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Essigs Essenzen (Archiv) / Archiv | Beitrag vom 15.08.2008

Jemanden übers Ohr hauen ...

Diesmal geht es um die Redensarten: Jemanden übers Ohr hauen, Fisimatenten machen, Jeder hat ein totes Pferd, Den Bock zum Gärtner machen, Dastehen wie ein Ölgötze u.a.

Jemanden übers Ohr hauen

Niemand lässt sich gern betrügen. Immer wieder versucht es einer aber doch. Vielleicht entstanden deshalb so viele Redensarten zu dem Bereich. In diesem Fall geht es um die Fechtkunst, bei der ein Schlag über die Ohrenlinie als unfein galt, vor allem aber recht schmerzhaft sein konnte. Von diesem Schlag, der Geschick und ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit verlangte, rührte die Übertragung auf den unverschämten Betrug her.

Fisimatenten machen

Das seltsame Wort kommt auch in allerlei abweichenden Schreibweisen und in vor. Da gibt es auch Fiesematenten, Fisematenten oder Fissematentchen. Immer bedeutet es, Schwierigkeiten machen, umständlich sein. Die Erklärung schien vielen auf der Hand zu legen. Hatten nicht die Franzosen unter Napoleon weite Teile Deutschlands besetzt? Hatten die Soldaten ihrer Armeen nicht wie alle Soldaten der Welt versucht, Frauen für ein Schäferstündchen zu gewinnen? Und die hätten sie eben vor zweihundert Jahren gebeten: "Visitez ma tente!" Aber: Hätte ein deutsches Fräulein auf "Besuchen Sie mein Zelt!" reagiert? Wieso soll das für Umständemachen stehen? Besser ist da schon eine zweite, die auf dieselbe Grundsituation der französischen Besatzung zurückgehen soll. Man habe, wenn man zu spät von einem Gang zurückgekommen sei, dem französischen Wachsoldaten am Tor gesagt: "Je viens de visiter ma tante." Mit der dämlichen Ausrede "Ich komme vom Besuch meiner Tante." wäre aber wohl niemand davongekommen. Und wieder bleibt die Frage, was soll das mit Schwierigkeiten zu tun haben.
Der Ausdruck ist sowieso weit älter. Als "visae patentes" sind Urkunden schon im 15. Jahrhundert bekannt. Dazu gehörten beispielsweise Offizierspatente. Bis man so etwas in Händen halten konnte, verging nicht selten viel Zeit, zumal die Bürokratie schon damals allerlei von Antragstellern verlangen konnte. Da haben wir die unerwünschten Umständlichkeiten. Fehlt noch der Einfluss des französischen Wortes "visamente", das auch im Deutschen sich zeitweise einbürgern konnte. Es heißt als heraldischer Fachausdruck soviel wie "Wappeneinteilung" und später "kurioser Wappenschmuck". Beides zusammen ergab die Fisimatenten. In Berlin gibt es dennoch eine Kneipe, die "Visitez ma tente" heißt und angeblich ganz nett sein soll. Und warum nicht!

Jeder hat ein totes Pferd

Das klingt sehr seltsam für Nichteingeweihte, und ich muss zugeben, dass ich zuerst an die Seemannssitte vom "dead horse day" dachte. Ab diesem Tag war der Anteil der Heuer, dem man dem Stellenvermittler schuldete abgearbeitete, erst jetzt verdiente man. Als zweites fiel mir die "Apokalypse des Johannes" ein. Dort heißt es: "Und siehe, ein fahles Pferd, und der darauf saß, dessen war Name war Tod und die Hölle war mit ihm." Dann aber stieß ich auf die Indianer vom Stamm der Lakota. Angeblich sagten sie: "Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab." Diese Weisheit hat sich in Manager- und Firmenberaterkreisen verbreitet. Tatsächlich hält man ja nicht selten an Projekten, Handlungsweisen oder Mitarbeitern fest, obwohl man längst wissen könnte, dass es sinnlos ist. Verzweifelt hält man an etwas fest, das sich längst totgelaufen hat.
Offensichtlich handelt es sich bei "Jeder hat ein totes Pferd" um eine Variation des Lakotaspruchs.

