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Buchkritik | Beitrag vom 11.08.2017

Jiro Taniguchi: "Venedig"Ein visuelles Meisterwerk

Von Tabea Grzeszyk

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(Carlsen/Imago/Peter Seyfferth)
Gerade neu erschienen: Jiro Taniguchis "Venedig" (Carlsen/Imago/Peter Seyfferth)

Über Venedig gibt es gefühlt Tausende von Büchern. Jetzt ist ein Bildband des kürzlich verstorbenen japanische Manga-Künstler Jiro Taniguchi über die Lagunenstadt neu erschienen. Zu Recht, findet unsere Kritikerin - das märchenhaft-poetische Werk stelle jeden Venedigbesuch in den Schatten.

Jede einzelne Zeichnung erzählt eine ganze Geschichte. Der Gondoliere im weißen Hemd und schwarzer Anzughose, der seine dicht zusammengerückten Passagiere geschickt durch den Canale Grande steuert. Eine Handvoll Touristen, die sich auf dem Glockenturm am Markusplatz, vom schweren Läuten überrascht, ihre Hände vor die Ohren halten. Ein Fischverkäufer auf dem Markt von Rialto, im schwarzen Hemd und blutverschmierter Schürze, der mit konzentriertem Blick ein Filet zerteilt.

Bildgewaltige Hommage

Die Momentaufnahmen dieses märchenhaft-poetischen Bildbands über Venedig stellt jeden realen Besuch der Lagunenstadt mächtig in den Schatten. Anstelle endloser Touristenschlangen vor den Hauptattraktionen zeigt der japanische Altmeister Jiro Taniguchi intime Alltagsszenen und eine nahezu menschenleere Stadt. In einer betörenden Kombination aus atmosphärischer Aquarellmalerei und Stilelementen des japanischen Manga hat er eine durchweg farbige, bildgewaltige Hommage an Venedig geschaffen. Es ist sein letztes Werk, im Februar 2017 ist Jiro Taniguchi gestorben. Anlass für den Carlsen-Verlag, den im Jahr 2014 erstmals erschienenen Band im Softcover neu aufzulegen.

Zugegeben: Die Story, die sich fragmenthaft entlang der meisterhaften Illustrationen entspinnt, bleibt dünn. Ein unbekannter Ich-Erzähler stößt im Nachlass seiner verstorbenen Mutter auf handgemalte Postkarten und sepiafarbene Familienfotos aus Venedig. Er reist kurzerhand nach Italien, taucht ein in die labyrinthhaften Straßen, um die Orte aufzusuchen und die Geschichte seines Großvaters zu entschlüsseln, der als Maler in Venedig gelebt hat. Hatte er dafür seine Familie verlassen?

Eine Geschichte im Vagen

Die wenigen Textzeilen lassen die Geschichte im Vagen, dafür verströmen sie umso mehr ein Gefühl der Nostalgie und Melancholie. "Ich male Bilder, ganz allein, Tag für Tag. Megumi wird bald schon zehn Jahre alt. Ob sie sich noch an mich erinnert? Es ist sehr schmerzlich für mich. Nur noch ein einziges Mal, und ich würde ihr den Sonnenuntergang von Giudecca zeigen", endet das Buch mit einer Notiz des Großvaters an seine Frau in Japan.

Jiro Taniguchi war stark vom franko-belgischen Comic inspiriert und bezeichnete sich selbst als "europäischsten" aller japanischer Manga-Künstler. In Deutschland wurde er erst 2007 mit "Vertraute Fremde" bekannt, das als erster Manga zum "Comic des Jahres" gewählt wurde. Darin unternimmt die Hauptfigur eine magische Reise zurück in die eigene Kindheit, doch mit der Erfahrung als erwachsener Mann. Auch hier spürt die Hauptfigur der eigenen Familiengeschichte nach, um zu verstehen, warum der Vater seine Familie aus heiterem Himmel verlassen hatte.

Reiseführer der besonderen Art

Entstanden als Teil der "Travel Book"-Reihe des französischen Luxuswaren-Herstellers Louis Vuitton ist "Venedig" ein Reiseführer, der die schönsten Orte Venedigs anhand eines losen Geschichtsfragments präsentiert. Doch braucht es überhaupt eine Story, wenn die überwältigende Schönheit des dem drohenden Zerfall trotzenden Venedigs selbst die beste aller Geschichten ist? Atmosphäre statt Action - ein visuelles Meisterwerk.

Jiro Taniguchi, "Venedig"
Übersetzt von Jens Ossa
Carlsen, Hamburg 2017
144 Seiten, 29,99 Euro

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