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Montag, 20.11.2017

Frühkritik | Beitrag vom 03.11.2017

Iori Fujiwara: "Der Sonnenschirm des Terroristen" Dieser Krimi rettete den Autor vor der Mafia

Von Tobias Gohlis

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Auch Japan war Ende der 60er-Jahre im Aufruhr. (Cass Verlag / dpa)
Auch Japan war Ende der 60er-Jahre im Aufruhr. (Cass Verlag / dpa)

Einem winzigen Zwei-Personen-Verlag verdanken wir diese Krimi-Entdeckung aus Japan. Der Roman "Der Sonnenschirm des Terroristen" führt in die Zeit der japanischen Stundentenrevolte. Mit dem Preisgeld für den Roman rettet sich der Autor vor der japanischen Mafia.

Es gibt sie noch, die kleinen Verlage, betrieben von wagemutigen Übersetzern und Liebhabern fremder Kulturen. Ihren verdanken wir grandiose Entdeckungen, zum Beispiel den Kriminalroman "Der Sonnenschirm des Terroristen" von Iori Fujiwara.

Erschienen im winzigen Zwei-Personen-Verlag Cass aus Thüringen, der sich auf japanische Literatur spezialisiert hat. Cass, das sind die Verlegerin Katja Cassing, die als Katja Busson viele ihrer eigenen Titel ins Deutsche übersetzt, und ihr Mann Jürgen Stalph, beide Japanologen. 

"Der Sonnenschirm des Terroristen" ist ein Roman voller Geschichte und ein Roman mit Geschichte.

Ein Roman voller Geschichte

Die Handlung spielt 1993, aber sie greift zurück in eine Zeit, die sogar den japanischen Lesern nicht mehr bewusst sein dürfte. Die weltweite Studentenbewegung Mitte der 60er-Jahre ließ auch Japan nicht unberührt. Linke Studenten kämpften in großen Massen und sehr militant gegen den Vietnamkrieg und die US-amerikanische Vormacht, für Demokratisierung und gegen Umweltverschmutzung.

Mitten unter ihnen das Dreiergespann Shimamura, Kuwano und Yuko Endo, eine Frau zwischen zwei Männern. Ihre Geschichte erzählt der Roman in langen Rückblenden auf eine Zeit romantischer Solidarität, gewaltsamer Institutsbesetzungen und aussichtsloser Kämpfe mit der rabiaten nationalistischen Gegenbewegung "M". Als der Kampf sinnlos wurde, ging Yuko in die USA und die beiden Männer mussten fliehen. Sie hatten unbeabsichtigt einen Polizisten getötet.

Seitdem betreibt Shimamura unter falschem Namen eine Bar, seit 22 Jahren lebt er im Untergrund, getröstet vom Whiskey, den er gerne im Zentralpark von Shinjuku in der Sonne liegend trinkt. Bis dort eine Bombe zehn Menschen zerfetzt. Unter den Opfern ein hoher Polizeioffizier, und, zu Shimamuras Erstaunen, seine frühere Genossin Yuko Endo.

Der Autor wurde von der Yakuza verfolgt

Shimamura gerät in die klassische Situation des Unschuldigen, der selbst die Täter ermitteln muss, um frei zu bleiben.

Hinter ihm ist nämlich nicht nur die Polizei her, die verwunderlich schnell allzu viel über Shimamura weiß, sondern auch eine japanische Gangsterorganisation, deren Dachverband in Fragen der Drogenpolitik zerstritten ist. Einer dieser Yakuza, ein ehemaliger Polizist, schlägt sich auf Shimamuras Seite.

Iori Fujiwara jagt seinen Protagonisten durch die Elendslöcher und Nobelviertel Tokyos, blendet lebendig in die Epoche der Unruhen zurück und forciert das Tempo, wenn der gejagte Shimamura seine alte Stärken als Profiboxer und Handwerker aktivieren muss. Enge Verquickungen zwischen Yakuza und Kapital werden offenbar. Die Organisierte Kriminalität tritt auf als rohe Gewalt GmbH und Co. KG in Krawatte und Anzug.

Trickreich getwistet und rasant

An keiner Stelle merkt der Leser, dass der Roman mehr als 30 Jahre alt ist. Der Plot ist trickreich getwistet und rasant, eine junge Frau tritt sehr selbstbewusst, auch in erotischen Fragen, auf.

Als Iori Fujiwara 1993 den "Der Sonnenschirm des Terroristen" verfasste, hatte er ein einziges Ziel: Der Roman musste Erfolg haben. Fujiwara, ein studierter Romanist, Werber und Herumtreiber, hatte die Yakuza im Nacken. Als süchtiger Mahjongg-Spieler hatte er zehn Millionen Yen Schulden, etwa 70.000 Euro. Seinem erster Kriminalroman musste ihn retten: Nur der Gewinn des höchsten japanischen Krimipreises, dotiert mit zehn Millionen Yen, konnte ihm das Leben oder zumindest die Gesundheit retten.

Mit "Der Sonnenschirm des Terroristen", geschrieben in wenigen Monaten, gewann Fujiwara diesen Edogawa-Ranpo-Preis. "Edogawa-Ranpo" ist die japanische lautliche Wiedergabe des Namens Edgar Allen Poe, dessen "Mord in der Rue Morgue" am Beginn der internationalen Kriminalliteratur stand. Fujiwara konnte sich sanieren und schrieb weitere Kriminalromane. "Der Sonnenschirm des Terroristen" ist die erste Übersetzung in eine europäische Sprache überhaupt. Wenn er bei den deutschen Lesern Erfolg hat, was ihm zu wünschen ist, könnten wir in den Genuss weiterer Übersetzungen kommen. Eine große, beglückende Entdeckung, die der kleine Cass-Verlag da gemacht hat.

Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen
Aus dem Japanischen von Katja Busson
Cass, 352 Seiten, 19,95 Euro

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