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Frühkritik | Beitrag vom 17.03.2017

Jérôme Leroy: "Der Block"Eine Nacht in Frankreich

Von Sonja Hartl

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Jérôme Leroy: Der Block (picture-alliance / dpa / Ian Langsdon; Edition Nautilus (Promo); Montage: DKultur))
Jérôme Leroy: Der Block (picture-alliance / dpa / Ian Langsdon; Edition Nautilus (Promo); Montage: DKultur))

Jérôme Leroys politischer Kriminalroman "Der Block" liest sich wie ein Kommentar zu anstehenden Wahlen in Frankreich.

Frankreich, die Vorstädte brennen. Seit vier Monaten liefern sich Banlieue und Staatsgewalt blutige Schlachten, die Fernsehsender blenden die Anzahl Toten mittlerweile mithilfe eines Zählers in der oberen Bildschirmecke ein. 753 sind es bereits. Aber die konservative Regierung wird nicht nachgeben, sondern will als Demonstration der Stärke ein Bündnis mit dem Patriotischen Block eingehen, einer Partei der äußersten Rechten. Bei einem nächtlichen Treffen verhandelt die Parteivorsitzende Agnès Dorgelles mit dem Innenminister und Generalsekretär der Konservativen bereits die Ministerposten.

Diese Verhandlungen sind in Jérôme Leroys klug aufgebauten "Der Block" für zwei Geistes-, Waffen- und Blutsbrüder des Patriotischen Blocks Anlass, sich in dieser Nacht an ihre Vergangenheit zu erinnern: Antoine Maynard, rechter Intellektueller, Schriftsteller und Ehemann der Parteivorsitzenden, sitzt einer luxuriösen Pariser Wohnung, trinkt und wartet auf die Heimkehr seiner Frau. Stéphane "Stanko" Stankowiak, Ex-Skinhead, Schläger und Chef des paramilitärischen Ordnerdienstes der Partei, versteckt sich in einem schäbigen Hotelzimmer und wartet auf seine Mörder, die er selbst ausgebildet hat. Denn der Verfassungsschutz hat es zur Bedingung der Regierungsbeteiligung gemacht, dass Stanko sterben muss - und mit ihm sämtliche schmutzigen Geheimnisse der Vergangenheit.

In zwei kapitelweise wechselnden Erzählsträngen schildert Leroy in seinem hellsichtig-finsteren roman noir die Erinnerungen der beiden Männer, die über ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Schlussfolgerungen zu einer Reflexion des Zustands des politischen Milieus in Frankreich werden. Fraglos sind die Parallelen zur Gegenwart offensichtlich - Agnès erbte bspw. den Parteivorsitz von ihrem impulsiven Vater und hat die Partei durch eine geschickte Annäherung und Abwägung an die Spitze geführt -, sie bleiben indes im Hintergrund. Daher ist "Der Block" kein Schlüsselroman zum Front National. Vielmehr werden in den Erinnerungen dieser Männer die Folgen einer fortgesetzten Destabilisierung einer zunehmend zynischen und verbitterten Gesellschaft und einer Politik deutlich, die Hass, Unsicherheit und Angst noch schürt. Deshalb ist dieser hervorragende Roman eine vernichtende, realistische und exzellent erzählte Abhandlung über Gewalt, über das Sterben von Ideologien - und über die Geschichte Frankreichs der vergangenen 25 Jahre.

Jérôme Leroy: "Der Block"
Aus dem Französischen von Cornelia Wend
Nautilus 2017
320 Seiten, 19,90 Euro

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