Donnerstag, 24.05.2018
 

Im Gespräch | Beitrag vom 26.04.2018

Iranischer Regisseur Ali SoozandehMit der Kamera Tabus brechen

Moderation: Katrin Heise

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Regisseur Ali Soozandeh kommt am 14.11.2017 in Köln zur Verleihung des 27. Kinoprogrammpreises NRW. (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)
Regisseur Ali Soozandeh (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Ali Soozandeh erinnert sich gut an die strenge Sexualmoral in seiner Teenagerzeit. Mit seinem Film "Teheran Tabu" wollte er Antworten darauf finden, was diese Beschränkungen genau mit den Menschen machen. Im Iran drehen konnte er aber nicht.

"Iran ist ein sehr großes Land. Die Gesellschaft ist sehr kontrastreich. Auf dem Land ist es ganz anders als in den großen Städten. Selbst in Teheran ist jeder Stadtteil unterschiedlich. Im Norden hat man reiche Gegenden. Dort haben die Frauen nicht die Probleme, die wir im Film sehen. Keiner fragt sie, ob sie Jungfrau sind, bevor sie heiraten. Im Gegenteil dazu der Süden von Teheran, wo die Menschen eher traditionell leben. Da stehen die Frauen mehr unter Druck",

sagt Ali Soozandeh. In seinen Filmen will er diesen Facettenreichtum abbilden. Er wehrt sich gegen die klischeehaften Bilder, die die Menschen in Europa vom Iran oft haben.

"Man hört schlechte Nachrichten über Atombomben und restriktive Mullahs. Und auf der anderen Seite Reportagen wie 1001-Nacht-Geschichten, über die Gastfreundschaft der Menschen. Das ist sehr schwarzweiß. Das Leben auf der Straße ist aber ganz anders als die Bilder, die wir kennen."

Der Film Teheran Tabu handelt von drei Frauen, die alle mit den Tabus und der strengen Sexualmoral im Iran zu kämpfen haben. Ein Thema, das den Filmemacher Ali Soozandeh schon lange umtreibt.

"Jedes Mal wenn ich zurückdenke an meine Zeit als Junge und Teenager im Iran, sehe ich große Fragezeichen in meinem Kopf: Wie haben diese ganzen Einschränkungen, besonders die sexuellen, unser Leben geformt oder unseren Charakter verändert?"

Teheran Tabu sei der Versuch gewesen, Antworten auf diese Frage zu finden. Weil Soozandeh aus Angst vor politischer Verfolgung nicht mehr in den Iran reisen kann, hat er sich für ein besonderes filmisches Mittel entschieden: Die Rotoskopie. Dabei spielen Schauspieler im Filmstudio vor einem Greenscreen die Szenen. Danach wird dieses realistische Filmmaterial per Computeranimation verfremdet und in eine animierte Umgebung eingebettet. Soozandeh sieht in dieser Technik noch weitere Vorteile.

"Gezeichnete Bilder lassen mehr Spielraum in den Köpfen der Zuschauer für die eigene Fantasie. Und diese Bilder sind sehr, sehr stark. Für Themen, für die man mehr Abstand braucht, finde ich deswegen Animation geeigneter als einen Film mit realen Bildern."

Negative Reaktionen auf den Film von Exil-Iranern

Obwohl die Bilder im Nachhinein animiert wurden, ist dem Regisseur und Drehbuchautor Soozandeh Authentizität sehr wichtig.

"Wir haben gemerkt, wenn die Schauspieler Deutsch sprechen, dann haben die auch eine deutsche Körperhaltung. Aber wenn sie Farsi sprechen, ändert sich auch die Körperhaltung. Deswegen haben wir uns für Farsi als Sprache am Set entschieden."

Bereits im letzten Jahr lief der Film sehr erfolgreich bei den Filmfestspielen in Cannes und in den deutschen Kinos. Jetzt ist die Filmmusik von Ali Askin für den Deutschen Filmpreis nominiert.

Es gab aber auch negative Reaktionen auf Teheran Tabu. Meistens von Exil-Iranern, die das System als nicht so restriktiv wahrnehmen. Auch um diese Kritik aufzufangen, gab es nach den Filmvorführungen teilweise die Möglichkeit zu diskutieren.

"Man sieht, dass nach der Vorführung, diese zwei Gruppen, die sich vorher bekämpft haben, ins Gespräch kommen, ein Dialog stattfindet. Das ist das Positive daran."

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