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Reportage / Archiv | Beitrag vom 20.11.2013

IstanbulAuf die politische Tour

Touristische Gruppenreisen zum Gezi-Park

Von Luise Sammann

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Im wiedereröffneten Gezi-Park ist Ruhe eingekehrt, doch er bleibt ein Symbol für zivilen Widerstand in der Türkei. (picture alliance / dpa / Photoshot)
Im wiedereröffneten Gezi-Park ist Ruhe eingekehrt, doch er bleibt ein Symbol für zivilen Widerstand in der Türkei. (picture alliance / dpa / Photoshot)

Bei den "Political Tours" des ehemaligen New-York-Times-Korrespondenten Nicholas Wood führen ortskundige Journalisten und Aktivisten Reisende auf der ganzen Welt an Orte, die sie sonst nur aus den Fernsehnachrichten kennen. In diesem Jahr zum Beispiel in den Istanbuler Gezi-Park.

Der junge Mann hält einen Zettel in die Luft. "Gezi" steht für heute auf dem Programm der Türkei-Touristen, die vor ihm in den cremefarbenen Sesseln einer Istanbuler Hotellobby versinken.

"Wir werden heute Can Öz treffen, den Inhaber eines der größten Literaturverlage der Türkei. Gemeinsam mit ihm folgen wir der Route der Demonstranten von damals. Can wird dabei erzählen, was hier passiert ist, warum er daran teilgenommen hat und vielleicht auch, was bei den Protesten herausgekommen ist.“

In festem Schuhwerk und Allwetterjacken treten die neun Tourteilnehmer hinaus in den Istanbuler Novembermorgen. Gestern noch waren sie in Ankara, erzählt ein rüstiger Rentner aus London im Laufen, Gespräche mit Politikern der regierenden AK-Partei standen auf dem Programm, tags zuvor Besuche bei aufstrebenden Geschäftsleuten im südtürkischen Gaziantep. Nun also Istanbul und die Gezi-Demonstranten, für die meisten der Höhepunkt der Reise.

Verleger Can Öz - ein Mittdreißiger mit schwarz umrandeter Intellektuellen-Brille und Cordjacke - lässt sich nicht lange bitten.

"An dem Tag, an dem die Gezi-Proteste begannen, waren vielleicht 100 Leute im Gezi-Park. Sie müssen wissen, dass in der Türkei ständig Millionen von Bäumen abgeholzt werden. Die meisten Leute auf der Straße hat das also nicht weiter gekümmert. Mich auch nicht. Aber am nächsten Morgen lasen wir, dass diese Demonstranten im Schlaf von der Polizei mit Tränengas beschossen worden waren.“

Can Öz legt eine Kunstpause ein, schaut seinen Zuhörern aus England, Amerika und Australien nacheinander in die Augen. Das war der Punkt, an dem aus dem braven Literaturverleger ein Gezi-Demonstrant wurde, der bis heute bei jeder Gelegenheit Kritik an der Regierung übt.

"Das hat mich wirklich angekotzt! Ich habe die Zeitung weggelegt und meine Mutter angerufen. Ich sagte, verdammt das reicht. Wir können nicht einfach weiter Literatur verlegen und zu allen nett sein. Wir müssen etwas tun, wir müssen einen Standpunkt einnehmen.“

In der Shoppingmeile erinnert nichts mehr an das Schlachtfeld

Während Can erzählt, wie er und hunderttausende andere vor fünf Monaten Tag für Tag zum nahe gelegenen Gezi-Park zogen, um sich mit Tränengas und Wasserwerfern beschießen zu lassen und gegen die Allmacht der Erdogan-Regierung zu demonstrieren, schlendert die Gruppe durch die morgendliche Istiklal Caddesi, Istanbuls zentrale Shoppingmeile. Links und rechts öffnen Händler ihre Läden, ein Straßenverkäufer schiebt ein fahrbares Frühstücksbüffet auf seinem Karren vorbei, Männer in Anzug und Krawatte eilen in ihre Büros. Nichts erinnert an das Schlachtfeld, dem die Istiklal Cadessi und ihre Seitenstraßen im Juni glichen. Touristin Christina, mit Ende 30 eine der jüngsten in der Gruppe, schüttelt erstaunt den Kopf.

"Ich komme aus New York, dort habe ich Erfahrungen mit der Occupy Wallstreet-Bewegung. Ich hätte nie erwartet, dass die Demonstranten hier durch das zentrale Shoppingviertel gezogen sind. Erst jetzt, wo ich hier bin, kann ich mir das überhaupt vorstellen.“

Für einen Moment verschwindet die Gruppe in einer Wolke aus Seifenblasen, die ein fliegender Händler aus bunten Plastikpistolen abschießt. Fünf Lira das Stück.

Dann liegt er vor ihnen, der plötzlich so berühmte Gezi-Park. Ein unauffälliges Fleckchen Grün mitten in Istanbul, nicht besonders groß, nicht besonders schön. Der Londoner Rentner lässt fasziniert den Blick schweifen.

"Wenn man den Rest der Stadt gesehen hat, dann versteht man, warum die Leute so einen Ort schätzen. Das hier sind Inseln zum Atmen. Vielleicht nicht sehr groß, aber genug um dem Chaos zu entfliehen. Es geht also mehr um das, was sie repräsentieren. Der Park ist kleiner, aber zentraler als ich erwartet hätte.“

Eine breitschultrige Frau kommt auf die Gruppe zu, stellt sich schüchtern vor. Auch Sevval - eine der führenden Aktivistinnen der Istanbuler Transsexuellenbewegung - gehört bei der "Political Tour" zum Programm. Als eine der ersten schlug sie Ende Mai ihr Zelt im Gezi-Park auf, um gegen dessen Bebauung zu demonstrieren.

"So gegen fünf Uhr morgens hörten wir plötzlich 'Die Polizei kommt, die Polizei kommt!' Als wir unsere Zelte aufmachten, war draußen alles weiß. Drei Sekunden später brannten unsere Augen wie verrückt. Wir wuselten durcheinander wie die Kakerlaken. Sie haben uns einfach abgeführt. Wir waren vielleicht zwei-, dreihundert Leute. Aber am nächsten Morgen waren 30.000 Demonstranten auf der Istiklal!“

In der Nacht nach der Räumung haben Gärtner Lastwagenladungen bunter Blumen im Gezi-Park angepflanzt. Die Regierung hat frischen Rasen ausrollen lassen, um die Spuren dieses Sommers zu verwischen Nur ein paar alte Männer sitzen jetzt auf den Parkbänken rundherum, genießen die letzten Sonnenstrahlen des Jahres. Den Wandel in der türkischen Gesellschaft, von dem Sevval jetzt erzählt, die vielen Bürgerinitiativen, die seit Gezi in Istanbul entstanden sind, die Diskussion um freie Medien und sogar die gewachsene Solidarität mit der Homo- und Transsexuellenbewegung - all das bleibt normalen Türkei-Touristen verborgen. Verleger Can lächelt. "Lassen Sie sich nicht täuschen", sagt er. "Nichts in der Türkei ist mehr, wie es einmal war."

"Bis zu den Gezi-Ereignissen waren Millionen von Menschen hier einfach verzweifelt über die Richtung, in die dieses Land steuerte. Wir hatten keine Ahnung, was wir tun könnten. Aber Gezi hat uns ein Gefühl von Solidarität gegeben. Dieses Gefühl ist wichtiger als das, was wir konkret erreicht haben. Und dieses Gefühl ist in jedem geblieben, der damals auf der Straße war, auch in mir. Es hat mich völlig verändert.“

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