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Donnerstag, 23.11.2017

Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 19.03.2017

Jobben im RuhestandArme Rentner, reiches Land

Von Christine Werner

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Nahaufnahme der Hand einer alten Frau, die ein paar Münzen zählt.  (imago stock&people)
Auch viele Menschen, die über Jahrzehnte hinweg in die Rentenversicherung gezahlt haben, können nicht von ihrer Rente leben. (imago stock&people)

Bis zu eine Million Ruheständler arbeiten in Mini- oder Teilzeitjobs, so die Schätzunge der Bundesagentur für Arbeit. Renate Paulat, 81, ist eine davon. Sie betreut Demenzkranke, die genauso alt sind wie sie. Wir haben sie und andere Menschen besucht, die im Ruhestand jobben.

Renate Paulat ist 81 Jahre alt und betreut im Auftrag vom Roten Kreuz demenzkranke Patienten, die genauso alt sind wie sie. Die Rentnerin hat 1050 Euro im Monat zur Verfügung, davon muss sie ihre Miete, die Krankenversicherung und alle anderen Ausgaben bestreiten. Das Geld reicht nicht.

Deshalb jobbt die alte Dame zwei Tage die Woche und ist froh, dass ihre Gesundheit das zulässt. Ihren Ruhestand hat sie sich anders vorgestellt:

"Na, ich habe gedacht meine Rente reicht, nach Norbert Blüms Aussage: die Rente ist sicher."

Garantiezins verhindert das Schlimmste

Renate Paulat hat 28 Jahre lang in die Rentenversicherung einbezahlt und später, als sie sich selbständig gemacht hat, hat sie zwei Lebensversicherungen abgeschlossen. Sie hatte ein Konzept fürs Alter, sie hat vorgesorgt. Aber das Konzept ging nicht auf. Der Euro kam, die Zinsen sanken: 

"Ich habe eine Auszahlung monatlich von 500 D-Mark bekommen, dann wurde die umgerechnet im Jahre 2002 auf 250 – ganz offiziell und reell - und dann wurden die Zugewinnmargen der Versicherung immer mehr abgesenkt. Bis ich jetzt ungefähr nur noch 180 Euro habe. Und jetzt ist es der Garantiezinssatz, den man mir noch zahlen muss. Sonst würde er noch weniger werden."

Wer um die 1000 Euro Rente bekommt, hat normalerweise keinen Anspruch auf Sozialleistungen oder vergünstigte Tickets für Museen oder Theater. Die Empfänger der sogenannten Grundsicherung sind diesbezüglich besser dran: Sie profitieren von staatlichen Unterstützungsprogrammen.

Renate Paulat ist 81 Jahre alt und betreut demenzkranke Patienten, um ihre Altersbezüge aufzubessern. (Christine Werner)Renate Paulat betreut demenzkranke Patienten, um ihre Altersbezüge aufzubessern. (Christine Werner)

Essen gegen ist nicht drin

Etwa 150 Euro im Monat verdient Renate Paulat beim Roten Kreuz dazu – aber wie lange geht das noch gut? Wenn die Gesundheit nicht mehr mitspielt, dann ist es aus mit dem Zuverdienst, dann müssen sich die Senioren weiter einschränken. Dabei sind sowieso keine Extras drin: Theater, Kino, Essen gehen – das alles geht nicht mehr.

"Alles, was Spaß macht im Leben, kann man sich nicht mehr leisten", sagt Hans-Werner, der anonym bleiben will, weil er sich schämt dafür, dass er so wenig Rente bekommt.

Dabei hat er sein ganzes Leben gearbeitet, war selbständig und hat viel Geld in seine Firma gesteckt. Schließlich floss auch seine private Vorsorge in die Firma - in der Hoffnung, damit die Pleite abzuwenden. Aber es war zu spät. Jetzt gibt Hans-Werner mit 75 Jahren Nachhilfe und verdient sich so etwas dazu. Dabei war es nicht einfach, diesen Job zu finden. Senioren sind auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt. Sie müssen Klinken putzen:

"Diejenigen Leute, die die Arbeit haben, die kommen gar nicht auf die Idee bei Rentnern nachzusuchen, die suchen dann irgendwelche anderen Leute, vielleicht Studenten oder sonst was Ähnliches, aber dass wir zur Verfügung stehen, auf die Idee kommt keiner. Ich kann ja nur auch daran denken, wie es war, als ich selber in der Position gewesen bin, ich wäre überhaupt nicht auf die Idee gekommen bei Rentnern nachzufragen, und das ist das Problem."

