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Tonart | Beitrag vom 12.09.2014

Jean-Philippe RameauDer vergessene Harmonie-Revolutionär

Vor 250 Jahren starb der "französische Bach"

Von Dieter Scholz

Die belgische Sopranistin Anne-Catherine Gillet und der Schweizer Tenor Bernard bei einer Probe von "Hippolyte et Aricie" von Jean-Philippe Rameau (1683 – 1764) in der Oper im südfranzösischen Toulouse, Aufnahme vom 4.3.2009.. (AFP / Eric Cabanis)
Die belgische Sopranistin Anne-Catherine Gillet und der Schweizer Tenor Bernard bei einer Probe von Rameaus "Hippolyte et Aricie" in der Oper Toulouse (AFP / Eric Cabanis)

Zu Unrecht geriet Jean-Philippe Rameau nach seinem Tod vor 250 Jahren in Vergessenheit. Dabei war der französische Komponist fast so bedeutend wie sein Zeitgenosse Johann Sebastian Bach - und vielleicht sogar wegweisender.

(Musik: "Naïs"-Ouvertüre)

Jean-Philip Rameau soll, so überliefern es seine Zeitgenossen in Bild und Wort, sehr groß und schlank gewesen sein, mit wachem Blick und rauer Stimme. Er sei alles andere als gesellig gewesen, verschwiegen, ein Einzelgänger. Manche nannten ihn hochmütig und aufbrausend, andere ergingen sich in Lobeshymnen auf seine Musik und ihre enorme Wirkung.

Polyfonie statt Harmonien

Schon mit 39 hatte er seinen "Traité de l’harmonie" veröffentlicht, ein sensationelles Werk der Musiktheorie, in dem er die Harmonielehre aus der Obertonreihe begründete und damit die Grundlage für die Musik der nächsten 300 Jahre schuf. Nicht Bach, Rameau war der Moderne! Ein wahrer Revolutionär, der die Polyfonie gegen die Harmonik austauschte. Wie hätte man auch nach Bach noch polyfone Musik schreiben können?

Wie der Pianist Tzimon Barto einmal meinte: "Seine Polyfonie grenzt ja manchmal beinahe ans Atonale, erst 200 Jahre später konnten Schönberg und die Zwölftonschule daran anknüpfen. Nur allmählich konnte man sich aus den Fesseln der Polyfonie befreien, durch Musik mit relativ einfachen Harmonien, die bis zu Wagner immer komplexer wurden. Die Grundlage dafür hat Rameau gelegt."

(Musik: Troisième Concert en sextuor:" La Timide")

Jean-Philippe Rameau - Jahrgang 1683, gestorben ist er 1764 - war sowohl Revolutionär, als auch Spätzünder: Sein umfangreiches Musiktheater-Oeuvre begann er erst mit 50 Jahren zu schreiben. Davor hatte sich Rameaus kompositorisches Schaffen auf Kantaten, Motetten, Bühnenmusiken und drei Sammlungen von Cembalostücken beschränkt. Doch schon diese sicherten dem spitznasigen Herrn aus der burgundischen Provinz einen Platz in der Musikgeschichte.

Neun Gefühle in zwei Takten

Sie wurden als Meisterwerke in ganz Europa geschätzt und gespielt. - Rameaus Musik fasziniert vor allem durch ihren harmonischen und melodischen Reichtum. Schon wenn er nur zwei Linien schreibt, erreicht er eine große Fülle an harmonischen Effekten. Und in zwei Takten kann er neun Gefühle ausdrücken. Damit war er seinen Zeitgenossen weit voraus. Er nutzte, gewissermaßen die Virtuosität Franz Liszts vorausahnend, alle Möglichkeiten des Cembalos, aber er vervielfachte auch die technischen Ansprüche des Instruments. Rameau verfügt über eine beeindruckende Kontrapunktik, eine enorme Klangsinnlichkeit und eine viel größere harmonische Fantasie, einen viel größeren melodischen Reichtum als Händel oder Telemann.

(Musik: Suite in e-Moll)

Enorme Herausforderung für Pianisten

Für Pianisten ist Rameau bis heute eine enorme Herausforderung. Seine Kompositionen sind äußerst anspruchsvoll, bieten viel Freiheit und verlangen viel interpretatorische Fantasie. In Deutschland wurde Rameaus Werk erst vergleichsweise spät gebührend beachtet.  In Frankreich wurde der Komponist schon lange als "französischer Bach" gefeiert. Doch sein heutiger Ruf gründet sich hauptsächlich auf sein Opernschaffen. Nicht zu Unrecht, denn auch als Opernkomponist war Rameau dazu berufen, als bedeutender Neuerer in die französische Musikgeschichte einzugehen. Er hat sich schon mit seinem Erstling "Hyppolyte et Aricie" befreit von allen Vorbildern und hat eine unverwechselbare, aufs Kommende vorausweisende Sprache mit oft kühnen chromatischen Modulationen gefunden.

Jahrelang tobte unter französischen Intellektuellen ein leidenschaftlicher Streit zwischen den eher konservativen Lullisten, welche die von Jean-Baptiste Lully begründete traditionelle tragédie lyrique bewahren wollten, und den Ramisten, den Avantgardisten um Jean Philippe Rameau. Schließlich gewann die Fortschrittspartei und Rameau bereicherte mit seinen nahezu 30 Opern die Musik Frankreichs um großartige musikdramatische Schätze, die 150 Jahre nach ihrem Verschwinden nach und nach wiederentdeckt und gehoben wurden.

Musiktheater mit enormer Ausdruckskraft

Einer der bedeutendsten unter den Rameau-Schatzhebern, der Bühnenbildner und Regisseur Gottfried Pilz, über die Faszination und Aktualität der Opern Rameaus:

"Ich kann mich da nur in die Begeisterung von Debussy einschließen, der sehr viel für die Wiederentdeckung von Rameau gemacht hat, er meinte, es wären Menschen wie du und ich. Also der Kurzausschnitt aus 'Hippolyte et Aricie', die große Klage der Phädra ist für mich Musiktheater pur im Sinne des 21. Jahrhunderts, in einer Ausdruckskraft, die sonst in Stunden nicht eingeholt werden kann."

(Musik: Klage der Phädra aus "Hippolyte et Aricie")

Nach seinem Tod wurde Rameau zwar als einer der größten französische Musiker verehrt. Doch gegen Ende seines Jahrhunderts war seine Musik, seine Opern- wie Instrumentalmusik aus der Mode gekommen und weitgehend von den Spielplänen der Opern- und Konzerthäuser verschwunden. Doch im 20. Jahrhundert gab es – aus­gehend von Frankreich, so etwas wie eine europaweite Rameau-Renaissance, die auch auf zahlreich CDs und DVDs dokumentiert ist. Inzwischen genießt der Komponist wieder die Anerkennung, die er verdient und hat sich seinen Platz im internationalen Opern- und Kon­zertleben wiedererobert.

(Musik: "La Temple de Gloire "-Ouvertüre)

Mehr zum Thema:

Jean-Philippe Rameau - "Das größte musikalische Genie Frankreichs" (Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 12.9.2014)
Komische Oper - Ganz und gar nicht banal (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 11.5.2014)

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