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Tonart | Beitrag vom 17.02.2017

Internationaler ArtenschutzNeues Abkommen bedroht den Instrumentenbau

Von Mathias Nöther

Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. (Holger Kettner)
Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker: Auch für ihn baut Ludwig Frank seine Instrumente. (Holger Kettner)

Pechschwarz, hart und doch flexibel: Grenadill ist Rohstoff für Oboen und Klarinetten. Ein Beschluss soll dem Raubbau des seltenen Holzes ein Ende setzen und Dumpingpreise verhindern. Trotzdem müssen Instrumentenbauer in Deutschland nun um ihre Existenz bangen.

Das, was da in Ludwig Franks Oboenwerkstatt in Berlin-Pankow unter der Bohrmaschine auf den Boden schneit, ist für Mitteleuropäer nicht gleich zu identifizieren: Es ist Holz, doch die Späne sind pechschwarz. Grenadill: Man verwendet die harte und doch flexible Palisander-Holzart für die Wirbel von Geigen, für die Griffbretter von Gitarren. Oboen und Klarinetten bestehen fast ausschließlich aus Grenadill. Für einen Oboenbauer wie Ludwig Frank ist es sozusagen das täglich Holz.

"Es ist ausgewählt worden für Oboen und Klarinetten, weil es besondere Resonanz-Eigenschaften hat und weil es in dem Zusammenspiel mit Luftfeuchtigkeit und Wasser, die beim Spielen der Instrumente entstehen, die entsprechende Resistenz hat. Natürlich kann es auch da zu Rissbildungen kommen, aber weitestgehend verträgt sich das Grenadill mit dem Wasser, im Unterschied zu vielen anderen Hölzern, die sofort den Geist aufgeben würden."

Einen gut abgelagerten Vorrat Grenadill-Holz für die nächsten 15 Jahre hat Ludwig Frank in seiner Werkstatt liegen. Das Holz stammt vom teuersten Anbieter. Der hat sich zertifizieren lassen, dass er mit tansanischen Holzbeständen nachhaltig umgeht. Seit dem ersten Januar kontrollieren auch Andere, woher Ludwig Franks Holz stammt: deutsche Naturschutzbehörden. Die internationalen Beschlüsse von der Artenschutzkonferenz in Südafrika vom Oktober letzten Jahres fanden in deutsches Recht Eingang. Ludwig Frank hatte in den Beschlüssen selbst eigentlich kein Problem gesehen:

"Ich finde die Sache an sich, dass man den Raubbau eindämmen möchte und dass man insbesondere das, was über die Märkte und die Hersteller in China in den letzten Jahren gemacht wurde, dass Klarinetten und Oboen mit einem Verkaufspreis von zwischen 200 und 800 Euro aus diesem schönen Holz hergestellt wurden – dass dem Einhalt geboten wird: Hamse mich absolut auf Ihrer Seite. Jetzt wollte man aber allen Ernstes unsere 60.000 Kanteln jede Kantel einzeln in einem Buch mit Eingang, Abgang, wo verwendet und so weiter aufgeführt haben. So ein Buch kann ich mir allein schon gar nicht vorstellen."

600 Euro bürokratischer Aufwand – für jedes einzelne Instrument

Eine Blüte aus dem Kuriositätenkabinett deutscher Bürokratie? Mag sein – aber keine, die einfach abzutun ist. Sie kann in allen ihren Auswüchsen gerade kleinen deutschen Instrumentenbauern existenziell gefährlich werden. Die Meisterbetriebe leben zu etwa 40 Prozent vom Export – und bei der Ausfuhr seiner Oboen werden die Dinge für Ludwig Frank noch komplizierter. Um nachzuweisen, dass sein Oboenholz aus geschützten Beständen kommt, muss er für Formulare bis zu 600 Euro bezahlen – für jedes auszuführende Instrument von neuem. Die Formulare stammen von der Unteren und der Oberen Naturschutzbehörde beim Land Berlin sowie vom Bundesamt für Naturschutz in Bonn.

