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Buchkritik | Beitrag vom 16.12.2017

Jean-Paul Krassinsky: "Affendämmerung"Der Affenprophet aus dem All

Von Frank Meyer

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Jean-Paul Krassinsky: "Affendämmerung" (Lino Mirgeler / dpa / Schreiber und Leser)
Jean-Paul Krassinsky: "Affendämmerung" (Lino Mirgeler / dpa / Schreiber und Leser)

Der Affe Rhesus landet in einer Raumkapsel bei den Schneemakaken auf der Erde, bringt ihnen göttliche Kunde und wird zum Propheten. Der Zeichner Jean-Paul Krassinsky hat mit "Affendämmerung" eine schwarzhumorige Religionsfabel veröffentlicht – als Comic.

Ein glühender Lichtstrahl leuchtet auf am Himmel über Japan, eine Raumkapsel rast auf die Erde zu und schlägt in den winterlichen Bergen auf. Als neugierige Schneemakaken die Kapsel untersuchen, finden sie darin den Affen Rhesus im prächtigen Astronautenanzug. Rhesus ist durch das All geflogen und behauptet nun, er sei gestorben und wiederauferstanden und er wolle den Schneemakaken die Kunde von Diou bringen, von einem göttlichen Wesen, das alles sieht und alles weiß und alles lenkt. Die Affen sind höchst beeindruckt und rufen Rhesus zum Propheten aus. 

Dank an Monty Python und Dawkins

Jean-Paul Krassinsky hat vor "Affendämmerung" andere Comicbücher mit Gesellschaftssatiren oder poetischen Märchen gezeichnet und getextet. Er wurde in Bayern geboren, heute lebt er in Paris. Krassinsky dankt in einer Vorbemerkung zu seinem Buch ausdrücklich dem Religionskritiker Richard Dawkins und der britischen Komikertruppe Monty Python, von ihnen hat er offenbar wichtige Anregungen für seine schwarzhumorige Religionsfabel bekommen. 

Krassinskys "Affendämmerung" steht in der langen Tradition von Fabel-Erzählern wie Äsop oder George Orwell. Er bezieht sich auf Experimente der NASA, die bei ihrem Mercury-Programm ab 1958 Affen als Testraumfahrer eingesetzt hat.

In der Tradition George Orwells

Wie bei vielen Fabeln ist der gedankliche Raum der Gleichnisgeschichte begrenzt, aber das macht Krassinsky wett durch eine klug gebaute Dramaturgie. Mehrere religiöse Ordnungen lösen einander ab, verschiedene Figuren kämpfen um die soziale und theologische Vorherrschaft, ihre Geschichten sind eingelassen in eine Rahmenerzählung, die zum Schluss eine überraschende Pointe zu bieten hat.

Vor allem aber überzeugt das Buch mit seiner Bildersprache. Krassinskys ausdrucksstarke Affencharaktere tummeln sich in Aquarellen im japanischen Stil, in berückenden Landschaften aus Schnee und Bäumen und Licht. Farben spielen in dieser weißen Landschaft eine dramatische Rolle, besonders, wenn in den Bergen von Jigokudani immer mehr Blut fließt.

Jean-Paul Krassinsky: "Affendämmerung"
Aus dem Französischen von Resel Rebiersch
Verlag Schreiber & Leser, Hamburg 2017
296 Seiten, 29,80 Euro

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