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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 02.05.2015

Joop Snep – Überlebender des KZ Sachsenhausen"Wer hinfiel, bekam einen Genickschuss"

Moderation: Ulrich Ziegler

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Peter Josef Snep, 1921 als Sohn einer deutschen Mutter und eines holländischen Vaters in Bonn geboren, ist einer der letzten Zeitzeugen, die den Holocaust überlebt haben. (Foto: Roel Hendrickx )
Peter Josef Snep, Jahrgang 1921: "Als nun die Deutschen die Juden so schrecklich behandelten, so wie in der Kristallnacht, da fragten sie meinen Vater - 'Kannst du nicht helfen?'" (Foto: Roel Hendrickx )

Er war in drei Konzentrationslagern, weil er Juden bei der Flucht aus den besetzten Niederlanden geholfen hatte. Dass er selbst überlebt hat, schiebt er auf seine gute Kondition: Joop Snep war früher Leistungssportler. Heute, mit 93 Jahren, geht er noch immer geht er an Schulen und berichtet von "damals".

Deutschlandradio Kultur: Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung. Das sagte Richard von Weizsäcker, der damalige Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland am 8. Mai 1985 – 40 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

Und heute gibt es nur noch wenige Zeitzeugen, die das Grauen überlebt haben und darüber erzählen können. Einer davon ist Joop Snep, 1921 als Sohn eines deutschen Vaters und einer holländischen Mutter in Köln geboren. Weil er und sein Vater Juden bei der Flucht aus den besetzten Niederlanden geholfen hatten, wurde er von den Nazis verhaftet. Sie brachten ihn unter anderem in das Konzentrationslager nach Sachsenhausen, wo er als Häftling unter anderem im sogenannten Schuhläuferkommando Schuhe für die Wehrmacht testen musste. Wer hin fiel, bekam einen Genickschuss. – Joop Snep überlebte.

Ich traf den heute 93-Jährigen vor wenigen Tagen in einem kleinen Hotel in Oranienburg, wenige Kilometer vor dem KZ Sachsenhausen, dem Ort seiner Peiniger entfernt.

Gleich nach der Begrüßung bietet er mir das Du an. Er will mir nochmal seine ganze Lebensgeschichte erzählen. Zunächst berichtet er darüber, warum er sich als Vize-Vorsitzender des Internationalen Sachsenhausen Komitees jedes Jahr von seinem Heimatort Amsterdam aus mit über 90 Jahren auf den Weg nach Sachsenhausen macht.

Joop Snep: Seit ungefähr 15 Jahren bin ich immer bei der Gedenkfeier von Sachsenhausen hier, als Sachsenhausen befreit wurde. Da bin ich immer ein paar Tage hier, um bei verschiedenen Gedenkfeiern zu sein.

Deutschlandradio Kultur: Ich will mal mit der langen Lebensgeschichte anfangen. 1921 …

Joop Snep: … bin ich geboren in Bonn. Ich habe also das "Wachstum vom Hitlerismus" mitgemacht von 21 bis 30. Aber mein Vater sagte 1930, also nein, ich werde das als Holländer nicht mitmachen. Er hat seine Fabrik verkauft und dann sind wir nach Holland gezogen. Denn mein Vater sagte: "Wenn der Hitler mal dran kommt, das ist ein Verbrecher."

Deutschlandradio Kultur: 1930 ist die Familie von Bonn nach Amsterdam gezogen, weil die Nazis immer stärker wurden.

Joop Snep: Da hat Vater wieder eine Schreinerei in Amsterdam eröffnet.

Deutschlandradio Kultur: Das war aber nicht das Einzige. Er hat auch Juden geholfen.

Joop Snep: Da fingen die Reisen mit Autobussen an. Eine Woche am Rhein, eine Woche im Schwarzwald. Und mein Vater hatte bei den Josefs-Gesellen von 1898 an Wanderschaften durch ganz Europa gemacht. Und die Wanderschaft brachte also mit, als wir in Amsterdam wohnten, und 1933 Hitler an die Macht kam, dass auch zufällig in der Zeit die Zeit mit die Busreisen begann. Und da hat sich mein Vater als Reiseführer angemeldet, weil er Europa so gut kannte. Und das hat er also gemacht bis 1940. Aber dann war es vorbei.

