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Samstag, 16.12.2017

Frühkritik | Beitrag vom 01.12.2017

Jan Costin Wagner: "Sakari lernt, durch Wände zu gehen"Tod und Abgründe im Märchenland

Von Kolja Mensing

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Buchcover "Sakari lernt, durch Wände zu gehen" von Jan Costin Wagner, im Hintergrund ein See in Finnland (Galiani Berlin / imago)
Buchcover "Sakari lernt, durch Wände zu gehen" von Jan Costin Wagner, im Hintergrund ein See in Finnland (Galiani Berlin / imago)

Eine Spur führt Kimmo Joenta mitten hinein in eine familiäre Katastrophe. Der melancholische Polizist ermittelt nicht auf klassische Weise, er taucht immer tiefer in die Träume und Albträume der anderen Figuren ein. Kaum auszuhalten.

Es geschah auf dem Alexanderplatz in Berlin. Am Vormittag des 28. Juni 2013 steigt dort ein nackter Mann mit einem Messer in der Hand in das Wasser des Neptunbrunnens. Er wirkt verwirrt und droht damit, sich selbst zu verletzen. Die Polizei sperrt das Gelände ab, zwei Beamte nähern sich dem Mann im Brunnen. Als er sich plötzlich erhebt, fällt ein Schuss. Der Mann im Brunnen, er ist zum Zeitpunkt seines Todes 31 Jahre alt, ist tot. Kurz darauf kursieren Fotos und Videos im Netz, die zeigen, wie der eine der beiden Polizisten ohne Vorwarnung auf ihn geschossen hat.

Ein Kind stirbt, ein anderes geht verloren

Fünf Jahre später greift Jan Costin Wagner dieses Ereignis in seinem neuen Kriminalroman "Sakari lernt, durch Wände zu gehen" auf – verlegt den Schauplatz allerdings in die südfinnische Stadt Turku: Der Polizist Petri Grönholm erschießt einen jungen Mann namens Sakari, der nackt und mit einem Messer in der Hand in einem Brunnen auf dem Marktplatz steht. Grönholm stürzt die Tat in tiefe Verzweiflung, und er bittet seinen Kollegen Kimmo Joentaa, mehr über den Toten in Erfahrung zu bringen. Dann brennt ein Einfamilienhaus nieder, ein Kind stirbt, ein anderes geht verloren, und Kimmo Joentaa, der eigentlich den Sommer mit seiner Tochter am See verbringen wollte, folgt einer Spur, die mitten hinein in eine familiäre Katastrophe führt.

Kein nachgebauter Skandinavien-Krimi

Sechs Bände hat die Reihe um den melancholischen Polizisten Kimmo Joenta inzwischen. Das Besondere an diesen Romanen ist, dass Jan Costin Wagner – er ist Deutscher und lebt nach vielen Jahren im hohen Norden jetzt wieder in Frankfurt am Main – die finnische Landschaft darin nicht als Kulisse für einen nachgebauten Skandinavien-Krimi verwendet, sondern eine Art literarisches Märchenland entworfen hat, in dem die Gesetze von Raum und Zeit außer Kraft gesetzt sind und ein reales Ereignis wie der gewaltsame Tod eines jungen Mann im Berlin des Jahres 2013 in veränderter Form noch einmal stattfinden kann.

Kein Fall, keine Verhöre

Auch die Regeln des Genres spielen in diesem Märchenland keine Rolle und verlieren von Buch zu Buch an Bedeutung. "Sakari lernt, durch die Wände zu gehen" ist der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung – ein Kriminalroman, der allen Ballast abgeworfen hat. Es gibt keinen Fall, keine Verhöre und auch sonst keine Polizeiarbeit im herkömmlichen Sinne: Kimmo Joentaa ermittelt nicht, er lässt sich treiben und taucht immer tiefer in die Träume und Albträume der anderen Figuren ein. Am Ende geht er dabei genau den Weg, den Sakari gehen wollte, als er sich auf dem Markplatz in Turku ein Messer an den Hals setzte. Kimmo Joentaa geht durch die Wände, die uns von den Toten, aber auch von den Lebenden trennen. Und was er dort entdeckt, ist kaum auszuhalten. Das beste Buch, das Jan Costin Wagner bisher geschrieben hat: eine klare Nummer eins. 

Jan Costin Wagner: "Sakari lernt, durch Wände zu gehen. Ein Kimmo-Jontaa-Roman"
Galiani Berlin, Berlin 2017
240 Seiten, 20 Euro

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