Seit 11:05 Uhr Tonart

Montag, 19.02.2018
 
Seit 11:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.04.2017

Iran-Ausstellung in der BundeskunsthalleVon Widdern, Skorpionen und tanzenden Menschen

Von Michael Köhler

Podcast abonnieren
Blick auf die Bundeskunsthalle in Bonn (Foto: Peter Oszvald; Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn)
Bundeskunsthalle in Bonn (Foto: Peter Oszvald; Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn)

Das erste Weltreich der Geschichte über drei Kontinente entstand im Iran. In Bonn sind jetzt kulturelle Zeugnisse aus der Region aus mehreren Jahrtausenden zu bewundern - viele von ihnen wurden noch nie im Ausland gezeigt.

"Wir haben ja vor mehr als dreieinhalb Jahren mit der Ausstellung begonnen. Und es war eine gemeinsame Entscheidung der Kollegen aus dem Iran und unsererseits, und der Wille war auf beiden Seiten da, diese Ausstellung zu machen. Von daher waren die Objekte leicht zu bekommen."

Das ist im Grunde schon die erste Sensation dieser reichhaltigen Schau mit Schätzen der iranischen Frühkultur. Ausstellungsleiterin Susanne Annen und das Team der Bundeskunsthalle haben lange und leise im Hintergrund geplant. Ein Misslingen wie im Fall des Berliner Ausstellungsprojektes mit der Teheraner Kunstsammlung der Moderne wurde vermieden. Intendant Rein Wolfs:

"Na ja, wir sind länger dran. Beide sind wir auf unterschiedlichen Gleisen an die Ausstellungen herangegangen. Wir haben auch mit anderen Partnern zu tun gehabt. Wir haben mit dem Ministerium für kulturelles Erbe und Tourismus zusammengearbeitet und mit dem Nationalmuseum. Und das hat sich als sehr zielführend erwiesen."

Bilder von Helden im Kampf

Im Iran selber sind Teile der Ausstellung noch nicht gezeigt worden. Die Stücke stammen wesentlich aus zwei Fundkomplexen, die noch nie außerhalb des Landes zu sehen waren. Das sind etwa die reichhaltig verzierten Specksteingefäße aus Dschiroft. Sie stammen aus dem 3. Jahrtausend vor Christus und zeigen Helden im Kampf mit Skorpionen. Kuratorin Barbara Helwing hat die Außenstelle Teheran des Deutschen Archäologischen Instituts geleitet und lehrt heute in Sydney.

"Wir haben uns entschieden, auf die Bilderwelt zu fokussieren. Diese Bilderwelt ist zu einem großen Teil direkt aus der natürlichen Umwelt entlehnt. Wir sehen also wilde Tiere. Wir sehen auch in großartiger Stilisierung genau das, was die Menschen umgeben hat und was wichtig war in ihrem Leben. Das sind beispielsweise Wildziegen, die man in großen Mengen in den Bergen gesehen und geschossen hat."

Die vielfarbige, feine Keramik zeigt Widder und tanzende Menschen in rhythmischen und symmetrischen Zeichnungen. Häufig wiederkehrende Dreiecke symbolisieren Menschenkörper.

Auch eine winzige neolithische Frauen-Figurine aus dem 7. Jahrtausend v.Chr. spricht eine Formensprache, wie wir sie in der modernen Kunst von Hans Arp, Pablo Picasso oder Constantin Brancusi kennen.

Das Generalthema der Ausstellung ist der Weg, den die im Westen wenig bekannten frühen Kulturen Irans vor der Gründung des achämenidischen Reichs genommen haben.

Gewachsene Entwicklung über tausende von Jahren

Was wir als Perser kennen, ist uns durch Herodot oder das Drama des Aischylos überliefert. Aber das ist aus dem 5. Jahrhundert vor Christus und quasi griechisch gefiltert.