Deutschlandradio Kultur: Aber er hat ja nicht nur Reiseleitung gemacht, um touristische Orte anzuschauen, sondern er hat mehr getan.

Joop Snep: Das will ich erzählen. Die Leute, die die Reisen machten, die mussten einen Pass haben. Die Reisen durften Sie mit einem Kollektivpass machen. Auf einem Zettel wurden 40 Namen aufgeschrieben von den Leuten, die die Reise machten. Und wenn sie dann zurückkamen an der Grenze, dann konnten die Beamten sehen, ah ja, das sind 40 Leute, die mit Herrn Snep im Rheinland gewesen sind. Die können auch nach Holland wieder rein.

Nur mein Vater war verantwortlich mit seinem Pass. Wenn die Leute abends frei hatten, dann war mein Vater natürlich frei. Dann besuchte er alte Freunde aus der Zeit, als er in Deutschland noch seine Tischlerei hatte. Unter den meisten der Freunde, die er besuchte waren sehr viele jüdische Freunde. Denn die waren Lieferanten von all den Sachen für die Möbelfabrik, das war vielfach in jüdischen Händen. Die ging er besuchen.

Als nun die Deutschen die Juden so schrecklich behandelten, so wie in der Kristallnacht, da fragten sie meinen Vater, kannst du nicht helfen, dass wir in Holland reinkommen, denn wir kommen an der Grenze nicht weiter. Da hat mein Vater nachgedacht und auf einmal sagte er:"Hei, ich weiß es."  Denn an der Grenze wurde er nicht mehr kontrolliert. Er kam an die Grenze und die Beamten, die das sahen, sagen: "Hey, Onkel Peter, da bist du wieder, fahr weiter." Also, mein Vater wurde nicht mehr kontrolliert.

Dann kam er demnächst nur mit vier- oder fünfunddreißig Mann auf dem Zettel und hatte bei der Rückreise Platz für fünf oder sechs andere Männer.

Deutschlandradio Kultur: Und das waren dann oft Juden?

Joop Snep: Da schrieb er die Namen von Freunden drauf. Und als sie dann an die Grenze kamen, da hieß es, es sind 40 Mann, die sind dann und dann nach Deutschland gefahren, die können wieder zurück nach Holland. Und so hat er bis 1940 vielen Juden über die Grenze geholfen nach Holland.

Deutschlandradio Kultur: Hast du da auch mitgemacht? Wusstest du Bescheid?

Jopp Snep: Nein, niemand von der Familie wusste das, meine Mutter auch nicht. Niemand wusste, dass mein Vater, wenn er auf Reise war, jüdische Leute nach Holland brachte. Zum Glück hat er uns nie etwas davon erzählt. Vier Jahre später, als ich verhaftet wurde, da haben sie mich öfters zusammengeschlagen, um zu hören, ob ich was wusste.

"Als sie einmarschiert waren, haben sie uns ungefähr zwei Jahre in Ruhe gelassen"

Deutschlandradio Kultur: Das hat eine Weile funktioniert. Dann sind die Deutschen in Holland einmarschiert. Und irgendwann ist die Sache aufgeflogen.

Joop Snep: Da war es fertig und ging nicht mehr. Da haben die Deutschen uns, als sie einmarschiert waren, ungefähr zwei Jahre in Ruhe gelassen. Aber dann fingen sie an die Juden genauso zu behandeln, wie sie es in Deutschland machten.

Deutschlandradio Kultur: Aber dann ist irgendwas schief gelaufen.