Hans-Werner und Renate Paulat sorgen für sich selbst, sie möchten nicht vom Staat abhängig werden. Sie waren in jüngeren Jahren beide selbstständig und möchten unabhängig bleiben. Dabei gehören sie zu den klassischen Risikogruppen für Altersarmut: Selbständige, Geringverdiener, Frauen, die Teilzeit arbeiten.

Eine Demonstrantin zeigt am 04.10.2014 in Berlin ein Schild mit der Aufschrift "Ich fordere: Mindestrente Euro 1250,-". (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)In Berlin und anderswo demonstrieren Menschen gegen die Altersarmut. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Lukrativer Job dank der Zuwanderung

Wer Glück hat wie Helga Daniels, verfügt über eine Expertise, die gerade dringend gesucht wird. Die Lehrerin unterrichtet Deutsch als Fremdsprache – und ist momentan gut im Geschäft. Die 71-Jährige steht souverän vor ihrer internationalen Klasse in der Volkshochschule und punktet mit jahrelanger Erfahrung. Da sie genug Stunden arbeitet, kann sie sich die Extras, auf die so viele Renter verzichten müssen, leisten: Mal eine Städtereise machen, ins Kino oder Theater gehen, neue Klamotten kaufen. Sie profitiert von der Zuwanderung. Gäbe es die nicht, dann hätte Helga Daniels definitiv zu wenig Geld zum Leben. Denn auch sie war zeitweise selbstständig und hat als alleinerziehende Mutter immer nur Teilzeit gearbeitet:

"Ich sehe meine Arbeit, die ich als Rentnerin mache, eigentlich, bis jetzt jedenfalls, nicht als Unglück, sondern ich würde es sowieso machen. Also, ich arbeite gerne. Arbeit heißt für mich auch noch mitten im Leben zu sein. Herausgefordert zu werden, natürlich Geld zu kriegen, aber auch diese Begegnungen zu haben. Viele Menschen kennen zu lernen und da im Austausch zu sein. Und man kriegt Resonanz."

Was passiert im ganz hohen Alter?

Helga Daniels verdient in manchen Monaten so gut, dass sie sparen kann für schlechtere Zeiten. Hans-Werner geht das nicht so. Er kommt gerade so über die Runden und sorgt sich um seine Zukunft:

"Ich habe im vorigen Jahr so einen Test mitgemacht, Lebenserwartung. Man hat mir dann weitere 25 Jahre prognostiziert. Dass ich also etwas über 100 Jahre alt werde. Na gut, dann habe ich natürlich gesagt, ok, ich habe also noch 25 Jahre zu leben. Aber werde ich mir das leisten können, das überhaupt zu tun – wovon finanziere ich das?"

Renate Paulat will bis zum Ende unabhängig bleiben, das ist ihr wichtig. Sie hat von dem wenigen, was sie hat, sogar noch etwas zurückgelegt:

"Ich habe noch so einen kleinen Betrag übrig behalten, das ist gerade so zur Regelung der letzten Dinge, dass ich unter die Erde komme. Ich könnte auch das dem Staat überlassen. Ich könnte sagen: 'Schit der Hund drup.' Dieses Argument habe ich auch schon mal gehört. Was machst du dir für Gedanken, die bringen dich schon unter die Erde. Das kann ich nicht. Wenn man ein Leben lang eigenverantwortlich gelebt hat, nee."

Christine Werner (privat)Christine Werner (privat)Christine Werner: "Ich war beeindruckt, mit welchem Willen und welcher Energie die Rentnerinnen und Rentner um ihre Eigenständigkeit gekämpft haben. Niemand wollte 'zum Amt' gehen, Unterstützung beantragen und abhängig sein. Alle wollten weiter aus eigener Kraft ihr Leben meistern und ihre Würde bewahren. Das kann sehr anstrengend sein, wenn man jeden Cent zweimal umdrehen muss."

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