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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 17.05.2018

Internet-Zensur und MassenüberwachungDer gläserne Inder

Von Emran Feroz

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Zeichnung von zwei Reihen mit Büroangestellten, die an Computern mit Datenströmen arbeiten. (imago/Ikon Images)
Büroangestellte arbeiten an Computern mit Datenströmen. (imago/Ikon Images)

Wohin das Zusammenspiel von privater und staatlicher Datensammelwut führen kann, sieht man in Indien. Das Land verkörpere das "dystopische Endresultat eines Überwachungsapparates", wie der Journalist Emran Feroz meint. Es herrschten Angst und Schweigen.

Aadhaar – zu Hindi: "Grundlage" – lautet der Name der größten biometrischen Datendank der Welt, die von der indischen Regierung ins Leben gerufen wurde. Laut dem offiziellen Narrativ soll die Datenbank, die bereits seit 2009 existiert, die Massenverwaltung in der "größten Demokratie der Welt" erleichtern und Korruption bekämpfen. So soll etwa durch Aadhaar den Armen besserer Zugang zu Sozialhilfen ermöglicht werden.

Was vernünftig klingt, ist allerdings nur die eine Seite der Medaille. Denn Aadhaar sammelt so ziemlich alle Daten, die ein Mensch haben kann. Mittlerweile ist es zu einem Pflichtprogramm für jeden indischen Bürger geworden. Ungefähr so, als würde jeder Inder gezwungen, sich bei Facebook anzumelden und dort alle Daten über sich preiszugeben – und am Ende haben sowohl die Regierung als auch mächtige Privatkonzerne Zugriff darauf. Einfach ausgedrückt: In Indien muss jeder durchschaubar, ja gläsern werden.

Permanente Datensammlung

Die massive Freigabe von Daten ist so alltäglich geworden, dass sie mittlerweile selbst Praktiken betrifft, die anderswo kein Thema sind, etwa den Kauf einer SIM-Karte oder das Absenden eines Briefes. Überall bezahlt man mit Daten über sich selbst.

Indiens rechtsgerichtete Regierung und mit ihr verbundene Privatkonzerne sind zum Großen Bruder geworden, dem man nicht entgehen kann. Immer wenn Aadhaar zum Einsatz kommt, erhalten besagte Akteure Kenntnis über alle damit verbundenen Daten, etwa Zeitpunkt und Ort der Transaktion. Vergleiche mit großen Technologiekonzernen wie Facebook und Google sind zulässig. Deren massive Datensammelwut wird mittlerweile in den USA und in Europa als politische Gefahr diskutiert. Die Rufe nach staatlicher Regulierung und effektiven Datenschutzgesetzen werden immer lauter.

Doch was soll man in Indien machen, wo der Staat selbst die Rolle des Spähers und Datensammlers eingenommen hat und mit Konzernen, die von den Daten profitieren, eng verwoben ist?

Besonders problematisch ist das für die Armen der Gesellschaft, denn im Indien des 21. Jahrhunderts spielt das Kastensystem weiterhin eine dominante Rolle. Dank der Mega-Datenbank besteht auch die Möglichkeit, Auskunft über die niedere Kaste einer Person zu bekommen. Die Folgen davon dürften mehr oder weniger offensichtlich sein. 

Kritik bleibt weitgehend aus

Angesichts dieser Lage ist es erstaunlich, wie verhalten die Kritik im Land insgesamt bleibt. Viele Inder sind offensichtlich der Meinung, ohnehin keine Geheimnisse zu haben und geben ihre Daten willig her. Ernsthafte Kritik kommt vor allem von "Tech-Nerds", Journalisten und aus Studentenkreisen, die mit Sorge auf das Klima der Angst und des Schweigens blicken, das seit der Machtübernahme der Modi-Regierung vorherrscht. Kritische Stimmen werden unterdrückt, Repressalien gegen Minderheiten nehmen zu und der Macht der Privatkonzerne, die mit der Regierung verbandelt sind, sind kaum Grenzen gesetzt.

In der Unruheregion Kaschmir, wo praktisch Kriegsrecht herrscht und seitens der Armee regelmäßig Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen werden, ist jeder einzelne Bürger der militärischen Massenüberwachung vollkommen ausgesetzt. Während umgekehrt das Internet nicht nur überwacht, sondern auch zensiert wird, um jegliche Transparenz, etwa wenn es um Kriegsverbrechen geht, zu unterbinden.

Der Fall Indien sollte all jenen, die Sorgen um den Datenschutz für überzogen halten, zu denken geben. Wer sich das dystopische Endresultat eines Überwachungsapparates mittels moderner Datensammlung ansehen will: in Indien ist man schon sehr nahe dran.

Emran Feroz ist freier Journalist mit afghanischen Wurzeln. Er hat in Tübingen Politologie und Islamwissenschaften studiert und arbeitet inzwischen als Journalist. Regelmäßig berichtet er über die politische Lage im Nahen Osten und Zentralasien. Feroz publiziert in deutsch- und englischsprachigen Medien. Im Oktober 2017 veröffentlichte er sein erstes Buch "Tod per Knopfdruck: Das wahre Ausmaß des US-Drohnen Terrors oder Wie Mord zum Alltag werden konnte".

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