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Buchkritik | Beitrag vom 26.04.2017

Jörg Blech: "Schmeckt's noch?"Die Abgründe der Lebensmittelindustrie

Von Susanne Billig

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Buchcover des Buchs "Schmeckt's noch?" von Jörg Blech vor Colaflaschen in einem Kühlschrank (imago / S. Fischer Verlag)
Haben zuckerhaltige Getränke wie Cola und Übergewicht etwas miteinander zu tun? Bestimmte Studien sagen: nein. (imago / S. Fischer Verlag)

Aggressive Werbung für schädliche Waren: In "Schmeckt's noch?" beschreibt der Journalist Jörg Blech, wie Nahrungsmittelkonzerne sich weigern, auf gesündere Produkte umzuschwenken – und dabei gezielt Einfluss auf wissenschaftliche Studien nehmen.

Der Nahrungsmittelmarkt ist gesättigt und die meisten Menschen in den Industrieländern sind es leid, im Zustand einer ständigen Über- und Fehlernährung zu leben. In seinem neuen Buch "Schmeckt's noch?" beschreibt Spiegel-Redakteur und Bestseller-Autor Jörg Blech, dass die Nahrungsmittelindustrie sich heute in derselben Lage befindet wie einst die Tabakkonzerne – und leider zu derselben Strategie greift. Statt auf gesundheitsverträgliche Produkte umzuschwenken, bewirbt sie ihre schädlichen Waren mit aggressiven Lobby- und Werbekampagnen.

Spannend arbeitet Jörg Blech heraus, wie sich die Big Player in regelrechten Komplotten zusammenschließen, um gesundheitspolitische Debatten oder gar echte Grenzwerte bei schlechten Fetten, Salz, Zucker oder fragwürdigen Zusatzstoffen zu verhindern. Dabei reicht der Einfluss weit hinein in die wissenschaftliche Forschung, wie der Autor eindrücklich zeigen kann: Ein Großteil der wissenschaftlichen Arbeiten, die sich davon überzeugt zeigen, dass ein hoher Verbrauch von zuckerhaltigen Getränken nicht mit Übergewicht verknüpft ist - wie die meisten anderen Forschungsstudien nachweisen können -, wird von den Produzenten eben jener Getränke gesponsert.

Dazu lancieren Nahrungsmittelkonzerne aktiv die wohlbekannte Debatte um die Eigenverantwortung der Verbraucherinnen und Verbraucher: Die an sich vernünftige Mahnung, sich ausreichend um die eigene Gesundheit zu kümmern, verkehrt sich dabei in eine gezielte Irreführung. Denn wie, fragt Jörg Blech, sollen beispielsweise Eltern und Kinder den Überblick behalten, wenn ihnen Frühstücksflocken als "gesund" und "vitaminreich" präsentiert werden dürfen, die tatsächlich aber fett- und zuckerüberladen sind und damit für die Ernährung denkbar ungeeignet?

Allianzen gegen Interessen der Verbraucher

Warum machen Transfette und Fructosemixturen den Körper krank? Mit welchen Tricks führen Nestlé, Unilever, Danone, Mars & Co. die Kundinnen und Kunden hinters Licht? Welche Allianzen verhindern, dass eine kritische Masse von Verbraucherinnen und Verbrauchern aufwacht und die zuckersüße, schrecklich versalzene, vitaminfreie und mit schlimmen Umweltsünden erkaufte Industriekost endlich verweigert?

Ganz neu ist das Thema nicht, das sich Jörg Blech in seinem neuen Buch vorgenommen hat, legen doch Sachbuchautoren immer wieder Recherchen zu den Abgründen der industriellen Nahrungsmittelerzeugung vor. Doch steter Tropfen höhlt den Stein, mag sich Jörg Blech denken - Recht hat er und pointiert und abwechslungsreich schreiben kann er auch.

Gute Ernährung ist mehr als die Summe einzelner Nährstoffe, gibt der Autor seinen Leserinnen und Lesern am Ende seines Buches mit auf den Weg. Gesunde Fette, Vollwertgetreide, Obst, Gemüse, Nüsse – die Bestandteile einer gesunden Kost wirken nur im Gesamtpaket. "Wer zwar Olivenöl benutzt, aber ansonsten auf ultraverarbeitete Nahrungsmittel setzt, kann deren schlechten Einfluss nicht wettmachen", stellt Jörg Blech klar. Und was der Gesundheit des Menschen nützt, kommt auch der Umwelt zugute.

(hum)

Jörg Blech, Schmeckt's noch? Die falschen Versprechen der Lebensmittelindustrie und wie wir einfach gesund essen können
S. Fischer Verlag, Berlin 2017
240 Seiten, 18 Euro

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