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Sonntag, 19.11.2017

Interview / Archiv | Beitrag vom 29.07.2016

Invasive ArtenDem Waschbär geht's an den Kragen

Till Hopf im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Ein Waschbär sitzt im Wildpark Grafenberger Wald in Düsseldorf auf einem Baum. (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)
Nicht halb so süß, wie er aussieht: Der Waschbär steht ab August auf einer Liste der "invasiven" Arten. (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)

Nordamerikanische Grauhörnchen, die unsere roten Eichhörnchen verdrängen, fremde Krebsarten oder einfach der Waschbär − diese "invasiven" Arten will die EU dezimieren. Wir fragen Till Hopf vom Naturschutzbund, was er von der neuen Verordnung hält.

Am 3. August tritt eine von der Europäische Kommission beschlossene Verordnung zum Schutz der europäischen Artenvielfalt und Biodiversität in Kraft. Dabei geht es auch darum, sogenannte "invasive" Pflanzen- und Tierarten zurückzudrängen − insgesamt stehen 37 auf der Liste.

Darauf findet man beispielsweise einige nordamerikanische Krebsarten, auch Wasserpflanzen − und das ebenfalls nordamerikanische Grauhörnchen, das unsere roten europäischen Eichhörnchen verdrängt, sagt Till Hopf, Naturschutzexperte des NABU.

"Weil es eben starke Nahrungs- und Habitatskonkurrenz hat und aber eben auch einen Pockenvirus mitträgt, also ähnlich wie bei den Krebsen, gegen das es selbst immun ist, aber das europäische Eichhörnchen eben nicht."

Hopf sieht die Liste der 37 zu bekämpfenden Arten insgesamt kritisch. Zum einen schätzten Experten die tatsächliche Zahl invasiver Arten viel höher ein: "Das Bundesamt für Naturschutz hat Anfang des Jahres ein Managementhandbuch herausgegeben, wo Arten drin sind, die invasiv sind oder potenziell invasiv, und da sind allein 168 Arten drin."

Zum anderen stünden auf der Liste Tiere wie der Waschbär, der in Deutschland bereits mit einer großen Population etabliert sei: "Eine flächige Bejagung hilft da auch nicht."


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Sie kommen von sonst wo, jedenfalls von außerhalb. Sie, das sind Wesen von der Armenischen Brombeere über den Waschbären bis zur Dickstieligen Wasserhyazinthe. Und nun soll diesen Eindringlingen, die keine Feinde haben und große Schäden anrichten, der Garaus gemacht werden, jedenfalls, wenn es nach einer Liste der Europäischen Union geht, auf der 37 Pflanzen und Tiere, Moose, Pilze, Insekten stehen. Ob das funktionieren kann? Das will ich jetzt von Till Hopf wissen. Er ist Naturschutzexperte beim NABU. Guten Morgen!

Till Hopf: Guten Morgen!

von Billerbeck: Nächste Woche, am 3. August, tritt eine von der Europäischen Kommission beschlossene Verordnung zum Schutz europäischer Artenvielfalt und Biodiversität in Kraft, und dabei geht es um die eben beschriebenen invasiven gebietsfremden Arten, die einheimische Arten zunehmend verdrängen. Welche Tiere und Pflanzen stehen denn da drauf, und warum?

Hopf: Es stehen zum Beispiel einige Wasserpflanzen drauf, die aus Nordamerika oder aus Südamerika kommen, wie der Große Wassernabel der das Großblütige Heusenkraut. Bei denen ist das Problem, es kann dazu führen, dass sie sogenannte Dominanzbestände ausbilden. Das heißt, dass sie sich flächig ausbreiten und dadurch andere Arten, die eigentlich hier heimisch sind, verdrängen. Es steht auch drauf der Kamberkrebs und einige andere nordamerikanische Krebsarten wie der Signalkrebs. Bei denen ist das Problem, die sind selbst resistent gegen eine Krebspest, die sie aber übertragen können. Und das führt dazu, dass die eigentlich in Europa heimischen Krebsarten daran erkranken und in ihrem Bestand gefährdet sind. Und vielleicht als drittes Beispiel das Grauhörnchen, das auch aus Nordamerika kommt ...

von Billerbeck: Das die roten verdrängt.

Hopf: Die roten verdrängt, weil es eben starke Nahrungs- und Habitatskonkurrenz hat und aber eben auch einen Pockenvirus mitträgt, also ähnlich wie bei den Krebsen, gegen das es selbst immun ist, aber das europäische Eichhörnchen eben nicht.

Erhebliches Gefährdungspotenzial für Lebensräume und Arten

von Billerbeck: Was sind diese invasiven Arten überhaupt, und wer hat bestimmt, was auf diese Liste kommt?

