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Buchkritik | Beitrag vom 25.11.2017

Jean-Philippe Toussaint: "M.M.M.M." Marie und ihre Umwege zur Liebe

Von Peter Urban-Halle

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Jean-Philippe Toussaint: MMMM. (Imago/Frankfurter Verlagsanstalt, Combo: dlf Kultur)
Jean-Philippe Toussaint: MMMM. (Imago/Frankfurter Verlagsanstalt, Combo: dlf Kultur)

Vier schmale, aber dichte Romane hat Jean-Philippe Toussaint über die kapriziöse Modeschöpferin Marie Madeleine Marguerite de Montalte geschrieben. Es ist eine der hektischsten, dramatischsten und komischsten Liebesgeschichten der französischen Literatur.

Als Toussaint 2003 in seinem schmalen Roman "Sich lieben" eine Marie in sein Werk einführte, ahnte man noch nicht, dass daraus eine Tetralogie entstehen würde, also eine Reihe von vier zusammengehörigen Werken. Auf "Sich lieben" folgten "Fliehen", "Die Wahrheit über Marie" und "Nackt". Damit begann einer der hektischsten, dramatischsten und komischsten Liebesromane der französischen Literatur – die an Liebesromanen nicht eben arm ist.

Dass der Name Marie ein Anagramm von "aimer" (lieben) ist, erkannte schon der Renaissance-Dichter Ronsard:

"Marie, will ich den Namen anders fügen,/find ich 'aimer': So lieb mich doch, Marie!"

Diese verzweifelte Aufforderung spüren wir in allen vier Romanen, ohne dass sie ausgesprochen werden müsste. Das Besondere an Toussaint ist nämlich, dass er die Liebe nicht direkt beschreibt, sondern über einen Umweg, nämlich über die Trennung, die schlimme Leere danach und die Unmöglichkeit dieser Trennung.

Während in Toussaints ersten Romanen wie "Das Badezimmer" oder "Fernsehen" coole Antihelden mit Galgenhumor und Gelassenheit die Wirklichkeit zermürbten und Dramatik eher vermieden wurde, leidet der Held und Ich-Erzähler in den Marie-Romanen wirklich, und dramatische Szenen und symbolträchtige Wetterlagen überschlagen sich fast.

Ein Nachtausflug im Schlafanzug durch Tokio

Und trotz penibler Genauigkeit sind sie rasant und spannend geschrieben. Unvergesslich der Nachtausflug im Schlafanzug durch ein eisiges Tokio (in "Fliehen"), die filmreife Jagd auf ein durchgegangenes Rennpferd auf dem Flughafen, das hektisch-furiose Ballett von Ärzten und Defibrillatoren, nach einer Herzattacke von Maries Liebhaber Jean-Christophe (in "Die Wahrheit über Marie"), oder der Brand der Schokoladenfabrik auf Elba mit all seinen Auswirkungen (in "Nackt").

In "Nackt" äußert sich Toussaint auch ungewöhnlich deutlich zu poetologischen Fragen. Wie das Honigkleid, das die exzentrische Marie einem Mannequin im wahrsten Sinne auf den Leib schneidert, will Toussaint seine Texte: so schwerelos und dem Körper möglichst nah und so durchgearbeitet und schließlich doch offen – manchmal gefährlich offen – für alle Zufälle, Fügungen und Eigenarten des Lebens. Das Unvorhergesehene wird zum eigentlich Lebenswerten unseres Daseins.

Die Offenheit für Zufälle ist auch der geheime Grund dafür, dass die Liebe zwischen Marie und dem, der ihre Geschichte erzählt, überhaupt Bestand hat. In dieser Tetralogie, deren Zusammengehörigkeit in einem Band geradezu handgreiflich ist, wird die Wirklichkeit nicht mehr zermürbt, sondern untersucht und angenommen, wie sie in ihrer wesentlichen Unwägbarkeit ist. Einmal beobachtet der Erzähler eine burleske Szene von ganz oben durch eine Glaskuppel, ohne eingreifen zu können: Er ist ein Gott ohne Allmacht.

Jean-Philippe Toussaint: M.M.M.M.
Eine Romantetralogie, aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Joachim Unseld 
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 2017
576 Seiten, 28 Euro
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