"Drei Behörden wollen sicherstellen, nacheinander wohlgemerkt und gegen Kosten, dass dieser Baum auch wirklich dieser Baum ist, von dem wir behaupten, dass es dieser Baum war. Und dann kommt noch erschwerend hinzu, dass es jetzt Speditionen gibt, die sagen, das machen wir nicht mehr mit, eure Ware transportieren wir nicht mehr! Weil der bürokratische Aufwand für uns so hoch ist, dass wir das finanziell auch nicht mehr darstellen können",

beschreibt Ludwig Frank die neue Situation.

Für kleine Betriebe könnte dies das Aus bedeuten. Erst mit Inkrafttreten des CITES-Abkommens mittels deutscher Gesetzgebung zeigt sich: Für den Instrumentenbau hat dieses Abkommen in Deutschland niemand durchdacht. Es gibt keine Durchführungsbestimmungen. Winfried Baumbach, Geschäftsführer des Bundesverbands der Instrumentenbauer, hat Gespräche mit dem Bundesamt für Naturschutz geführt – erfolglos.

"Man kann nicht sagen, dass wir uns alleingelassen fühlen. Aber wir sind schon überrascht, dass die Gegenseite auch sehr überrascht war vom geringen Verbrauch dieser geschützten Arten im Instrumentenbau. Da hat man wohl offensichtlich auch überschätzt, was tatsächlich benötigt wird."

Metall und Plexiglas als fragwürdiger Ersatz

Aus der Überraschung darüber, dass ein von Hand arbeitender Oboenbauer weniger Grenadillholz verbraucht als eine Möbelfabrik, folgte leider nichts. Untätigkeit des Bundesamtes allerdings könnte dazu führen, dass man Klänge wie die folgenden in Zukunft nur noch auf historischen Aufnahmen hören wird.

Musik von Albrecht Mayer

Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker, spielt auf einer Solo-CD. Für ihn baut Ludwig Frank seine Instrumente ebenso wie für Spitzen-Orchestermusiker in Japan, China und den USA. Wenn auch nun der Export von Grenadill vor großen Hürden steht – Spitzenmusiker werden auf Instrumente aus diesem Holz kaum verzichten können. Alternativen gibt es nicht, wie Ludwig Frank erläutert.

"Es sind Oboen aus Metall gebaut worden, es sind Oboen aus Plexiglas gebaut worden, es sind Oboen aus Plastik gebaut worden. Es funktioniert auch alles irgendwie. Aber eben nur irgendwie. Und was für ein Armee-Orchester, die draußen marschieren, genügen würde, genügt eben auf der Bühne der Staatsoper oder der Berliner Philharmonie schlichtweg nicht."

In Deutschland ist der Schutz der Palisanderbäume Ländersache

Spitzeninstrumente kann man zur Zeit in anderen europäischen Ländern oder den USA wesentlich preiswerter kaufen. Auch dort gibt es Vorschriften, aber einfachere, erklärt Winfried Baumbach:

"Die Wettbewerbsverzerrungen darf man nicht unterschätzen, die da jetzt entstehen – zum Nachteil einer eh schon kleinen und in Nischen sich bewegenden Branche. Man darf ja nicht vergessen: Die Massenware kommt aus den asiatischen Ländern vorzugsweise, und hier werden ja eigentlich nur die mittel-,  hochpreisigen und Topinstrumente gefertigt für den anspruchsvollen Musiker, den Profimusiker und die Orchester."

Baumbach plädiert dafür, die Dokumentationspflicht für Musikinstrumentenholz in Deutschland auszusetzen. Die Schweiz macht das bereits – bis es im internationalen CITES-Abkommen Fußnoten über Musikalienhandel gibt. In Deutschland ist der Schutz der tansanischen Palisanderbäume Ländersache und wird von Behörde zu Behörde völlig unterschiedlich gehandhabt. Das dürfte den Bäumen in Afrika genauso wenig nützen, wie den Holzblasinstrumenten und ihren Herstellern.

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