Hopf: Es gibt eine ganze Vielzahl von Arten, die nicht gebietsheimisch sind, das heißt, die sich nicht auf natürlichem Wege verbreitet haben. Da spricht man von Neobiota, also von neuen Arten. Die sind dann aber noch lange nicht invasiv. Invasiv heißt, sie müssen zum einen außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes vorkommen, aber auch, sie müssen ein erhebliches Gefährdungspotenzial haben für Lebensräume und Arten. Diese Liste hat jetzt die EU-Kommission erstellt mit ihren Experten. Da ist im Vorfeld auch viel drüber diskutiert worden, und es gibt einige, die sagen, diese Liste reicht nicht aus.

von Billerbeck: Was fordern Sie denn? Es gibt ja viel mehr Arten, also Zehntausende, als diese 37, die invasiv sind.

Hopf: Genau. Und allein in Deutschland gibt es 800 Arten, die neu vorkommen, und das Bundesamt für Naturschutz hat Anfang des Jahres ein Managementhandbuch herausgegeben, wo Arten drin sind, die invasiv sind oder potenziell invasiv, und da sind allein 168 Arten drin. Auf dieser Liste stehen jetzt nur 37.

von Billerbeck: Und wie ist man auf diese 37 gekommen?

Hopf: Diese 37 sind Arten, von denen die Experten der Kommission meinen, dass sie eben für die ganze Europäische Union von Bedeutung sind. Das ist ja eine Liste der invasiven gebietsfremden Arten gemeinschaftlicher Bedeutung.

Der Waschbär wird häufig gejagt − umsonst

von Billerbeck: Und was bedeutet es nun, dass es diese Liste gibt? Das ist ja erst mal schön, dass man da 37 Arten draufschreibt, aber welche Handlungen folgen denn daraus?

Hopf: Diese Liste füllt im Prinzip eine Vorordnung der EU-Kommission mit Leben, die es schon seit anderthalb Jahren gibt, worin aufgeschrieben ist, was passieren muss mit solchen Arten. Diese Liste gibt es jetzt, und jetzt haben die Mitgliedsstaaten 18 Monate Zeit, zu betrachten, auf welchen Pfaden diese Arten in ihr Land einwandern könnten oder eingeschleppt werden könnten, muss man besser sagen. Es müssen Aktionspläne aufgestellt werden und Maßnahmen festgelegt werden, wie diese Arten bekämpft, eingedämmt, kontrolliert, beobachtet werden könnten.

von Billerbeck: Ehrlich gesagt, ich glaube, man muss kein Forscher sein, um sich klar zu sein darüber, dass das ein schwieriger Plan ist, denn bekanntlich machen Flora und Fauna nicht an der Grenze halt. Und ich stelle mir gerade vor, wie man verzweifelt versucht, irgendwelche Moose aufzuhalten.

Hopf: Das ist richtig. Es gibt noch ein anderes Problem. Es gibt ja einige Arten, die auf dieser Liste stehen, die in einigen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union schon etabliert sind und weit verbreitet sind. Der Waschbär zum Beispiel in Deutschland.

von Billerbeck: Wo doch immer gesagt wird, der steht unter Schutz, und gegen den darf man gar nichts unternehmen.

Hopf: Der steht schon im Jagdgesetz, und der wird auch häufig gejagt. Wenn Sie mal die Jagdstrecken angucken. Das sind Zehntausende. Aber das ändert nichts daran, dass der Waschbär hier vorkommt und mit einer großen Population vorkommt. Eine flächige Bejagung hilft da auch nicht. Diese Liste ist eine Orientierung, würde ich sagen. Sie schafft mit der Vorordnung im Hintergrund einheitliche Vorgehensweisen in allen EU-Mitgliedsstaaten. Aber die Herausforderungen sind doch sehr unterschiedlich dann.

Konsequenzen auch für Zoos

von Billerbeck: Und sie hat Folgen, zum Beispiel auch für die Zoos, habe ich gelesen. Denn diese Arten dürfen dann in den Zoos, wo sie ja sich nicht ausbreiten können und also nicht invasiv werden können, nicht mehr gezüchtet werden. Wie das?

Hopf: Ja, es ist fast so. Es gibt in dieser Liste aber natürlich auch Ausnahmen. Es gibt Regelungen, dass Ausnahmen erteilt werden können, aber das muss an Bedingungen geknüpft werden, dass es eben eine sichere Aufbewahrung gibt, dass diese Arten nicht ausbrechen können. Es gibt tatsächlich einige Arten, die auf dieser Liste stehen, die eben aus Haltungen ausgebrochen sind. Da gibt es beispielsweise einige Arten, die in Privathaltung, aber auch vielleicht in kleineren Tiergehegen dann irgendwann mal ausgebüxt sind, was dazu führen kann. Manchmal weiß man es ja gar nicht, sind die wirklich überlebensfähig oder nicht. Und da soll diese Verordnung einen Riegel vorschieben und gewisse Kriterien im Prinzip definieren und festlegen.

von Billerbeck: Ich glaube, wir müssen in einem Jahr oder zweien noch mal drüber reden, um dann zu erfahren, was in den einzelnen EU-Staaten da unternommen worden ist und von wie viel Erfolg das gekrönt war. Till Hopf war das vom Naturschutzbund NABU über die EU-Liste mit 37 invasiven Arten, denen es an den Kragen gehen soll.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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