"Wir sind uns dessen bewusst, dass da erste Weltreich der Geschichte über drei Kontinente in Iran entstanden ist. Das wissen wir. Aber wie wir dahinkommen, das wissen wir nicht. Dass es natürlich auch eine gewachsene Entwicklung über mehrere tausend Jahre gibt, die dahinführt, das wollen wir hier zeigen. Und wir wollen auch diese Kontinuität, die verankert ist in einer sehr besonderen Landschaft, die wollen wir hier natürlich auch thematisieren."

Die Landschaft Irans ist ein von Gebirgen umschlossenes Hochland. Die Ausstellung zeigt Städtebau, Werkstätten-Entwicklung und Keramikverarbeitung anhand von archäologischen Fundstücken. Es ist keine Herrschergeschichte, sondern eine Objektgeschichte. Barbra Helwing:

"Wir befinden uns im fünften vorchristlichen Jahrtausend. Es ist die Zeit, die Archäologen die Kupfersteinzeit nennen. Zum ersten Mal experimentieren Leute mit Pyrotechnik, entwickeln Öfen, in denen auch Keramik gebrannt wird, mit Temperaturen von über tausend Grad. Deswegen sind sie so schön hell und feinwandig. Hier ist eine besondere Technologie, die zum Tragen kommt. Und man lernt gleichzeitig, dass auch andere Dinge schmelzen, nicht nur Keramik, sondern auch Metall."

Gräberfund der elamischen Prinzessinnen

Vorratsgefäße, Rohstoffverarbeitung, Schriftentwicklung, Zähl- und Maßsysteme anhand von Rollsiegeln und Kunsthandwerk geben Einblick in die sehr alte Kultur Irans und damit der Menschheit. Schöner Nebeneffekt bei allem Staunen: Der Besucher lernt wichtige Völker und Reiche kennen. Der Gräberfund der elamischen Prinzessinnen hilft dabei:

"Elam ist ein Reich, das sich speist aus der Spannung zwischen Bergland und Tiefland. Man stellt sich das auch so vor, dass es mehrere Hauptstädte gibt. Der Ort Susa ist ein ganz zentraler Ort. Aber natürlich bleibt Elam wichtig durch das zweite Jahrtausend hindurch bis zum Aufstieg der Perser. Die Perser, die wir so kennen, als die Perser, sind eigentlich die Synthese aus einer lang gewachsenen Kultur vor Ort mit diesen neuen Kräften."

Und weil man laut einem persischen Sprichwort nicht erst sterben muss, um ins Paradies zu gelangen, gibt es vor der Bundeskunsthalle einen persischen Garten mit Wasserspiel.

Mehr zum Thema

Kunstausstellung - Irans Retourkutsche auf Trumps Muslim-Bann
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 08.03.2017)

Künstler im Iran - "Wir sind Teil der Kunstwelt"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 25.01.2017)

Keine "Teheran Sammlung" in Berlin - Schuld ist das Spannungsfeld
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 27.12.2016)

Abgesagte Teheran-Ausstellung - Absurditäten über Absurditäten
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 27.12.2016)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsKann das weg - oder ist das doch Kunst?
Ein Handout zeigt die Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf mit einem angeblich sexistischen Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer. (dpa / ASH Berlin / David von Becker )

Was haben Gomringer-Gedichte an einer Hochschulfassade in Berlin mit Graffitis in New York zu tun? Beide sollen verschwinden (Gomringer) beziehungsweise sind gedankenlos bereits mit dem gesamten Gebäude entsorgt worden (New York) – und werden deshalb in den Feuilletons thematisiert.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

Ausstellung "Pizza is god"Die Pizza als heilige Scheibe
Pizza Pavilion: The Pizza Is Ruined By Lorna Mills / Foto: Paul Barsch (Copyright Foto: Paul Barsch)

Die Band Antilopen Gang singt von der Pizza als "heilige Scheibe", die uns retten kann und die gesamte Welt besser macht. Ähnlich scheinen es die Macher der Kunstausstellung "Pizza is god" zu sehen, die im NRW Forum in Düsseldorf stattfindet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur