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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.06.2017

Installation auf der documenta 14 Was es heißt, in einem Rohr zu leben

Künstler Hiwa K im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Der Künstler Hiwa K. steht am 07.06.2017 auf der documenta in Kassel (Hessen) vor seiner Installation aus 20 Kanalröhren. (dpa / picture alliance / Boris Roessler)
Der Künstler Hiwa K. steht am 07.06.2017 auf der documenta in Kassel (Hessen) vor seiner Installation aus 20 Kanalröhren. (dpa / picture alliance / Boris Roessler)

Der aus dem Irak stammende Installationskünstler Hiwa K versteht sich als Straßendenker. Bei der documenta 14 in Kassel hat er als Kunstobjekt 20 Abwasserrohre aufgebaut, die Menschen auf der Flucht häufig als Übergangsquartier dienen. Sein ursprünglicher Plan scheiterte allerdings an deutschen Vorschriften.

Eigentlich wollte der Installationskünstler Hiwa K seine auf der documenta 14 ausgestellten Abwasserrohre 100 Tage über Airbnb vermieten. Aber die deutschen Vorschriften ließen es aus Sicherheitsgründen nicht zu, erzählte der aus dem Irak stammende Künstler im Deutschlandfunk Kultur. Sein Kunstprojekt mit 20 gestapelten Abwasserrohren steht auf dem Kasseler Friedrichsplatz und erinnert an das Schicksal vieler Flüchtlinge, die sich in solchen Kanalrohren auf ihrer Flucht vorübergehend einrichten müssen.

Der irakische Künstler Hiwa K. im Gespräch mit Vladimir Balzer (Deutschlandradio / Britta Bürger)Der irakische Künstler Hiwa K. im Gespräch mit Vladimir Balzer (Deutschlandradio / Britta Bürger)

Das Kunstwerk hat nach Angaben der documenta auch Bezüge zu Hiwa Ks eigener Biografie. So soll der Künstler selbst in den 1980er-Jahren an Bord eines LKWs in übereinandergestapelten Baurohren aus dem Irak über Griechenland geflohen sein. Heute lebt er in Berlin und machte mit interessanten Ausstellungen von sich Reden.

Horizontales Leben

Er habe sich für das Verhältnis von Horizontalität und Vertikalität interessiert, sagte der Künstler. Hiwa K beschäftigte sich damit, was es bedeute, horizontal zu leben und seinen Körper an den Raum eines Rohres anzupassen. "Wir sind Menschen, die sehr obsessiv sind mit Vertikalität", sagte der Künstler. "Wir sind sehr vertikal orientiert." Schließlich habe es auch hunderttausend Jahre gedauert, bis der Mensch auf zwei Füßen gestanden habe, um den ganzen Planeten zu erobern. Alles sei im Kapitalismus von der Vertikalität geprägt, etwa die Stadtplanung mit Hochhäusern. "Es geht um Akkumulation von Macht, von Geld, von Haben."

Die Flüchtlingskrise sei ein Beiwerk des ganzen instabilen Systems, das nicht mehr funktioniere, sagte Hiwa K. Deshalb habe er die Abwasserrohre für das Projekt ausgewählt. "Eigentlich ist es nicht so unbequem", sagte der Künstler. Wenn man darin lebe, gewöhne man sich daran, seine Dinge nach Bedarf zu sortieren und in Zentimetern des Raumes zu denken.  In der nun geschaffenen Kunstinstallation haben Studenten die Rohre so eingerichtet, dass es auch eine Küche, ein Bad und eine Bar gibt, um zu feiern.

Die Kasseler Kunststudentin Teresa Hermann ist eine derjenigen, die sich in einem der Abwasserrohre häuslich eingerichtet hat und an deren Gestaltung mitwirkte. Runde Möbel mussten an die 90 Zentimeter Durchmesser angepasst werden und habe es viel von einer kleinen Wohnung, sagte Hermann im Deutschlandfunk Kultur:

Live von der documenta 14 in Kassel senden wir heute in der Sendung "Studio 9 am Mittag " ab 12 Uhr und in der Sendung "Fazit" ab 23 Uhr.  

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