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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.04.2017

Jérôme Ferrari und die französische Politik Rückkehr nach Korsika

Von Dirk Fuhrig

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Der französische Schriftsteller Jérôme Ferrari (imago / Insidefoto)
In Jérôme Ferraris Romanen geht es häufig indirekt um Politik. (imago / Insidefoto)

Der französische Schriftsteller Jérôme Ferrari gilt als eine der maßgeblichen Stimmen in der zeitgenössischen französischen Literatur. In mehreren Büchern schildert er gewalttätige Konflikte aus dem Mikrokosmos eines korsischen Bergdorfs. Wir haben ihn kurz vor der Präsidentschaftswahl getroffen.

Jérôme Ferrari zeigt mir seine Insel. Um Korsika zu entdecken, muss man mit dem Auto über Land fahren.

"Ich habe mich immer gefragt, wie der Vater meiner Mutter das gemacht hat. Er wurde 1903 in einem Dorf geboren, das 40 Kilometer von Ajaccio entfernt liegt. Mit 16 kam er zum ersten Mal in die Stadt. 40 Kilometer, - das war damals eine Weltreise. E s ist kompliziert, von A nach B zu kommen. Auf Kosika dauert alles unglaublich lange." 

Wir fahren von Ajaccio aus Richtung Bastia. Während der Goncourt-Preisträger, der vor ein paar Jahren aus Paris in die Heimat seiner Familie zurückgekehrt ist, mich die kurvenreiche Strecke zum Col de Vizzavona hochkurbelt, erzählt er davon, wie drastisch sich  auf seiner "Ile de Beauté", der "Insel der Schönheit", die Stimmung verändert hat.

"Hier auf Korsika gibt es seit den 70er-Jahren eine starke Bewegung, die von Gewalt und Nationalismus geprägt war. Damals waren das eher Linke, aber heute unterscheidet sich der korsische Nationalismus nicht von den anderen identitären Phänomenen in ganz Europa - die ja nun wirklich nicht links sind, sondern extrem rechts."

Der korsische Separatismus hat sich mit den Abschottungsfantasien und der Fremdenfeindlichkeit der Rechten verbündet, erklärt Ferrari, während wir den 1100 Meter hohen Vizzavona-Pass überqueren:

Ferrari bekam 2012 den Goncourt-Preis 

"Der Nationalismus auf Korsika ist heute kaum anders als der zum Beispiel im Südosten Frankreichs. Überall in Europa erleben wir, wie der öffentliche Diskurs immer eindimensionaler wird. Als Jean-Marie Le Pen 2002 in die Stichwahl bei der Präsidentschaftswahl kam, war das ein Erdbeben. Wenn jetzt die Le-Pen-Tochter in die Stichwahl kommt, dann erschüttert das niemanden mehr. Was man sich damals noch nicht zu sagen getraut hätte, gilt heute als gesellschaftsfähig. Wir leben in einer sehr abstoßenden Zeit, und ich wüsste nicht, wo man sich in Sicherheit bringen könnte."

Jérôme Ferrari wurde 1968 in der südostlichen Banlieue von Paris geboren. Seine Eltern stammten von der Mittelmeerinsel. Er wurde Lehrer für Philosophie, unterrichtete in Ajaccio, später an französischen Auslandsschulen in Abu Dhabi und Algerien. Parallel begann er mit dem Schreiben. Sein Roman "Predigt auf den Untergang Roms", für den er 2012 den Goncourt-Preis bekam, spielt in einem einsamen Bergdorf auf Korsika.

"In meinen Büchern kommt Politik häufig vor, aber nie direkt. Mich interessieren die Motive meiner Romanfiguren. Das ist die Herangehensweise eines Schriftstellers. Den Rest überlasse ich den Historikern. Die individuelle Mikroperspektive des Schriftstellers ist äußerst wichtig."

Ferraris Schreibstil ist knapp, karg, die Sätze sind auf ihren Kern reduziert.  Nationalismus und Fremdenhass sind in seinen Romanen ebenso untergründig präsent wie die koloniale Vergangenheit. Gerade aus Korsika hatten sich - so wie Ferrais eigener Großvater  - viele junge Männer mangels anderer Arbeitsmöglichkeiten für die französische Übersee-Armee verpflichtet.

"Die Korsen haben eine sehr, sehr große Rolle für die Kolonialgeschichte Frankreichs gespielt. Der Kolonialismus war ein krimineller Prozess, der mit zahllosen Kriegsverbrechen einherging. Aber ich verstehe nicht, warum die Erwähnung dieser Ereignisse heutzutage in Frankreich noch solche Emotionen auslöst. Die Leute haben das Gefühl, man würde ihre Familien beleidigen. Aber darum geht es nicht. Ich denke nicht, dass ich meine Großeltern zu Kriegsverbrechern mache, das ist doch gar nicht die Frage."

Der Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron hat gerade gefordert,  die Kolonialvergangenheit Frankreichs stärker aufzuarbeiten.  Die Wahl überschattet seit Monaten jedes Unterhaltung in Frankreich. Auch die mit Jérôme Ferrari auf  Korsika. Während wir nach Ajaccio zurückfahren, schaltet der Schriftsteller das Autoradio ein - auf France Info kommen Nachrichten.

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