Joop Snep: Wir waren im August 1939 drei Wochen in der Schweiz mit der Familie. Wir wussten überhaupt nichts. Am ersten September fuhren wir zurück. Und was erfuhren wir, als wir über die Grenze kamen? Der Zug war ganz voll, die Leute mussten alle nach Hause, denn Hitler war in Polen einmarschiert. Später, als die Deutschen uns besetzt hatten 1940, im Anfang ließen sie uns ziemlich in Ruhe. Aber so ungefähr 42 da fingen sie genauso an. Wir wurden vielfach kontrolliert und die Juden bekamen auch ein J auf ihren Pass. Und so wurden sie genauso schlecht behandelt wie in Deutschland.

Und jetzt kamen also die jüdischen Leute die Holland waren. Die kamen zu meinem Vater und fragten: "Weißt du nicht wieder was?" Da ist mein Vater durch Belgien, Frankreich einmal nach der Schweiz gefahren. Und da hat mein Vater also eine Reiselinie aufgebaut, so dass mein Vater jüdischen Leuten, die aus Holland in der Schweiz wollten, helfen konnte. Aber das war nicht einfach, da sie dafür gefälschte Papiere brauchten.

Mit dem Zug brachte er sie an die Grenze. Das war in Süd-Limburg. Und da war ein Bauernhof, der stand direkt auf der Grenze. Auf der einen Seite, wenn du reingingst, war  Holland, auf der anderen Seite Belgien. Und ein paar hundert Meter vor dem Bauernhof hatte die Familie ein kleines Café. Und dann stiegen sie aus bei dem Café, blieben dort bis abends, und am Abend brachte mein Vater oder einer der Söhne von dem Bauer die jüdischen Leute vereinzelt zu dem Grenzposten bei dem Bauernhof. Und dann wurden ihnen weiter durch Belgien und Frankreich geholfen durch die Stützpunkte, die mein Vater organisiert hatte.

Und das fing 1942 an. Es war natürlich ziemlich viel Arbeit. Da hat er mich gefragt, willst du nicht helfen. Da hat er mir erzählt, wie es da ging. Ja, und dann habe ich gesagt: Ja, das ist gut.

Also, von dem Moment an machte ich es auch wie mein Vater. Ich ging ich Leute abends besuchen, schrieb alles auf. Und dann brachte ich die Papiere zu der falschen Papierzentrale von dem Untergrund. Und nach einer Woche, vierzehn Tage, bekamen wir anständige Papiere. Falsche natürlich. Und dann brachten wir, mein Vater oder ich, vier, fünf oder sechs Leute bis an die Grenze mit dem Zug. Und das ging ziemlich gut.

An einem Abend kamen wir mit ein  paar Leuten zusammen. Da war ein jüdischer Mann dabei, der sagte: "Ah, ich habe die falschen Papiere nicht nötig, denn ich habe Freunde bei der holländischen Kripo. Die werden mich da hinbringen. Und wenn mich dann in dem Zug Deutsche kontrollieren, dann bin ich einfach Häftling von den Polizisten. Also, ich hab die falschen Papiere nicht nötig."

Mein Vater war da nicht froh damit, aber er sagte ja. Da hatte ich also fünf, sechs Leute mit dem einen Mann dabei, aber auch die zwei Polizisten. Und die wollten genau wissen wie das ging und wir das  machten. Und ich wusste nix. Und wenn ich was wusste, habe ich es doch nicht gesagt.

Ich hatte die Juden abends abgeliefert. Und die Leute, die zwei Polizisten, die gingen aus dem Café mittags zurück nach Amsterdam. Und ich blieb da. Und in der Nacht brachte ich erst vereinzelt die Leute zu der Grenze.

Am nächsten Morgen fuhr ich zurück nach Amsterdam. Und als ich dann zum Bahnhof kam, da standen die zwei Polizisten am Bahnsteig um auf mich zu warten. Sie begrüßten mich sehr freundlich und sagten: "Ja, wir sind gekommen. Wir dachten, vielleicht können wir dir weiterhelfen. Können wir was machen?"

