Seit 00:05 Uhr Freispiel
 

Montag, 18.12.2017

Buchkritik | Beitrag vom 01.12.2017

John Hands: "Cosmosapiens"Was die Wissenschaft nicht wirklich weiß

Von Michael Lange

Beitrag hören Podcast abonnieren
Buchcover von John Hands: "Cosmosapiens" (Knaus / dpa)
Gängige wissenschaftliche Erklärungen kommen bei John Hands auf den Prüfstand. (Knaus / dpa)

Wie entstand das Universum? Und wie entwickelte sich Leben auf der Erde? Für die großen Fragen der Menschheit hat die Wissenschaft schlüssige Theorien aufgestellt. Wie wasserdicht diese Erklärungen wirklich sind, hinterfragt John Hands in "Cosmosapiens".

Wissenschaftler sollten nur Theorien aufstellen, die in sich schlüssig und nachprüfbar sind. Doch gerade die aktuellen Vorstellungen vom Urknall oder zur Entstehung des Lebens auf der Erde lassen sich nicht ohne weiteres nachvollziehen, nachprüfen oder gar beweisen. Der ebenso skeptische wie eigensinnige Chemiker John Hands stellt gängige Erklärungen der Wissenschaft auf den Prüfstand.

Womit beginnt die Evolution?

Dazu hat er unzählige Informationen aus den verschiedensten Fachgebieten zusammengetragen. Sorgfältig stellt er sie vor, um sie dann einer Art Faktencheck zu unterziehen. John Hands ist Ankläger, Verteidiger und Richter in einer Person. Sein Urteil fällt bisweilen vernichtend aus. Schon bei der Erklärung, wie das Universum einst entstand und wie sich erste Materie bildete, bleibe die Wissenschaft klare Antworten schuldig, schreibt er. Die allgemein anerkannte und viel zitierte Urknalltheorie stehe auf wackligen Füßen, denn sie basiere allein auf mathematischen Modellen. Sie lässt sich nicht überprüfen, und experimentelle Befunde ließen sich auch anders erklären. Nach Ansicht von John Hands war die ungewöhnlich schnelle Anerkennung der Theorie durch die katholische Kirche verantwortlich für ihren Siegeszug. Ein anderer Grund für den Erfolg: Alternative Theorien sind auch nicht überzeugender.

Nach diesem Einstieg verwundert es nicht, dass auch die in der Biologie weitgehend akzeptierte neodarwinistische Evolutionstheorie den Skeptiker nicht vollends überzeugt. Er zweifelt nicht an der Evolution der Arten an sich. Die ist durch fossile Funde und molekulargenetische Untersuchungen gut belegt und nachvollziehbar. Was fehlt, ist der Anfang. Wie entstanden aus ein paar wenigen Molekülen die ersten Lebewesen? Möglicherweise wird sich diese Frage nie beantworten lassen. Auch den Gesetzmäßigkeiten der Evolution fühlt John Hands auf den Zahn und kommt zu dem Schluss: Wichtiger als der Konkurrenzkampf ist die Kooperation - die gegenseitige Unterstützung einzelner Lebewesen und die Symbiose verschiedener Arten.

Lückenhaftes Wissen

John Hands ist ein sachkundiger Außenseiter, getrieben von großer Liebe zur reinen Wissenschaft und viel Skepsis gegenüber dem professionellen Wissenschaftsbetrieb. Immer wieder steigt er tief ein in detaillierte Fachdiskussionen. Das macht es für den Leser schwierig, die Bedeutung der einzelnen Argumente einzuschätzen. Letztlich präsentiert er eine Art wissenschaftliches Weltbild, das akzeptiert, was die Wissenschaft alles nicht weiß. Sein Buch will Außenstehenden dieses Weltbild erklären, so wie vor fast 200 Jahren Alexander von Humboldt mit seinem fünfbändigen Lebenswerk "Kosmos". Aber im Unterschied zu Humboldts Zeiten hat sich das Wissen vervielfacht. Ein einzelner Universalgelehrter kann es nicht durchschauen, und sei er noch so fleißig und wissbegierig.

"Cosmosapiens" ist gespickt mit wichtigen Gedanken und interessanten Details. Gerade weil er das wissenschaftliche Denken liebt, hinterfragt John Hands viele ihrer Theorien. Er misst die Wissenschaft an ihren eigenen Prinzipien. Das ist anspruchsvoll und nicht immer leicht zu lesen. Bisweilen scheitert John Hands so dann immerhin mit viel Stil an seinen eigenen hohen Ansprüchen.

John Hands: Cosmosapiens. Die Naturgeschichte des Menschen von der Entstehung des Universums bis heute
Übersetzt von Helmut Reuter
Knaus Verlag 2017
880 Seiten, 36 Euro

Mehr zum Thema

Galaxien, Urknall, Dunkle Materie, Populationen - 100 Inch für die Astronomiegeschichte
(Deutschlandfunk, Sternzeit, 01.11.2017)

Am Anfang der Welt - Ohne Urknall geht es nicht
(Deutschlandfunk, Sternzeit, 18.09.2017)

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Schriftsteller und ihre PseudonymeDie Lizenz zur Lüge
Tippen auf einer alten Schreibmaschine (imago / Busse )

"Pseudonyme sind wie kleine Menschen. Es ist gefährlich, Namen zu erfinden – ein Name lebt", schrieb Kurt Tucholsky, der unter anderem als Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel Texte veröffentlichte. Wozu dieses Versteckspiel vieler Autoren hinter Pseudonymen?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur