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Lesart | Beitrag vom 02.03.2018

Jean-Marie Le Pen legt seine Memoiren vorWiderborstig und unbelehrbar

Von Barbara Kostolnik

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Jean-Marie Le Pen  (picture alliance / Leon Tanguy)
Jean-Marie Le Pen (picture alliance / Leon Tanguy)

Für viele Franzosen ist Jean-Marie Le Pen noch immer ein rotes Tuch. Nun hat der Gründer des rechtsextremen Front National den ersten Teil seiner Memoiren vorgelegt. Dass sich der Band erfolgreich verkauft, dürfte vor allem seine Tochter ärgern.

Es ist nicht so, als hätten die französischen Verleger Jean-Marie Le Pen das Manuskript mit seinen Memoiren buchstäblich aus der Hand gerissen. Nein. Erstens gibt es schon reichlich Bücher von und über Jean-Marie Le Pen, und zweitens ist der alte Mann in Frankreich eben doch auch ein rotes Tuch.

"Ein Verleger dachte, er hätte schon zu viele rechtslastige Autoren in seinem Portfolio. Aber ich glaube, dass einige Leute bedauern werden, dass sie mich abgelehnt haben, wenn sie die Verkaufszahlen anschauen."

Der Erfolg scheint Le Pen Recht zu geben. Sehr viele Leserinnen und Leser interessieren sich für die Le Pensche Lesart der Geschichte, die im ersten Band der Memoiren bis ins Jahr 1972, das Gründungsjahr des Front National, reicht.

Eine Art Vermächtnis

Jean-Marie Le Pen, der im Juni 90 Jahre alt wird, geht es mit dem Buch, einer Art Vermächtnis, um viel. Er will Geschichte schreiben. Oder umschreiben.

"Ich war mein ganzes Leben in der Opposition und wurde von meinen Gegnern oft hart kritisiert, oft in bösartiger Absicht, natürlich will ich das Bild von mir geraderücken."

Das Bild eines polemischen, bisweilen garstigen Mannes, der jedoch, so steht es jedenfalls in "Fils de la Nation", "Sohn der Nation" eine unschöne Kindheit und Jugend erlebte. Sein Vater fiel 1942 im Zweiten Weltkrieg, und Jean-Marie flog von der Schule.

"Als ich 16 Jahre alt war, habe ich diese kindischen Disziplinarmaßnahmen meiner katholischen Privatschule abgelehnt und so hatten die beschlossen, mich vor die Tür zu setzen. Weil sie sich aber nicht getraut hatten, mir das ins Gesicht zu sagen, erzählten sie mir einfach, meine Mutter sei gestorben. Ich bin natürlich wie der Blitz nach Hause geradelt und da stand meine Mutter im Vorgarten. Ich war völlig verdattert und habe sie gefragt, du bist ja gar nicht tot, natürlich nicht, hat sie geantwortet, und weil sie eine sehr gläubige Frau war, hat sie das dem Pfarrer nie verziehen."

Le Pens Abrechnung mit der katholischen Kirche

Jean-Marie Le Pen seinerseits verzieh der katholischen Kirche nicht, was sie ihm damals angetan hatte – eine Frage des verlorenen Vertrauens. Im ersten Band seiner Memoiren, bis 1972, dem Gründungsjahr des Front National, geht es viel um Vertrauen – und um Abrechnung, so beschreibt er lang und breit, was ihm am General de Gaulle miss- und am Marschall Pétain, der mit Nazi-Deutschland kooperierte, gefallen hat.

"Pétain war ein exzellenter Militär, Sieger von Verdun, er hat sich ganz klar dazu gezwungen, um das Schlimmste zu verhindern, um 48 Millionen Franzosen zu reden, und das um jeden Preis."

Der alte Kämpe Le Pen bleibt seinem Bild also treu: ein widerborstiger, ständig gegen den Strom paddelnder Mann, unbelehrbar. Eines möchte er auf jeden Fall geklärt haben: Oft hat man ihm vorgeworfen, während des Algerien-Kriegs gefoltert zu haben, genauso oft hat er gegen diese Vorwürfe prozessiert und gewonnen. Hätte er denn gefoltert?

"Wahrscheinlich hätte ich meine Aufgabe erfüllt, gibt er zu, ich hätte auf jeden Fall das Leben eines unschuldigen Mädchens höher geschätzt als das eines Menschen, der Bomben legt."

Der Alte kämpft um sein politisches Erbe

Im Moment foltert Le Pen allenfalls seine Tochter – erst kündigte er mit großem Getöse an, auf jeden Fall am Kongress des Front National teilzunehmen, und zur Not sogar eine Straßenschlacht zu organisieren, um seinen Einlass zu erzwingen, dann sagte er wieder ab.

"Ich gehe nicht nach Lille, weil ich kein Komplize der Ermordung des Front National sein will, die dort stattfinden wird."

Marine Le Pen will in Lille einen Neuanfang für den Front National, für sie ist es sicher besser, dass Jean-Marie Le Pen nicht kommt, der alte Vater und seine Altlasten würde ihr das Konzept komplett verhageln.

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