Wir spazierten raus nach draußen auf die Straße. Ich war Spitzensportler, ich war sehr geschwind und sehr kräftig. Also haben sie es nicht riskiert mich auf dem Bahnhof zu verhaften, denn da waren zu viele holländische Leute. Da hätte ich vielleicht verschwinden können.

Gedenktafel "Todesmarsch" veranschaulicht die Strecke des Marsches der Häftlinge des ehemaligen KZs Sachsenhausen. (Imago / Schöning)Gedenktafel "Todesmarsch" veranschaulicht die Strecke des Marsches der Häftlinge des ehemaligen KZs Sachsenhausen. (Imago / Schöning)Deutschlandradio Kultur: Waren das denn deutsche Polizisten?

Joop Snep: Nein, holländische Polizisten.

Deutschlandradio Kultur: Also holländische Polizisten, die mit den Nazis zusammengearbeitet haben?

Joop Snep: Ja, ja. Das wussten wir in dem Moment natürlich nicht. Also, wir spazierten raus. Und draußen an der Ecke vom Bahnhof war ein kleiner Polizeiposten. Und als wir da zwei Meter an der Tür vorbeigingen fassten sie mich zu zwei Mann fest und haben mich da reingezogen. Und da waren noch mehrere Polizisten. Da haben sie mich festgehalten, ganz ausgezogen, alle meine Kleider, alles durchsucht, ob ich Adressen und Namen hatte. Und sie haben mich bunt und blau geschlagen, völlig zusammengeschlagen. Aber ich habe nix gesagt. Ich sagte: "Nein, ich mache nicht mit."

Deutschlandradio Kultur: Also, festgenommen und dann haben sie dich nach Sachsenhausen gebracht ins Konzentrationslager – über Umwege.

Joop Snep: Nein, nein, nein. Ich kann das sehr kurz erzählen. Sie haben mich von dem Polizeibüro zum Hauptquartier von der Gestapo in Amsterdam gebracht, wo Willi Lages der Kommandant von der Gestapo war.

Der rief mich rein: "Komm, warum hat die holländische Polizei dich so schlecht behandelt? Willst du ein Glas Wein oder eine Zigarette?" – Sehr freundlich. "Und du kannst so gut Deutsch. Warum arbeitest du nicht für uns?" – Ich sagte: "Nein, das mache ich nicht." Dann hieß es: "Abführen!" Und das war es dann.
Dann wurde ich als Häftling abgeführt. Erst in das Polizeibüro in Amsterdam.  

Ich konnte kaum sitzen oder liegen. Ich musste mich ein oder zwei Tage im Polizeiamt an den Heizungsröhren festhalten. Und dann wurde ich ins Gefängnis in Amsterdam gebracht. Da habe ich einige Wochen verbracht. Und dann wurde ein Kommando zusammengestellt. 100 bis 120 Menschen waren es letztlich. Und da wurden wir ins Durchgangslager Amersfoort gebracht.

Die Gefangenen dort sagten: "Junge, wie kann so ein gutes Volk, wie können die Deutschen, wie können die so eine Schweinerei machen?" Aber da hab' ich erlebt, dass in Amersfoort, wo holländische SS-Leute arbeiteten, Freiwillige, dass die genauso schlimm  waren wie die Deutschen.

Deutschlandradio Kultur: Am Schluss landetest du in Sachsenhausen im Konzentrationslager.

Joop Snep: In Oranienburg mussten wir zu Fuß zu dem Lager marschieren. So kamen wir nach Sachsenhausen.

Deutschlandradio Kultur: Dort gab es etwas, was viele Leute gar nicht genau wissen, ein sogenanntes Schuhläuferkommando. Das heißt, Gefangene mussten Schuhe für die Wehrmacht testen. Sie haben dich da eingeteilt.

Joop Snep: In Sachsenhausen angekommen mussten wir uns ganz ausziehen, ganz nackt, alle Haare abschneiden, alles abgeben. Und dann bekamen wir so einen gestreiften Anzug. Und dann wurden wir in ein Kommando eingeteilt, direkt am ersten Morgen nach dem Appell. Und da waren wir also in dem Schuhläuferkommando.

