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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.06.2012

Instrumentalisierung einer Opfergeschichte

Uwe von Seltmann: "Todleben. Eine deutsch-polnische Suche nach der Vergangenheit", Herbig, München, 2012, 320 Seiten

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Uwe von Seltmann geht der Geschichte des Vaters seiner polnischen Ehefrau nach.  (dapd / Patrick Lux / ddp)
Uwe von Seltmann geht der Geschichte des Vaters seiner polnischen Ehefrau nach. (dapd / Patrick Lux / ddp)

Uwe von Seltmann ist der Familiengeschichte seiner polnischen Ehefrau nachgegangen und fokussiert dabei auf das Schicksal des Großvaters, der im KZ Majdanek umkam. Allerdings holpert sich der Autor dabei durch reichlich nebensächliche Alltagsanektdoten.

Eigentlich ist es die Geschichte von Michal Pazdanowski, einem Schulleiter in einem abgelegenen Dorf in den (heute ukrainischen) Karpaten, der dort eine Landwirtschaftsschule aufgebaut hat. Erst relativ spät - 1943 - wurde er als Vertreter der polnischen Intelligenz verhaftet und ins KZ Majdanek verschleppt. Ort und Datum seines Todes waren unbekannt. In mühsamen Recherchen hat das deutsch-polnische Ehepaar von Seltmann das Leben ihres Großvaters rekonstruiert.

Spannend wird eine solche Erzählung, wenn sich in ihr das deutsch-polnische Drama der Hitlerjahre verdichtet: das mörderische Treiben der einen, das tragische Schicksal der anderen. Wie politische Entwicklungen Familienschicksale bestimmen. Und was die Enkel damit zu tun haben. Doch von Seltmanns Buch ist ein Beleg dafür, wie schwierig es ist, darüber zu schreiben und eine angemessene Sprache dafür zu finden.

Angelegt ist das Buch als Stationenbericht. In 21 Kapiteln wird die Recherchereise auf den Spuren Pazdanowskis nachgezeichnet: von Warschau bis in die heutige Ukraine, nach Lemberg, in die Karpaten, bis nach Czernowitz und Verkhovyna - den Lebensmittelpunkt Pazdanowskis. Das klingt logisch, aber je länger man liest, desto stärker drängt sich die Frage auf: Was will uns der Autor erzählen? Die Geschichte des Großvaters seiner Frau - oder seine Reiseeindrücke?

Ein Zitat: "In Kazimierz saß ich gern im Café Singer, im Sommer den Blick auf die ulica Estery genießend, auf der all die flanierenden Esters, Kasias und Agnieszkas Polens landschaftliche Reize und Krakaus städtebaulichen Schönheiten zur Nebensache werden ließen."

Schön für den Autor, wenn er auf seiner Recherchereise die ästhetischen Reize polnischer Frauen entdeckt - aber was hat das mit dem Thema seines Buches zu tun?

Anekdoten mit befreundeten Musikern, Berichte von Abenden mit Gesang und Wein lenken immer wieder von der eigentlichen Geschichte ab. Vielleicht muss man es noch härter ausdrücken: Dieses Buch ist ein abschreckendes Beispiel dafür, wie der Enkel eines SS-Täters nach dem Versuch, die eigene Familiengeschichte zu beschreiben, nun die Familien-Opfergeschichte seiner polnischen Frau vermarktet, indem er angeblich auf den Spuren des polnischen KZ-Opfers unterwegs ist, in Wirklichkeit aber Reiseeindrücke sammelt und zum Besten gibt. Mit der Aufarbeitung deutsch-polnischer (Familien-)Geschichte hat das wenig zu tun.

Eine spannende Frage ist, wie von Seltmanns Ehefrau dazu steht, dass ihre Familiengeschichte in dieser Weise zu Markte getragen wird. Offenkundig fühlt sie sich oft ähnlich unwohl wie andere Gesprächspartner in dem Buch. Sie merkt wiederholt an, es sei ihre Geschichte, nicht seine. Schließlich verlangt sie sogar, das Unternehmen abzubrechen. Aber das ficht den robusten Autor nicht an: Er benutzt ihren Protest lediglich als "Cliffhanger" für das nächste Kapitel, ganz so, als schreibe er Fiktion.

Viel erfahren wir über das Leben des Großvaters Michal Pazdanowski nicht, dazu hätte von Seltmann mehr über sein Leben schreiben müssen, über seine landwirtschaftliche Lehrtätigkeit und seine Reformbemühungen. Immerhin: Am Ende kann das Ehepaar von Seltmann doch noch die Umstände des Todes von Michal Pazdanowski ermitteln: Er starb auf einem Krankentransport von Majdanek nach Auschwitz.

Was hat den Enkel eines SS-Mannes angetrieben, ein solches Buch zu schreiben? Im letzten Kapitel beginnt er, in seiner eigenen Familie - den überzeugten Nationalsozialisten, über die er einst schrieb - jüdische Vorfahren zu vermuten, sowohl auf mütterlicher als auch auf väterlicher Seite. Damit erklärt er seine entschiedene Neigung zum Judentum. Hier legt von Seltmann offen, worum es ihm letztlich geht: um die eigene Entlastung. Wir haben es bei diesem Buch nicht mit einer "deutsch-polnischen Suche nach der Vergangenheit" zu tun, wie der Untertitel ankündigt, sondern mit der Instrumentalisierung einer Opfergeschichte durch die Nachfahren der Täter. Ein Lehrbeispiel dafür, wie die Enkel nicht mit der grauenvollen Geschichte der Großeltern umgehen sollten.

Besprochen von Gabriela Jaskulla

Uwe von Seltmann, Todleben. Eine deutsch-polnische Suche nach der Vergangenheit
Herbig, München, 2012, 320 Seiten, 19,99 Euro

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