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Kompressor | Beitrag vom 15.01.2015

Jean-Luc Moulène in HannoverDie Mutation der Waren

Von Volkhard App

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Besonders eine rote Zigarettenschachtel hat es dem Künstler Jean-Luc Moulène angetan. (Galerie Chantal Crousel / Kunstverein Hannover)
Besonders eine rote Zigarettenschachtel hat es dem Künstler Jean-Luc Moulène angetan. (Galerie Chantal Crousel / Kunstverein Hannover)

Ist er ein Fotograf? Ein Maler? Ein Bildhauer? Jean-Luc Moulène ist all das, empfindet sich aber keiner bestimmten Disziplin verpflichtet. Er sei einfach ein Poet, sagt er. Und als solcher entwickelt er einen speziellen Blick auf das Verhältnis zwischen Menschen und ihren Produkten. Eine Ausstellung im Kunstverein Hannover zeigt seine Werke.

Eine Packung "Gauloises”, die aber nicht blau ist, sondern rot. Jean-Luc Moulène hat sie deshalb fotografiert - mit ihr ist eine besondere Geschichte verbunden:

"Diese Zigaretten-Packung ist 1983 während eines Streiks in der Tabakindustrie entstanden. Streikende müssen ja auf sich aufmerksam machen und ihre Ziele mitteilen. In diesem Fall haben die Arbeiter in den Achtzigern keine Videos gedreht, keine Gesänge angestimmt, sondern die von ihnen hergestellten Produkte in leicht veränderter Aufmachung weiter produziert - aus dem Blau der Packung wurde allerdings Rot, denn das ist die Farbe der Revolution. Diese Zigaretten haben sie dann direkt an die Raucher verkauft und so ihre Aktivitäten finanziert."


Eine ganze Fotoserie ist diesen Waren gewidmet, die im Zusammenhang von Streiks produziert worden sind. Den Raum, in dem diese Bilder gezeigt werden, nennt Moulène beim Rundgang augenzwinkernd "illegal". Und rechnet weitere Arbeiten hinzu: Es sind Fotos mit Produkten, die auf palästinensischem Territorium entstanden sind und nur für die hier lebenden Menschen bestimmt waren. Moulène hat sie sich trotz der Ausfuhrbeschränkung besorgt und sie abgelichtet: abgepackte Spaghetti, Tomatenmark in Dosen, Mineralwasser in einfachen Kunststoff-Flaschen:  

"Palästina wird ja die Existenz bestritten und hat angeblich keine eigene Wirtschaft, doch die Menschen dort gibt es wirklich - und sie produzieren."

Mosaiksteine aus der urbanen Welt

Man darf diese Fotos, so schlicht sie mit den Waren auch wirken, als politisches Statement werten. Vor allem aber ist der Fotograf Moulène ein Flaneur, wirft zum Beispiel auf seine Pariser Heimat ungewohnte Blicke und kombiniert die Motive so, dass sie gelegentlich Rätsel aufgeben: hier eine Seitenansicht von Notre Dame, dort ein unscheinbarer Hinterhof. Eine Limousine am Straßenrand, und zwischendurch das Porträt eines dubiosen Managers.  

Moulène ist interessiert an Mosaiksteinen aus der urbanen Welt, gleichermaßen aber auch an kompositorischen Fragen. Kein Motiv ist an sich unbedeutend, selbst einen weißen Plastikstuhl hat er durch ein Foto in den Mittelpunkt gerückt:

"Ich bin an der industriellen Entwicklung interessiert. Die innovativen Formen, die die Moderne hervorgebracht hat, wurden von der Industrie aufgegriffen und sind dort zum Standard geworden. Das gilt auch für dieses perfekte Produkt, diesen weißen Stuhl, den man überall auf der Welt in allen Farben finden kann - und dabei hat man sogar vergessen, wer ihn erfunden hat.
"

Zum ersten Mal überhaupt zeigt Moulène eine Fotoserie mit abstoßenden Gummi-Masken. Diese einschüchternden Visagen erinnern an Wrestling-Veranstaltungen und Geisterbahn- Zelte. Hässlich sind diese Masken allemal:   

"Hässlich? Ich würde diese Masken lieber als populär bezeichnen. Als Fotograf bin ich an allem interessiert, was man finden kann. Überall habe ich solche Masken gekauft – in Paris natürlich, aber auch in New York, Los Angeles und Mexiko, wo diese Masken eine besondere Tradition haben. Und ich habe diese Gummimasken dann mit Beton aufgefüllt, um sie lustiger erscheinen zu lassen und den grotesken Charakter noch zu verstärken. Und dann habe ich sie fotografiert - nicht als Objekte, sondern so, wie ich sonst jemanden porträtiere."

Moulène erfindet sich immer wieder neu

Die im Kunstverein gezeigten Fotos fügen sich nicht so leicht zu einem stimmigen Gesamtbild. Und das gilt für die Retrospektive im ganzen, denn in Hannover legt man Wert darauf, die Vielseitigkeit des Künstlers vor Augen zu führen. Da gibt es neben dem Fotografen Moulène auch den Bildhauer, der mit Beton eine Rinderlunge nachbildet oder mit industrienahen Design-Formen arbeitet. Und da ist der Maler, der monochrome Gemälde herstellt - und zwar aus höchst intensiven Farben, die sonst in Füllern Verwendung finden.

Wo andere Künstler sich mit einem Markenzeichen einprägen, ist Moulène ein Zeitgenosse, der sich immer wieder neu erfindet und geradezu Lust an einer postmodernen Vielfalt demonstriert. Damit wird der Besucher zu einem Detektiv, der den geheimen Fäden zwischen den so unterschiedlichen Exponaten nachspürt. Ist Moulène nun ein Fotograf, der auch zeichnet, malt und Skulpturen schafft? Oder ist er eher ein Maler und Bildhauer, der auch fotografiert? Kathleen Rahn, die Leiterin des Kunstvereins Hannover:

"Ich finde, dass diese Kategorisierungen grundsätzlich obsolet sind. Was war Michelangelo? War er ein Maler, ein Zeichner, ein Erfinder? Ich glaube, Jean-Luc Moulène ist vor allem ein Flaneur: im gedanklichen, im metaphorischen Sinne."

 Jean-Luc Moulène zeigt sich am Ende des Rundgangs gelassen angesichts des eigenen Spektrums:

"Ich bin ein Aktivist und keiner bestimmten Disziplin verpflichtet. Und wenn ich mich selber bezeichnen soll - ob ich Zeichner, Maler oder Fotograf bin -, dann sage ich, dass ich ein Poet bin. Das hält alle Möglichkeiten menschlicher Tätigkeit offen."

Jean-Luc Moulène. Documents & Opus (1985-2014)
Kunstverein Hannover noch bis zum 1.3.2015

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