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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.07.2010

Ist Politik lernfähig?

Der Streit um die Hamburger Schulreform

Von Martin Tschechne

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Zeit für die Begegnung mit den Klassikern  (AP)
Zeit für die Begegnung mit den Klassikern (AP)

Es ist ein Lehrstück, das zurzeit in Hamburg gegeben wird. Ein Stück, in dem das Volk - der Souverän - eine Hauptrolle zugewiesen bekam und plötzlich nur noch Statist sein soll. Ein Stück über politische Kultur. Sein Ausgang ist noch offen, aber feststeht, dass die Inszenierung lehrreiche Einblicke in Motive und Mechanismen des öffentlichen Lebens gegeben hat. Und dass am 18. Juli der Vorhang fällt.

Dann nämlich wird ausgezählt, ob die Bürger der Stadt sich wirklich mit einer Schulreform beglücken lassen müssen, die vielen von ihnen schwere Sorgen bereitet. Manch einer aber hat sich im Laufe des Verfahrens auch müde geärgert. Der Schulbehörde ist das, vermuten wir mal: nicht wirklich unangenehm. Vielleicht steckt sogar Absicht dahinter. Das Stück hat etwas von einem Katz-und-Maus-Spiel.

Müde geärgert? Es war doch ein strahlender Sieg, den die Gegner dieser offensichtlich wenig überzeugenden Reform im vergangenen November errungen haben. Das Volksbegehren gegen die Pläne der Behörde brachte dreimal so viele Stimmen wie erforderlich, mehr als 180.000. Selten hat man den CDU-Bürgermeister Ole von Beust und seine grüne Schulsenatorin Christa Goetsch so blass und ratlos gesehen wie am Morgen, als die Zahlen auf dem Tisch lagen.

Dabei hatten die Grünen selbst das Verfahren durchgedrückt, als sie vor zwei Jahren die Koalition mit der schon regierenden CDU vereinbarten: Das Volk – so ihre Bedingung – sollte künftig nicht nur mitreden, es sollte auch mit entscheiden dürfen. An die Schulreform wird damals niemand gedacht haben, aber dann ergriffen die Bürger die neue Chance. Und jetzt haben die Grünen den Salat: Weil das Volksbegehren gegen die Pläne des Senats erfolgreich war, läuft nun also der Volksentscheid. Und dessen Resultat ist verbindlich.

Kein Anlass zur Häme. Es wäre eine wundervolle Gelegenheit gewesen, die eigene Position noch einmal zu überdenken. Vielen Dank, wir haben verstanden. Stattdessen begann das Katz-und-Maus-Spiel. Die Pläne seien super, beharrten Goetsch und von Beust, nur die vermeintlichen Nutznießer hätten das noch nicht kapiert.

Also wurde eine Werbeagentur beauftragt, Profis im plastischen Geschäft mit Stimmungen. Auf Staatskosten! Welche Ironie: Die Steuerzahler bezahlen für eine Kampagne, mit der sie von ihrer eigenen Meinung abgebracht werden sollen. Seither werben Plakate mit rührenden Motiven um Bildungschancen für die Jugend. Wie listig: Als ob nicht die Skeptiker der Reformpläne genau das gleiche Ziel verfolgten!

Worum es eigentlich geht – das ist in all dem Gerangel beinahe zur Nebensache geschrumpft. Die Grundschule soll zu einer sechsjährigen Primarschule erweitert, das Gymnasium entsprechend von ohnehin nur noch acht auf dann sechs Jahre verkürzt werden. Mehr Zeit für gemeinsames Lernen in der Primarschule, so das Argument der Behörde – dafür weniger gymnasiale Bildung.

Der PISA-Forscher Jürgen Baumert hat die Reformpläne längst als unsinnig bloßgestellt, als ungeeignet, die Chancen für alle wirklich zu verbessern. Denn die Reform bedeutet auch für Kinder aus bildungsfernen Schichten: Verzicht auf vieles, was junge Menschen an eine akademische Laufbahn erst heranführen soll – auf die Begegnung mit den Klassikern der Literatur, auf den Schulchor, der auch Zeit genug hat, sich etwa an die Matthäus-Passion heranzuarbeiten. Am Ende wohl auch Verzicht auf das humanistische Fundament. Darf man auf all das verzichten? Als wären es nur die Bildungsbürger aus den reichen Elbvororten, die den Wert des Gymnasiums erkannt hätten.

Ob wir mit solcher Umverteilung wirklich die Bildung verbessern, das ist die Frage. Zweifel sind gestattet. Ob sich aber hinter Nebelkerzen, mit schnell durchgedrückten Beschlüssen und einem Abstimmungstermin mitten in den Sommerferien eine überzeugende Politik machen lässt – das könnte beim Volksentscheid zum 18. Juli den Ausschlag geben. Es wäre eine Quittung auch für das leidige Katz-und-Maus-Spiel. Die Leute lassen sich nämlich nicht gern für dumm verkaufen.


Martin Tschechne (privat)Martin Tschechne (privat) Dr. Martin Tschechne ist Journalist und lebt in Hamburg. Er promovierte als Psychologe mit einer Arbeit zum Thema Hochbegabte. Seine Biografie des Begabungsforschers William Stern ist soeben im Verlag Ellert & Richter erschienen (herausgegeben von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius). Einblick in die Probleme des Schulalltags geben ihm seine Söhne Johann, 17, und Albert, 15 Jahre alt: Seit das Gymnasium in Hamburg auf acht Jahre verkürzt wurde, haben sie täglich bis zu zehn Stunden Unterricht, um den umfangreichen Stoff von Altgriechisch und Latein bis zu Informatik und Chinesisch zu lernen.

Politisches Feuilleton

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