Da war eine Wand. Da waren Fächer mit Schuhen drin. Da musstest du dein Schuhmaß sagen, musstest die anziehen. Und es wurde genau notiert, wie oft ich damit gelaufen war, wie schwer die Personen waren,  die damit liefen, was es für Material war, also alles zusammen.

Wir dachten, das machen die nur um uns zu schikanieren. Aber hinterher haben wir erfahren, dass das für die Schuhfabriken war. Ich schätze, dass ich das drei Wochen mitgemacht habe.

Deutschlandradio Kultur: Ich darf da nochmal kurz dazwischen gehen. Man muss sich das vorstellen. Dort gab es eine Teststrecke mit Schotter, mit Sand, Lehm, Schlacke, wo Gefangene immer rumlaufen mussten. 700 m lang ist diese Strecke gewesen.

Joop Snep: Ja, die ist noch da. Die SS wurde jede Stunde abgelöst, aber wir als Häftlinge mussten den ganzen Tag marschieren. Und da sahen wir täglich so zehn bis zwölf zusammenstürzen, weil sie nicht mehr konnten. Dann kam die SS. Ein Genickschuss und er wurde auf einer Holzkarre weggeführt, ins Krematorium.

Deutschlandradio Kultur: Das waren Firmen wie Salamander, wie Continental, auch IG Farben, die neue Materialien für die Wehrmacht geprüft haben.

Joop Snep: All die Fabriken wollen nichts mehr drüber hören. Nur die Firma Freudenberg, die hat sich anständig aufgestellt. Die hat gesagt: "Jetzt versuchen sie die Leute etwas entschädigen."  So war es auch bei mir. Einer von der Kommission hat mir auch Geld gegeben. Und die haben auch an verschiedene Stiftungen Geld verschenkt als Wiedergutmachung. Die Firma Salamander hingegen, die wollte nicht drüber reden.

"Zum Glück war ich Spitzensportler, dadurch habe ich überlebt"

Deutschlandradio Kultur: Du musstest diese Strecke laufen und laufen und laufen.

Joop Snep: Ja, ja. Zum Glück war ich Spitzensportler, dadurch habe ich überlebt. Und mein Vater war zufällig ein fanatischer Wanderer. Also, dadurch hat er es auch überlebt.

Deutschlandradio Kultur: Aber ihr seid nicht sehr lange in diesem Schuhläuferkommando gewesen. Ihr hattet Glück. Ihr wurdet dann irgendwann abkommandiert.

Joop Snep: Ich schätze, das waren so drei bis vier Wochen. Und dann wurde nach Fachleuten gefragt. Und da wir beide Tischler waren, mein Vater war Tischlermeister und ich war auch Tischler, haben sie uns als Tischler eingeteilt. Und da sind wir nach Lichterfelde in Berlin gebracht worden, ins Lager in Lichterfelde. Mitten in Berlin zwischen den Wohnhäusern haben sie ein kleines Lager errichtet, genau wie das große Lager mit Wachtürmen. Und die SS-Leute gingen mit dem Gewehr rundum.

Die Leute mussten draußen bei Schnee und Eis arbeiten, mussten Baracken bauen. Aber wir wurden in eine Halle, eine fertige Baracke reingeschickt. Da mussten wir eine Werkstatt fertig machen. Und dann mussten wir als die zwei einzigen Tischler hunderte Werkzeuge reparieren, Holzstiele von Hammern und Schippen und so. Da mussten wir neue Stiele machen. Weil wir Tischler waren hatten wir das Glück, dass wir drinnen waren.

Die SS kam auch am Tag nicht rein. Alle zehn Meter stand ein SS-Mann. Der durfte nicht aus der Reihe raus. Denn dann wäre die Kette gebrochen. Und dadurch kam niemals einen SS-Mann rein. Da haben wir einfach gemacht, was wir machen mussten. Das war eigentlich sehr bequem.