Den Bock zum Gärtner machen

Die Ziegen gehören zu den anspruchslosesten, effizientesten, aber auch zerstörerischsten Weidetieren. Wo sie grasten, wächst kein Gras mehr. Jedenfalls wenn es nicht viel davon gibt. Wer nun seinen Garten der Pflege eines Bockes anvertraut, muss damit rechnen, dass er bald eine Wüste vorfinden wird. Ähnliche Sprichwörter, in denen der Hund zum Hüter der Wurst gemacht wird oder die Katze zur Hüterin der Milch, bezeichnen dasselbe, haben sich aber nicht so weit verbreitet.

Dastehen wie ein Ölgötze

Das Wort ist erst in der Reformationszeit entstanden und hat auch mit ihr zu tun. In der hitzigen Auseinandersetzung des 16. Jahrhunderts schreckten beide Seiten nicht vor Verunglimpfungen des Gegners zurück. So konnten katholische Priester, die ja zum Priester gesalbt wurden, als "Ölgötzen" beschimpft werden, da sie sich gottähnlich zwischen den Gläubigen und Gott als vermittelnde Institution stellten.
Ursprünglich bezogen die Protestanten den Begriff aber – und damit ist man dann genau bei der Redensart – auf die reiche Ausstattung katholischer Kirchen mit Bildern und vor allem Figuren, die in aller Regel angemalt waren. Diese Heiligen, aber auch die Christus- und Marienfiguren empfand man auf evangelischer Seite als "Ölgötzen", als Verstoß gegen das göttliche Bildnisverbot. Man hatte den Eindruck, es würden wie bei den Heiden Statuen angebetet, die mit Ölfarben bemalt waren. Daher kommt der negative Beiklang des Begriffs, der eigentlich nur bedeutet, jemand steht stumm und starr da.

Sich einen auf die Lampe gießen

Man könnte an eine alte Petroleumlampe denken, der man neues Öl zuführt. Doch der Ausdruck hat einen Umweg über das Französische hinter sich. Es gibt dort das Wort "lamper", das soviel wie "hastig und viel trinken" heißt. Doch muss man wissen, dass das Wort sicher mit unserer Lampe zu tun hat, denn beide gehen – und das ist kein Witz – auf das altgriechische Wort "lampo" zurück, das "ich leuchte" heißt. Damit sind wir wieder bei dem Problem des Nachgießens.
Warum sollte man nun den Kopf als Lampe verstehen? Eine Erklärung behauptet, es habe mit der rotleuchtenden Säufernase zu tun, die – wie das Ewige Licht in den Kirchen – regelmäßig Leuchtmittel-Nachschub verlange. Es könnte aber viel eher die Wirkung des Alkohols eine Rolle spielen, die man früher gern mit dem lateinischen Wort "Illumination" bezeichnete, also "Erleuchtung", wobei es den Nebensinn "Erheiterung" hatte. "Ich fühle mich illuminiert" sagte man, wenn man angeheitert war. Diese Wirkung fand natürlich im Gemüt, im Kopf statt. Der ist – wie eine Lampe – sinnvollerweise oben angebracht. Dies alles zusammengenommen erklärt dann, denke ich, die Wendung.

Jemanden an den Kanthaken nehmen

Die Redensart bedeutet ja "jemanden mitnehmen", "jemanden abschleppen", "mit jemandem weggehen". Sie hat mit dem Schauermannshaken nichts zu tun, obwohl der auch "Kanthaken" heißt. Vielmehr gibt es ein altes Wort für "Genick", das "Kammhaken" heißt und gegen Ende des 18. Jahrhunderts schon belegt ist. Dazu gehörte damals der Ausdruck "jemanden beim Kammhaken nehmen" in der Bedeutung "kraftvoll zugreifen", "zupacken", "jemandem beim Schlafittchen fassen". Das Wort, das übrigens wohl auch für den Hahnenkamm Gebrauch fand, verstand man im Laufe der Zeit immer weniger, weshalb sich das gebräuchlichere "Kanthaken" anbot, mit dem man ja erst recht kraftvoll anpackte, Waren in Säcken beispielsweise.

Klimmzüge am Brotkasten machen

Die Wendung hat mit Not und Hunger zu tun. In dieser Situation tat man etwas, das ebenfalls sprichwörtlich wurde, man "hängte den Brotkorb höher", damit man nicht so leicht zugreifen konnte. Dasselbe Bild steckt hinter der Brotkastenwendung. Man stellt sich vor, der Brotkasten – ein noch heute übliches Aufbewahrungsstück mit Klappe versehen – werde fast unerreichbar hoch aufgestellt, so dass man Klimmzüge machen müsse, um an das Begehrte zu gelangen.

