Seit 22:30 Uhr Studio 9 kompakt
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 22:30 Uhr Studio 9 kompakt
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 14.11.2014

Islam Distanziert Euch nicht!

Muslime in Deutschland werden oft unter Generalverdacht gestellt, kritisiert Imad Mustafa

Von Imad Mustafa

Podcast abonnieren
Plakate gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) (JUSTIN TALLIS / AFP)
Plakate gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) (JUSTIN TALLIS / AFP)

Mit Nachdruck fordert die Mehrheitsgesellschaft und solche, die gerne dazugehören würden, immer wieder von Muslimen, sich "vom Terrorismus zu distanzieren“. Der Politikwissenschaftler und Blogger Imad Mustafa hält dagegen und fragt: Warum eigentlich?

Um es vorweg zu nehmen: Ich distanziere mich nicht vom so genannten Islamischen Staat. Warum sollte ich auch? Ich habe mit den Taten des IS oder dessen selbsternanntem Kalifen al-Baghdadi nichts am Hut. Ebenso wenig wie der Rest der Muslime hier in Deutschland. Ich lehne die Forderung nach einer Distanzierung ab. Mehr noch, sie geht an die Substanz, weil sie sich nicht auf etwas bezieht, was man persönlich gesagt oder getan hat. Wie soll man sich als Individuum dagegen wehren können? Lehnt man es ab, sich zu distanzieren, gerät man in den Verdacht heimlicher Sympathie. Geht man darauf ein, unterwirft man sich einem Rechtfertigungsdruck, der so anscheinend nur für Muslime gilt.

Niemand verlangt von "den Deutschen", sich als Deutsche von HoGeSa zu distanzieren, nachdem die Gruppe randalierend durch die Kölner Innenstadt gezogen ist. Auch hat niemand von "den Christen" gefordert, sich wegen des Kindesmissbrauchs in der Katholischen Kirche von dieser zu distanzieren. Während in beiden Fällen eine Forderung zur Distanzierung zu Recht an Absurdität grenzt, scheint sie recht und billig zu sein, wenn sie gegen "die Muslime" als Muslime erhoben wird. Nur ihnen kommt scheinbar ein einheitlicher Charakter, ein transnationales Bewusstsein zu, das sie alle verbindet, gleich macht, so dass man von "den Muslimen" sprechen darf.

Allzu häufig wird vergessen, dass fast alle Opfer des IS selbst Muslime sind, und dass sie die Milizen unter Einsatz ihres Lebens bekämpfen. Und schließlich: Nur ein verschwindend kleiner Teil der Muslime hier in Deutschland ist Anhänger militanter Strömungen. Trotzdem kommt denjenigen, die eine Distanzierung fordern, nicht in den Sinn, dass die allermeisten Muslime in diesem Land ganz selbstverständlich gegen diese Gewalt sind. Oder gilt diese Unschuldsvermutung für sie etwa nicht?

Für oder gegen uns

Nur so ist für mich zu erklären, dass Muslime immer wieder als Muslime angesprochen und gezwungen werden, sich zu positionieren oder zu etwas zu bekennen. Und nicht als gleichberechtigte Bürger. Dieser neokoloniale, islamophobe Diskurs schließt "den Muslim" aus unseren Reihen aus, macht ihn zum Objekt unseres anmaßenden Urteils und stellt ihn vor die Wahl: Entweder du bist auf unserer Seite, der Seite der Zivilisation und der Demokratie oder eben gegen uns und für die Barbarei.

Doch auch innerhalb der muslimischen Community gibt es keine eindeutige Haltung zu dieser Frage. Während sich Institutionen wie der Zentralrat der Muslime und die muslimischen Theologen in Deutschland bereits öffentlich distanziert haben, habe ich in den letzten Wochen in vielen Diskussionen erlebt, wie breit das Meinungsspektrum in dieser Frage ist. Und wie scharf die Gegensätze. Von der Befürwortung einer Distanzierung um der Integration und Anpassung Willen über Unentschlossenheit bis hin zur Ablehnung dieser Forderung ist alles dabei. Einig ist man sich nur beim Nein zum IS – unabhängig davon, ob es sich um säkulare, fromme, konservative oder liberale Muslime handelt.

Keine Frage: Der Kampf gegen den IS ist auch hier in Deutschland wichtig, um weitere verlorene Seelen davor zu schützen, in den vermeintlich Heiligen Krieg zu ziehen. Aber es ist kaum zu ertragen, wie im Namen der Sicherheit ein Diskurs voller Ressentiments geführt wird, der auf Kosten der deutschen Muslime und der Opfer in Syrien und Irak geht.

Wer Muslime unter Generalverdacht stellt, verhindert nicht, dass sich vor allem junge Männer empfänglich für die Propaganda der angeblichen Gotteskrieger zeigen. Pauschale Verdächtigungen erreichen schlimmstenfalls das Gegenteil.

(privat)Imad Mustafa, Politologe und Blogger (privat)Imad Mustafa, 1980 in Esslingen a.N. geboren, studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Orientalistik in Heidelberg, Frankfurt und Damaskus. Er denkt und schreibt über Geschichte, Politik und Gesellschaften der arabischen Welt, Rassismus und Feindbilddenken sowie Migration. Seit 2011 bloggt er auf "das migrantenstadl" (http://dasmigrantenstadl.blogspot.de), auf dem es mal dadaistisch-verrückt, mal ganz seriös, aber immer politisch um migrantische Belange in Deutschland geht. Letzte Buchveröffentlichung: "Der Poltische Islam – Zwischen Muslimbrüdern, Hamas und Hizbollah" (Promedia, 2013).

Weiterführende Information

Deutsche Muslime - Angst, Sorge, Resignation
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 10.11.2014)

Aktionstag der Islamverbände - 2.000 Muslime beten gegen den Hass
(Deutschlandfunk, Informationen am Abend, 19.09.2014)

Islamismus - Junge Muslime auf Sinnsuche
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 07.09.2014)

Politisches Feuilleton

Juden in DeutschlandAufruf zur Desintegration
Ein ultra-orthodoxer Jude beim "Tashlich", einem Ritual, um die Sünden des vergangenen Jahres los zu werden. (picture-alliance/ dpa / epa Pavel Wolberg)

Auf seine Aufarbeitung des Holocausts ist Deutschland stolz. Ein Punkt, auf den sich die meisten in jeder Leitkultur-Debatte einigen können. Max Czollek hält dagegen. Für ihn geht dabei die gegenwärtige jüdische Kultur unter. Daher ruft er Juden zur "Desintegration" auf.Mehr

Effektiver AltruismusMit Spenden die Welt retten
Die dreijährige Siama Marjan spielt in Nairobi (Kenia) hinter einem Moskitonetz, das sie vor dem Stich von Malaria-Mücken schützen soll (Archivfoto). (picture alliance /dpa /Stephen Morrison)

Es gibt einen Weg, die Welt besser zu machen, davon ist der Philosoph Adriano Mannino überzeugt: Er plädiert dafür, dass jeder zehn Prozent seines Einkommens spendet. Möglichkeiten, effizient zu spenden, gebe es viele.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur