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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 31.08.2016

IntegrationVon der Sehnsucht nach Patentante und Butterbrotpapier

Von Dilek Güngör

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Türkisch singen diese deutschen und türkischen Kinder in einer Klasse. (dpa/ picture-alliance/ Rainer Jensen)
Für die Integration ist Sprache besonders wichtig. Aber es geht auch um viele kleine Details. (dpa/ picture-alliance/ Rainer Jensen)

Sich integrieren, sich assimilieren innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft – dazu ist Sprache besonders wichtig. Aber ist das alles? Die Publizistin Dilek Güngör denkt an ihre Kindheit zurück und beschreibt, was "Anders-Sein" eigentlich ausmacht.

Was bedeutet Integration, für die, die sich integrieren sollen? So im Kleinen, im Alltag, beim Abendessen, im Bus, im Schreibwarenladen, auf dem Schulhof? Womit befasst man sich eigentlich, wenn Integration ein Teil des eigenen Lebens ist und bleibt? Hiermit zum Beispiel.

An den Wochenenden gingen wir nie wandern, ganz selten machten wir Ausflüge. An den Wochenenden bekamen wir Besuch oder machten Besuche. Ich esse gerne Aufschnitt, bei uns zuhause aber gab so gut wie nie Schwein. Wenn ich heute an der Wursttheke stehe, werde ich nervös und bringe jedes Mal die Namen der Wurstsorten durcheinander. Mein Schulbrot war in Alufolie eingewickelt, nicht in Butterbrotpapier.

Deutsche lieben Hunde mehr als ihre Kinder

Abends gab es bei uns oft grüne Bohnen und Reis und zum Frühstück manchmal rote Linsensuppe. Nie aßen wir am Abend Graubrot, Butter und Käse. Essensreste wärmten wir in kleinen Schüsseln aus Edelstahl auf. Ein Mädchen aus meiner Klasse sagte, so eine Schüssel hätten sie für ihren Hund. Einmal sagte die Freundin meiner Mutter, die Deutschen liebten ihre Hunde mehr als ihre Kinder. Sie sagte auch, die Türken ließen ihren Kindern immer alles durchgehen.

Ein einziges Mal sind wir in den Sommerferien in ein anderes Land gefahren als in die Türkei, nach Italien. Man hat mich schon für eine Italienerin gehalten, auch für eine Griechin, eine Spanierin, eine Französin und einmal für eine Marokkanerin. Jedes Mal fühlte ich mich geschmeichelt.

In unserem Flur mussten sich alle Leute die Schuhe ausziehen. Wenn meine Eltern nicht zuhause waren, ließ ich meine Freunde mit Schuhen herein. Ich habe mir immer eine Hollywoodschaukel gewünscht, einen Garten mit einer Hollywoodschaukel. Aber wir hatten keinen Garten.

Nirgendwo gab es Tassen oder T-Shirts mit meinem Vornamen drauf. Immer muss ich meinen Namen buchstabieren. Lange fühlte ich mich verpflichtet, mit anderen Türken Türkisch zu sprechen und empfand es als Schwäche, das Deutsche vorzuziehen.

Höllenfeuer und Frottee-Waschlappen

Einmal kamen die Zeugen Jehovas an unsere Tür. Sie fragten, ob wir eine Bibel hätten. Ich log und sagte ja. Sie freuten sich und versprachen wiederzukommen, wenn meine Eltern zuhause wären. Wäre ich katholisch gewesen, hätte ich sonntags zur Beichte gehen können. So bleibt mir nur das Höllenfeuer.

Freitags badete mich meine Mutter in der Wanne. Später stellte ich fest, dass sich meine Freunde im Stehen am Waschbecken wuschen, mit einem Frottee-Waschlappen. Unsere Fingernägel kürzten wir mit einem Nagelknipser, nicht mit einer Schere.

Schlagermusik berührt mich nicht, aber bei türkischen Arabesken steigen mir manchmal die Tränen in die Augen, peinlich. Oft habe ich Angst, dass ein Wort, das ich benutze im Türkischen gar nicht existiert, sondern nur im südostanatolischen Dialekt, den meine Eltern sprechen. ‘Bank‘ war das erste deutsche Wort, das ich benutzen wollte und nicht kannte. Lange verstand ich nicht, was "das geht mir runter wie Öl" bedeutet. Beim Schreiben achte ich auf gutes Deutsch, dennoch unterlaufen mir ständig Tippfehler.

Ich bedaure, dass ich meine Kinder nicht zweisprachig erziehe. Tanten habe ich genug, noch lieber hätte ich eine Patentante gehabt, die mir Geld zum Geburtstag schenkt.

In der Schule sollte meine Tochter erklären, wo in der Türkei ihre Eltern geboren seien. Und warum sie keinen türkischen Vornamen habe. Neulich habe ich ihren Namen auf einem T-Shirt im Souvenirladen gesehen.

Die Publizistin Dilek Güngör, Jahrgang 1972 (privat)Dilek Güngör (privat)Dilek Güngör, geboren 1972 in Schwäbisch Gmünd, arbeitete als Journalistin bei der "Berliner Zeitung". Ihre Kolumne "Unter uns" erschien zunächst in der "Berliner Zeitung", später in der "Stuttgarter Zeitung". Bisher veröffentlichte sie zwei Kolumnenbände und einen Roman ("Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter". Piper, 2007.) Das Singspiel "Türkisch für Liebhaber", zu dem sie das Libretto geschrieben hat, wurde in der Neuköllner Oper in Berlin aufgeführt. Dilek Güngör lebt in Berlin.

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