Aus seinem Herzen keine Mördergrube machen

Bibelfesten Zeitgenossen war die Redensart kein Problem, denn sie erinnerten sich der schön dramatischen Szene, da Jesus die Geldwechsler und Händler aus dem Tempelbezirk vertreibt. "Mein Haus soll ein Haus der Gebete sein, ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht." So ähnlich wird es seit Luther übersetzt, aber es führt uns ein wenig in die Irre. Wer den griechischen Originaltext aufschlägt, wird das Wort "spälaioon lästoon" finden, das "Höhle der Räuber" heißt und in unserem Wort "Spelunke" fortlebt. Die Räuberhöhle sagt uns etwas, aber die Mördergrube meint etwas ähnliches, einen dunklen, geheimen Ort, wo sich die Mörder versammeln. Das Herz nun wird durchweg als Sitz der Seele bezeichnet, in ihm soll sich Gott niederlassen und dort wohnen. Wer aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, der ist offen, ehrlich, direkt, ohne Falsch und Arg, wie ein Tempel Gottes sein sollte. Er spricht seine Meinung ohne Scheu aus und beherbergt dort keine Ressentiments.

Der Kelch geht an uns vorbei

Tja, so ein wandelnder Kelch ist schon seltsam, aber er geht erst einmal schlicht auf die dramatische Passionsszene am Ölberg zurück. Jesus weiß, dass er verraten und gekreuzigt werden wird. Er zeigt – neudeutsch gesprochen – in dieser Lage Nerven. Diese Reaktion macht ihn so menschlich wie sonst nur der Ruf am Kreuz "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!" Jesus betet jedenfalls am Ölberg und fragt Gott, ob es nicht anders gehen könnte. Er bittet: "Herr, ist’s möglich, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen." Dann betont er freilich, dass nicht sein, sondern Gottes Wille geschehen solle. Jesus bezieht sich in der Bitte auf die alte Vorstellung, dass das Schicksal eines Menschen wie einen Trunk sei, der ihm von Gott kredenzt werde, er soll ihn trinken bis zur Neige, egal ob Gutes oder Schweres darinnen ist. Im jüdischen Bereich verstand man den Kelch insofern auch als Bild für eine göttliche Prüfung, der man ausgesetzt werde. Geht der Kelch vorüber, so muss man nicht daraus trinken.

Salamitaktik anwenden

Eine prima luftgetrocknete Salami ist nicht nur schmackhaft, sondern auch fett. Ähnlich wie bei exzellentem Schinken schneidet man sie deshalb in hauchdünne Scheiben. Und wenn man jemandem etwas sehr vorsichtig beibringt, dann serviert man ihm die Wahrheit scheibchenweise, wie eine Salami.

Weisheit mit dem Löffel zu sich nehmen / "die Weisheit mit dem Löffel gefressen haben

In der Regel spottet man mit der Wendung über jemanden, der sich besonders klug vorkommt, in Wirklichkeit aber erst an einem Wissensgebiet genippt hat.
Dahinter steht die alte Gleichsetzung von Wissen und Nahrung. Man kann ja auch ein Buch "verschlingen". Aber so leicht, dass man die Weisheit, also noch mehr als Wissen, mit dem Löffel fressen könnte, ist die Sache nicht. Dazu braucht man mehr Zeit und bessere Instrumente. Der Löffel ist ja das einfachste Essgerät, mit dem man rasch etwas in sich hineinschaufeln kann. Die Wendung macht sich also über die Hast und simple Natur des Scheinklugen lustig.

Maulaffen feilhalten

Ein beliebtes, aber nicht einfach zu erklärendes Wort, das mit den alten Beleuchtungsmitteln zusammenhängt; Kienspänen nämlich. Das waren längliche Holzspäne, die mit Wachs getränkt sein konnten. Halterungen für Kienspäne stellte man früher in Form eines Gesichts mit Mund her, zwischen dessen Lippen man den Kienspan klemmte. Sie waren früh schon als "Maulaffen" bekannt, selbst noch, als sie nicht mehr diese Form nicht mehr hatten. Sie wurden aus Ton gefertigt und gehörten zum üblichen, übrigens auch recht billigen Hausrat. Das unentwegt offen stehende Maul dieses Kienspanhalters übertrug man auf einen Menschen, der aus Dummheit und Erstaunen den Mund offenhält; gleichsam eine vergrößerte Werbefigur seines Verkaufsgutes, der Maulaffen. Ach ja, "feilhalten" heißt soviel wie "zum Verkauf anbieten".

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