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Dienstag, 21.11.2017

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.05.2017

Jason Reynolds:"Love"Wenn trotz Tod und Trauer Vertrauen entsteht

Von Sylvia Schwab

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Buchcover "Love" von Jason Reynolds, im Hintergrund der Blick auf den Sonnenuntergang über Brooklyn, New York  (dtv / imago / Deutschlandradio)
Buchcover "Love" von Jason Reynolds, im Hintergrund der Blick auf den Sonnenuntergang über Brooklyn (dtv / imago / Deutschlandradio)

Vom Tod der Mutter aus der Bahn geworfen: Wie Matthew in Brooklyn beim Jobben in einem Bestattungsinstitut Halt und Kraft findet, erzählt Jason Reynolds im Roman "Love". Als der 17-Jährige ein elternloses Mädchen trifft, beginnt eine ungewöhnliche Liebesgeschichte.

Matthew läuft durch Brooklyn wie ein Zombie. Einsam und verzweifelt ist dem 17-Jährigen sein Leben entgleist, nachdem wenige Wochen zuvor seine Mutter gestorben ist. Ihr Tod hat ihn und seinen Vater entwurzelt. Der Vater hat wieder begonnen zu trinken und hatte einen schweren Unfall. Und Matthew sucht sich zur Ablenkung einen Job und landet sinnigerweise bei einem Beerdigungsunternehmer.

Bei den Trauerfeiern, an denen er nun teilnimmt, macht der Junge eine erstaunliche Erfahrung. Der Schmerz der Angehörigen zieht ihn nicht noch tiefer in sein eigenes Elend, sondern tut ihm gut. Plötzlich begreift Matthew, dass er nicht allein ist mit seiner Trauer; dass unzählige Erwachsene und Kinder um geliebte Menschen trauern.

Aus dem Mitleid erwächst für Matthew eine neue Kraft. Und als er eines Tages das elternlose Mädchen Love kennen lernt, die obwohl sie ihre geliebte Großmutter beerdigen muss und stark ist, beginnt der 17-Jährige zu begreifen, dass er nicht für immer in seiner Trauer versinken darf.

Skurrile Einfälle und eindrückliche Figuren

Dass aus dieser Geschichte von zwei ungewöhnlichen jungen Menschen, die trauern, sich verlieben und die Trauer überwinden keine Kitsch-Story wird, liegt an Jason Reynolds Erzählperspektive, an seinem Ton, seinen skurrilen Einfällen und seinen eindrücklichen Figuren - und an seiner Art, das soziale Umfeld von Matthews Familie genau zu zeichnen. Dass fast alle Protagonisten Farbige sind, kommt zunächst nur in Nebensätzen heraus. Ganz so wie man fast beiläufig erfährt, dass in diesem Viertel kaum Weiße leben.

Umso deutlicher beschreibt der Autor dafür die riesigen, dreckigen Mietskasernen, die Joint-rauchenden Typen auf den Treppenabsätzen der Brown-Stones und die Gewaltbereitschaft junger Arbeitsloser.

Spaß an schrägen Situationen und Formulierungen

Interessant ist auch die Ich-Perspektive: Matthew erzählt seine Geschichte selbst und spricht dabei seine Leser immer wieder direkt an. So entsteht die Atmosphäre eines lockeren Gesprächs, in dem er sehr eindringlich aus seinem Leben in Schieflage berichtet. Als Leser merkt man so sehr schnell, was Matthew erzählt und was nicht, und wie er langsam aus der Trauer und Isolation auftaucht, wieder zu leben und zu lachen lernt.

Dazu kommt Matthews deutlicher Spaß an schrägen Situationen und Formulierungen und seine gewitzte Analyse der eigenen Schrullen. Er beschreibt sich selbst als Nerd – und besteht darauf, als solcher wahrgenommen zu werden.

Natürlich lebt diese ungewöhnliche Liebesgeschichte auch vom Ambiente, in dem sie spielt: Das Beerdigungsunternehmen des sanftmütigen Mr. Ray mit der Trauerhalle und dem Leichenschmaus-Saal. Das Fast-Food-Diner, in dem Love jobbt.Das Obdachlosenasyl, in dem sie regelmäßig hilft. Jede Location bietet optimale Bedingungen für eine Menge anrührender, häufig aber komischer, witziger und skurriler Situationen.

Jason Reynolds Mischung aus Schmerz und Slapstick, Trauer und Humor ist gewagt und hätte zur Bruchlandung führen können. Doch "Love oder meine schönsten Beerdigungen" kriegt die Kurve - mit viel Schwung.

Jason Reynolds: Love - oder meine schönsten Beerdigungen
Aus dem Englischen übersetzt von Klaus Fritz
dtv, München 2017
288 Seiten, 14,95 Euro, ab 14 Jahren

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