Und da sind wir mit zwei russischen Jungens als Gehilfen in die Knesebeckstraße geschickt worden. Da war das SS-Sanitätshauptamt für ganz Europa, für alle Konzentrationslager. Da arbeiteten also tausend Mann. Und da wurde Essen für die gekocht. Das war also in der Knesebeckstraße. Da war das SS-Sanitätshauptamt.  

Deutschlandradio Kultur: Wann war das? 1943?

Joop Snep: Das war 1943. Schon am zweiten Tag kamen zwei SS-Leute auf uns zu. Es waren zwei österreichische Jungs, mit denen wir überhaupt keine Schwierigkeiten hatten. Wir waren nach ein paar Tagen richtig gute Freunde geworden. Da sagt einer zu mir: "Weißt du was, du kannst gut Deutsch. Du gehst auf die andere Seite der Straße. Da wird für tausend Mann gekocht. Dann gehst du mit eurem Kessel rüber. Da kannst du dort essen." – Denn das Essen, was wir bekamen, war ja sehr schlecht und sehr wenig. Und da konnten wir rüber zu der Küche, wo für tausend Mann gekocht wurde. Das waren riesige  Kessel. Und wenn nur noch wenig drin war, dann war das das Beste.

Deutschlandradio Kultur: Der Rest am Boden.

Joop Snep: Ja. Und das durfte ich dann mitnehmen. Diejenigen, die da in der Küche arbeiteten, das waren auch Häftlinge. Und die sagten: "Kannst du nicht aus dem Lager einen großen Kessel bringen?"  Den konnte ich dann voll machen. Und dann konnte ich auch anderen das Essen geben. Ich bekam öfter einen großen Kessel mit sehr gutem Essen.

Deutschlandradio Kultur: Heute Tacheles mit Joop Snep, Überlebender des Konzentrationslagers in Sachsenhausen, Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg und mit fast 94 Jahren Vize-Vorsitzender des Internationalen Sachsenhausen Komitees. Du hattest dann die Möglichkeit, dein Vater zunächst nicht, aber du hattest die Möglichkeit, wieder zurück nach Holland zu gehen.

Joop Snep: Ja, das war komisch. Da schickte Himmler den Befehl  über alle Konzentrationslager in ganz Europa, überall. In Sachsenhausen war das Kommando. Und da kam das Kommando. Ich habe eine Fotografie von dem Brief. Er hängt jetzt im Lager in dem Museum an der Wand. Und da schrieb also Himmler an den Kommandanten von Sachsenhausen. Die Namen von den verschiedenen Lagern wurden genannt, Buchenwald und Dachau. Die mussten sie benachrichtigen, dass sie Leute gab, die sie nicht mehr direkt nötig hatten zur Arbeit – nach Holland schicken mussten. Und da mussten sich die Jungs mit Jahrgang 1921 für den Arbeitseinsatz melden. Und die wurden für Arbeit in deutschen Fabriken hingeschickt.

Deutschlandradio Kultur: Das betraf dich auch.

Joop Snep: Ja, ja – einfach nicht zu glauben. 1943, abends nach dem Appell, wurde ich gerufen, meine Nummer, denn man hatte keinen Namen mehr. Meine Nummer wurde gerufen. Ich musste mich melden, und sie sagten: "Du fährst mit ins Lager, in ein großes Lager. Da bekommst du deine Kleider zurück. Dann fährst du nach Amsterdam und dann meldest du dich da für den Arbeitseinsatz." Ganz frei, ohne Beobachtung, konnte ich mit dem Zug von Berlin nach Amsterdam fahren.

Deutschlandradio Kultur: Aber mit ganz normaler Kleidung auch.

Joop Snep: Mein eigener Anzug und alles, völlig frei. Also, ich wurde entlassen in Sachsenhausen. Ich wurde nach Amsterdam geschickt. Ich musste mich melden für den Arbeitseinsatz.

Deutschlandradio Kultur: Hast du das gemacht?

