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Tonart | Beitrag vom 18.01.2016

Jazzpianistin Sunna GunnlaugsDie Weite Islands hörbar machen

Von Jan Tengeler

Isländische Hauptstadt Reykjavík (Deutschlandradio/Jessica Sturmberg)
Isländische Hauptstadt Reykjavík (Deutschlandradio/Jessica Sturmberg)

Die Pianistin Sunna Gunnlaugs ist eine der umtriebigsten Figuren der isländischen Szene. Sie ist nicht nur in verschiedenen Formationen aktiv, sondern hat auch eine eigene Plattenfirma. Und sie ist Lehrerin sowie künstlerische Leiterin des renommierten "Reykjavik Jazz Festivals".

Sunna Gunnlaugs: "Cielito Lindo bedeutet so viel wie: süßes kleines Ding, etwas, das man zum Geliebten sagt oder zum Kind. Das Original ist ein fröhliches Mariachistück. Ich wollte dem noch etwas mehr zurückhaltende Freundlichkeit, etwas mehr Raum hinzufügen, ohne das mittelamerikanische Flair zu vergessen."

Cielito Lindo nennt sich nicht nur dieses Stück, sondern auch die aktuelle CD der isländischen Pianistin Sunna Gunnlaugs. Eingespielt hat sie es mit ihrem seit zehn Jahren bestehenden Trio, zu dem der Bassist Porgrimur Jonsson sowie der US-amerikanische Schlagzeuger Scott McLemore gehören. Er ist auch Gunnlaugs Ehemann und ein Grund, warum die Pianistin nach zwölf Lehrjahren in New York seit 2005 wieder in ihrer Heimat lebt.

"Wir wollten Kinder haben und das konnte ich mir in New York, ohne eigene Familie im Rücken, nicht so gut vorstellen. Ich habe mich nach mehr Lebensqualität gesehnt. Als Künstler kann man in New York ja kaum überleben. Es gibt so viele unglaublich gute Musiker, die Atmosphäre ist voll kreativer Energie, aber man muss sehr gut sein und dauernd spielen, damit etwas Geld übrig bleibt. Das ist zwar sehr inspirierend, aber es kann einen auch ganz schön runterziehen."

Natürlich ist die Energie der großen Stadt in der Musik von Sunna Gunnlaugs nach wie vor präsent, schließlich ist es Jazz. Aber etwas anderes bereichert ihre Klangvorstellung maßgeblich, seitdem sie nach Island zurückgekehrt ist.

"Das Leben strahlt Ruhe aus"

"Raum – der größte Unterschied zwischen New York und Island liegt in dem Raum, der Weite, die einen hier umgibt. Sowohl optisch wie akustisch: Man sieht das Meer, die Berge. Natürlich gibt es auch hier viele kreative Impulse, aber die sind weit weniger aggressiv. Das Leben strahlt Ruhe aus und das hat natürlich einen Einfluss auf den künstlerischen Prozess, sowohl auf die Kompositionen, als auch auf das Spiel."

Sunna Gunnlaugs hat als Sechsjährige auf Wunsch ihrer Mutter angefangen, Orgel zu spielen. Als Teenager entdeckte sie das Keyboard und US-amerikanische Soulmusik. Über Bands wie "Cool and the Gang" oder "Earth, Wind and Fire" sei sie dann auf Musiker wie Count Basie und Duke Ellington gestoßen.

"Zum Klavier bin ich erst spät gekommen, mit 17 ungefähr. Mir war ja gar nicht klar, dass man auch auf einer Orgel Jazz spielen kann. Eine ganze Weile tappte ich im Dunkeln, denn ich wollte Musik machen, aber mir war nicht klar in welcher Form. Kirchenorgel kam genauso wenig in Frage wie klassische Musik. Ich hatte immer dieses Bild vom ernsten, strengen Pianisten vor Augen, der wenig Spaß an seiner Arbeit hat. Das kam nicht in Frage. Bis ich den Jazz entdeckte und Pianisten wie Keith Jarrett, Bobo Stenson oder Bill Evans. So fing ich an zu studieren."

Jazz mit poetischer Note

Jazz hat bei der isländischen Pianistin Sunna Gunnlaugs eine unspektakuläre, aber ausgesprochen poetische Note. Am liebsten bewegt sie sich in kleinen, akustischen Ensembles und achtet darauf, dass ihre Mitmusiker und ihre Kompositionen viel Platz bekommen, um sich zu entfalten. Und da gibt es eine gewisse Emotionalität, die vielleicht damit zu tun hat, dass sie eine Frau ist?

"Das glaube ich nicht, es ist wohl einfach Typsache. Es gibt ja genug Frauen, die in einer Art und Weise spielen, die man als männlich bezeichnen würde und umgekehrt. Aber sicher ist, dass Frauen das Musikgeschäft noch viel mehr bereichern sollten. Nicht zuletzt der Jazz ist ja immer noch eine Männerdomäne. Frauen können das Spektrum dessen, was machbar und hörbar ist, deutlich erweitern, nicht nur als Musikerinnen, auch als Komponistin und Produzentin. Sie haben andere Geschichten zu erzählen."

Duo mit Bassklarinettisten

Sunna Gunnlaugs gehört zu den Frauen, die ihre Geschichte erzählen, übrigens nicht nur als Pianistin und Komponistin, sondern auch als Organisatorin des Jazzfestivals ihrer Heimatstadt Rykjavik und als Betreiberin ihres kleinen eigenen Labels "Sunny Records". Und langsam spricht sich das auch in der europäischen Jazzszene rum.

In wenigen Wochen erscheint auf dem hauseigenen Label ihre neue CD "Unspoken", ein Duoalbum, das sie mit dem holländischen Bassklarinettisten Marten Oornstein eingespielt hat.

"Wir haben uns über Twitter kennengelernt. Eigentlich war das nur so ein 'Spaß-Chat'. Aber als er mich zu einem Gig nach Beirut einlud, merkte ich, dass er wirklich mit mir musizieren wollte. Mir gefällt der Klang der Bassklarinette so gut, weil er nicht so dominant ist wie ein Tenorsaxofon. Gleichzeitig hat das Instrument einen großen Tonumfang und kann mich gut begleiten, wenn ich ein Solo spiele. Das macht viel Spaß."

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