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Montag, 20.11.2017

Interview | Beitrag vom 14.11.2017

Jörg Kachelmann über deutsche Medien"Die größte Fake-News-Abteilung ist das Wetter"

Jörg Kachelmann im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Der Wettermoderator Kachelmann (picture alliance / Horst Ossinger//dpa)
Der Wettermoderator Kachelmann (picture alliance / Horst Ossinger//dpa)

Schneechaos, Jahrhundertwinter, Rekordkälte: In der Berichterstattung übers Wetter kennen vor allem Online-Medien nur noch Extreme, kritisiert Wettermoderator Jörg Kachelmann. Und so wird dann aus einem ziemlich durchschnittlichen Sommer wie 2017 ein katastrophales und außergewöhnliches Wetterereignis.

2017 – ein furchtbarer und außergewöhnlicher Sommer? Und droht jetzt ein Jahrhundertwinter, mit minus 40 Grad zu Weihnachten? Das könnte man jedenfalls meinen, wenn man die Berichte übers Wetter vor allem in Online-Medien liest. Ist aber alles völliger Unsinn, sagt Wettermoderator Jörg Kachelmann.

Das Wetter werde von den Medien nur noch dazu benutzt, möglichst viele Clicks zu erzeugen, indem ständig extreme Wetterlagen vorhergesagt würden, beklagte Kachelmann im Deutschlandfunk Kultur. "Ich glaube, die größte Fake News Abteilung in Deutschland ist inzwischen das Wetter geworden." 

Ein Obdachloser versucht sein Hab und Gut vor dem Starkregen in Sicherheit zu bringen am 22.07.2017 in Berlin, Storkower Straße. (imago / Andreas Gora)Ein Obdachloser versucht sein Hab und Gut vor dem Starkregen in Sicherheit zu bringen am 22.07.2017 in Berlin, Storkower Straße. (imago / Andreas Gora)

Die Wahrnehmung dessen, was beim Wetter normal sei und was nicht, habe sich sehr verändert, so der Wettermoderator. "Denken Sie an den letzten Sommer! Da ist eine Mehrheit der Menschen davon überzeugt, dass dieser Sommer ganz furchtbar und außergewöhnlich war." Das Gegenteil sei der Fall, betont Kachelmann: "Er war recht eigentlich ein durchschnittlicher Sommer. Es hat in ein paar Gegenden mehr geregnet als sonst – dazu gehört auch der Norden von Berlin – das hat dann die Wahrnehmung geprägt, dass alles ganz furchtbar war."

Warum kann man nicht in Umgangssprache übers Wetter sprechen?

Auch jetzt im Herbst sei es eine Nachricht, wenn es im November mal auf den Bergen schneie, beklagt Kachelmann. "Wir haben jetzt diesen Hype gesehen am letzten Wochenende. Es ist nichts Großes passiert, es ist einfach das, was in jedem November vorkommt. Aber wenn Sie die Schlagzeilen sehen, mit Frost und Eis und Schneechaos, das ist alles völliger Blödsinn, völliger Schwachsinn, der da geschrieben wird."

Kachelmann selbst war der erste, der in den 1990er-Jahren die stark vom meteorologischen Fachjargon geprägte Sprache der Wettervorhersage im deutschen Fernsehen aufgelockert hatte - mit Ausdrücken wie "Blumenkohlwolken" und ähnlichem. Heute wünscht er sich, dass in normaler Umgangssprache über das Wetter gesprochen würde. "Das hat sich sehr verändert in letzter Zeit. Es gibt jetzt Russenpeitschen und Kältekeulen und ähnliche Dinge, vor allem in den Online-Medien. Das ist etwas, wo ich dann schon immer mein kleines Beißholz nehmen muss, wenn ich das oft sehe."

(uko)

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