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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 16.08.2016

Islam in DeutschlandBurka-Debatte hat Sprengkraft eines Attentats

Von Fabian Köhler

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Burka tragende Besucherinnen der Ausstellung "Burquoi" im Kunstverein in Wiesbaden (dpa / picture alliance / Boris Roessler)
Ob es überhaupt eine einzige Burka-Trägerin in Deutschland gibt, ist mehr als fraglich, meint Fabian Köhler. (dpa / picture alliance / Boris Roessler)

Über ein Verbot der Burka wird zurzeit leidenschaftlich diskutiert: Die Vollverschleierung gilt als Symbol der Unterdrückung. Doch der Islamwissenschaftler und Journalist Fabian Köhler bezweifelt, dass es in der aktuellen Debatte wirklich um die Befreiung von Frauen geht: Die selbsternannten Frauenbefreier würden ihre wahren Motive verschleiern.

Man könnte den Namen dieses blauen afghanisches Stoffes mit "Gesichtsschleier" übersetzten. Aber das würde der Symbolträchtigkeit des Begriffs schlicht nicht gerecht werden: "Burka". Ein Wort mit der diskursiven Sprengkraft eines afghanischen Selbstmordattentats. Burka, das ist Frauenunterdrückung und Ehrenmord. Der Taliban unter der Damenoberbekleidung.

Der Bruchlinienkonflikt, den Samuel Huntington einst in seinem "Kampf der Kulturen" zwischen aufgeklärtem Westen und islamischer Rückständigkeit beschwor, er verläuft direkt durch den vom Ehemann bestückten Wäscheschrank von Millionen unterdrückter und entmündigter Musliminnen.

Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man die Debatte um ein Verbot der islamischen Vollverschleierung beobachtet. "Ich will in diesem Land keiner Burka begegnen müssen. In diesem Sinne bin ich burkaphob", sagte Jens Spahn kürzlich in einem Interview mit der Zeitung "Die Welt". Damit reihte sich der CDU-Bundestagsabgeordnete ein in eine immer länger werdende Liste von Burka-Gegnern, die vorgeben, mit einem Verbot des Schleiers muslimischen Frauen zur Befreiung verhelfen zu wollen.

Keine einzige Burka-Trägerin in ganz Deutschland?

Doch die Sache mit der Emanzipation im Kleiderschrank hat einen gewaltigen Haken: Ihr fehlt das verschleierte Subjekt. Ich habe bei Islamwissenschaftlern und Imamen nachgefragt, bei Zentralasien-Forschern und Mitarbeitern der afghanischen Botschaft, bei Verkäuferinnen islamischer Bekleidungsläden und vielen Deutsch-Afghaninnen: Niemand konnte sich daran erinnern, jemals einer Burka-Trägerin in Deutschland begegnet zu sein. Fast alle waren sich sicher: In Deutschland gibt es keine Burka-Trägerin. Keine einzige!

Vollverschleierte Frauen gibt es natürlich dennoch. Nur tragen die nicht die afghanische Burka, sondern meist den auf der Arabischen Halbinsel und zunehmend auch in Nordafrika beliebten, verhassten, auf jeden Fall vebreiteten Niqab.

"Frauenunterdrückung ist Frauenunterdrückung, egal wie der Fummel heißt", mag man da zurecht einwenden. Aber auch ein Blick auf die geringe Zahl realexistierender Niqab-Trägerinnen zeigt, dass die Burka-Diskussion hierzulande nicht nur unter Begriffsverwirrung leidet.

Dürftig verschleierte Stereotype

Wie viele Frauen in Deutschland ihr Gesicht komplett verhüllen, kann niemand genau sagen. 300 ist eine Zahl, die immer mal wieder durch die Medien geistert. Bei zwei Millionen Musliminnen bedeutet das im Umkehrschluss: 99,985 Prozent der Musliminnen sind nicht komplett verschleiert.

Wenn die Vollverschleierung das Symbol islamischer Frauenunterdrückung ist, sagt es dann nicht auch etwas über die Emanzipation all dieser muslimischen Frauen in Deutschland aus, dass sie mit Niqab, Burka und Co. nichts zu tun haben? Wenn sich am Schleier das Gelingen von Integration und Gleichberechtigung innerhalb der muslimische Community ablesen lässt, könnte es dann einen besseren Beleg der Erfolgsgeschichte geben als das Nicht-Vorhandensein der Burka in Deutschland?

Warum nehmen die Jens Spahns dieser Gesellschaft die 0,015 Prozent der muslimischen Frauen dennoch zum Anlass, das Klischee der unterdrückten und unmündigen Muslima zu verbreiten? Warum feiern sie nicht die überwiegende Mehrheit der Musliminnen als grandioses Beispiel für erfolgreiche Integration und Emanzipation?

Die Antwort steckt hinter dem Schleier der Burka-Debatte: Ja, es stimmt, die Diskussion um die Burka ist Ausdruck eines chauvinistischen Gesellschaftsverständnisses. Aber seine Protagonisten sind keine paschtunischen Stammesältesten. Ja, die Burka ist das Symbol eines Kulturkampfes. Aber die Bruchlinie verläuft nicht zwischen patriarchalischem Islam und aufgeklärtem Westen.

Und ja, in Deutschland werden tatsächlich Millionen von Musliminnen bevormundet und entmündigt. Aber nicht durch die falsch bestückten Wäscheschränke. Sondern von Burka-Phobikern, die ihre dürftig verschleierten Stereotype in muslimischen Wäscheschränken bestätigt sehen wollen.

Fabian Köhler (Camay Sungu)Fabian Köhler (Camay Sungu)Fabian Köhler hat in Jena und Damaskus Politik- und Islamwissenschaft studiert. Als freier Journalist schreibt er für viele Magazine und Tageszeitungen über Flüchtlinge, über den Islam und dessen Ablehnung und reist durch den Nahen Osten oder das, was davon noch übrig ist.

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