Joop Snep: Ich war erst bei meinem Arzt gewesen. Und der hatte mich ins Krankenhaus geschickt. Und im Krankenhaus in Holland musste ich an der Nase operiert werden, in Amsterdam. Und wie das fertig war, dann habe ich mich nicht mehr gemeldet. Da bin ich also untergetaucht.

Deutschlandradio Kultur: Wie war das mit dem Vater? Der konnte zu dem Zeitpunkt nicht zurück?

Joop Snep: Der musste noch bleiben. Mein Vater wurde zu Weihnachten 1943 nach Hause geschickt.

Deutschlandradio Kultur: Sachsenhausen war ein Ort, den du über 50 Jahre nicht mehr besucht hast. Trotzdem, in den 90er Jahren kam es dann doch dazu. Warum?

Joop Snep: 1992 wollte ich mit einem großen Ford Geschenke und andere  Sachen  nach Polen bringen. Und ich habe einen Schwager mitgenommen.. Und da fuhren wir zurück um Berlin rum. Und dann sah ich auf einmal das Schild Sachsenhausen. Da sagte ich zu meinem Schwager: "Bist du denn noch nie hier gewesen?"  Und dann bin ich eben nach Sachsenhausen. Da realisierte ich in dem Moment, dass ich genau vor 50 Jahren unter dem Tor, "Arbeit macht frei", was jetzt noch da ist, da rein ging. Ich bin also genau da rein, wo ich  genau vor 50 Jahren schon einmal reinmarschieren musste. Und jetzt kommt eine ganz aparte Geschichte.

Deutschlandradio Kultur: Du bist dann nach 50 Jahren zum ersten Mal wieder nach Sachsenhausen auf dem Weg zurück von Polen. Wie es der Zufall wollte, genau 50 Jahre danach.  

Jopp Snep: Ja. Richtig klar wurde es mir erst, als ich wieder nach Amsterdam zurückfuhr. Danach war wieder nach Amsterdam und hatte weiter nix damit zu schaffen mehr. Also, mein Vater war auch zu Hause. Und wir haben 50 Jahre nie mehr darüber gesprochen. Das hört man öfter.

Deutschlandradio Kultur: Aber nochmal zurück zum Heute und zum Jetzt. Du bist wieder in Oranienburg. Du bist regelmäßig in Berlin. Und es geht nicht nur darum, dass du nur vorbeischauen möchtest, sondern du triffst dich auch regelmäßig mit Gymnasiasten der Königin-Luise-Stiftung, um mit ihnen in Austausch zu kommen.

Joop Snep: Ja, das ist eine ganz andere Geschichte. Die Wende war da. Deutschland war wieder eins. Und das Lager in Lichterfelde, in der Wismarer Straße in Lichterfelde, das war leer. Ein Unternehmen aus Bonn hatte das Grundstück gekauft um Häuser für Beamte darauf zu bauen, die aus Bonn nach Berlin mussten. Und als da die Bauarbeiter anfingen, da spazierte ein pensionierter Ingenieur der Bahn dort herum. Der wohnte da und sprach mit den Bauarbeitern. – "Wenn ihr was findet aus der Kriegszeit, ruft mich an, dann hole ich das. Da machen wir da ein Museum von."  

Das war Herr Leitner. Den Namen musst du aufschreiben. Der hat das gemacht. Und da hat er eine Kommission gemeinsam mit den Nachbarn errichtet. Die haben in ganz Europa, in alle Archiven nach Überlebenden aus dem Lager Lichterfelde gesucht. Und sie haben elf Mann gefunden. Und einer der elf war ich. Und seitdem laden die uns jedes Jahr am 5. Mai …

Deutschlandradio Kultur: ... der Gedenktag in Holland, Kriegsende, Befreiung.

