Auslöser für diese neuerliche Anklage-Litanei: "Jetzt stochere ich mit Worten in deinem Grab, um dich zum Sprechen zu bringen." Die zehn Kapitel dieses Textes sind ein großer Erinnerungsstrom, voller Wiederholungen, Selbstzitate und Beschwörungen des wohlbekannten Winkler’schen Bild- und Leitmotiv-Repertoires, vom Kälberstrick bis zum Schutzengelbild. Der Herrgottswinkel Kamering hat Winkler neuerlich eingeholt – als Nazi-Winkel.

Josef Winkler: "Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
200 Seiten, 20 Euro

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