Joop Snep: Da sind wir dann immer, die elf in der Wismarer Straße, morgens um 10.00 Uhr ist da eine Gedenkfeier. Und das machen wir also jetzt schon 15 Jahre. Leider sind von den elf jetzt nur noch drei übrig. Ich bin einer davon. Und ich bin der Einzige, der noch die Reise machen kann. Denn die anderen, das sind – ich meine – ein Pole und ein Ukrainer, die leben noch. Die zwei können aber die Reise nicht mehr machen. Ich mache die Reise, aber ich fürchte, dass es bei mir auch zum letzten Mal ist.

Deutschlandradio Kultur: Joop, was ist dir wichtig, wenn du jetzt kommst? Du triffst dich mit jungen Menschen, mit Gymnasiasten der Königin-Luise-Stiftung.

Joop Snep: Ja. Und in Schulen in Holland. Ich bin schon in Stuttgart, in Ludwigsburg, in Köln, in verschiedenen Städten gewesen. Und das mache ich noch. Vor einer Woche habe ich noch zwei Schulen besucht.

Deutschlandradio Kultur: Wie empfindest du das? Was wollen junge Menschen, junge deutsche Mädchen und Jungs im Alter von vielleicht 16 Jahren von dir noch wissen? Ist das was ganz Besonderes?

"Wir sind ein Wunder - es ist fast 70 Jahre her!"

Joop Snep: Sehr. Als Zeitzeuge für die Jungen, das habe ich vor 14 Tagen auch wieder erfahren, die sehen das als so besonders, denn wir sind ein Wunder. Es ist 70 Jahre her!

Deutschlandradio Kultur: Und die fragen dann schon auch nochmal nach und freuen sich, dass sie nochmal das Gespräch führen. Und es ist für dich auch was sehr Bewegendes? Für dich auch oder nur für die Kinder oder die jungen Leute?

Joop Snep: Ich bekomme viele Briefe. In den zwei Tagen, in denen ich hier bin, wurde ich  schon wieder dreimal angerufen.

Deutschlandradio Kultur: Was ist dein Vermächtnis mit 94 Jahren, nach so einer Lebensgeschichte, den Erfahrungen und den üblen Erfahrungen auch mit den deutschen Besatzern? Was kann man nach 94Jahren sagen? Um was geht’s?

Joop Snep: Das Einzige, was ich als Besonderes davon erzählen will. In der Welt wurde gesagt: "Wie können die Deutschen sich so schlecht betragen"
Was ich denke ist: Egal, ob nun Holländer oder Deutsche. Wenn du so reingezogen wirst, wie Hitler das gemacht hat, dann kannst du nichts dran machen. Aber heute sind wir gut befreundet. Für mich gibt es keinen Unterschied mehr.

Deutschlandradio Kultur: Ich habe einen Satz noch gefunden, den der Bundespräsident im Deutschen Bundestag im Januar gesagt hat anlässlich der Befreiung von Auschwitz. Ich will den mal zitieren. Vielleicht passt er auch in das, wie du dir das vorstellst. Er sagt: "Aus dem Erinnern ergibt sich ein Auftrag. Und dieser Auftrag sagt uns: Schützt und bewahrt die Mitmenschlichkeit."

Joop Snep: Ja, ich muss sagen, ich habe es bis jetzt immer ohne Emotion erzählen können. Aber jetzt bewegt es mich sehr.

Deutschlandradio Kultur: Joop, dann versuche ich es mal auf Niederländisch: "Hartelijk bedankt." Herzlichen Dank, Joop.

Joop Snep: Dankeschön, dankeschön.    

 

Peter Josef Snep, 1921 als Sohn einer deutschen Mutter und eines holländischen Vaters in Bonn geboren, ist einer der letzten Zeitzeugen, die den Holocaust überlebt haben. Noch heute reist er jedes Jahr von seinem Heimatort Amsterdam nach Berlin. Als Zeitzeuge, Überlebender des Konzentrationslagers Sachsenhausen und als ehemaliger Widerstandskämpfer ist er mit fast 94 Jahren Vize-Vorsitzender des Internationalen Sachsenhausen Komitees.

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Tacheles

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