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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.05.2007

Inspiriert durch Neapel

Bilanz der Salzburger Pfingstfestspiele

Von Jörn Florian Fuchs

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Blick auf die österreichische Stadt Salzburg (Stock.XCHNG / Patrick Swan)
Blick auf die österreichische Stadt Salzburg (Stock.XCHNG / Patrick Swan)

Der neue Salzburger Festspielintendant Jürgen Flimm landete einen echten Coup. Mit dem italienischen Dirigenten Riccardo Muti hatte er einen Fachmann fürs Alte an Land gezogen. Neapel, Mutis Geburtsstadt und große Musikmetropole des 17. und 18. Jahrhunderts, diente als künstlerisches Gravitationszentrum für Klassik bis Free Jazz.

Alljährlich zu Pfingsten putzt sich Salzburg besonders fein heraus, denn es gilt der barocken Musik und Lebensart zu frönen. Die Galerien rund um den Festspielbezirk präsentieren Edel-Erlesenes und das Publikum konsumiert willig die dargebotene Trias aus Kunst, Kultur und Kommerz.

In den letzten Jahren gab es zu Pfingsten eine Vielzahl von Oratorien, Messen und Opern, allerdings vorwiegend konzertant und manchmal auch altbekannt. Die Stars der Alten Musik reisten an und durch Salzburg: von Marc Minkowskis "Musiciens du Louvre-Grenoble", William Christies "Les Arts Florissants", über Christophe Roussets "Talents Lyriques" bis hin zu österreichischen Hausgöttern wie Martin Haselböck.

Das Problem war zumeist die fehlende Exklusivität, wenn etwa Minkowski gerade einen virtuosen Gluck auf der Pfanne hatte, so gab es diesen neben Salzburg auch in Paris, Rom oder New York zu hören. Oft wurde dem teuren Festival an der Salzach nicht einmal das Recht der ersten Aufführung zugestanden. Also gab es meist zwar exquisite, aber nicht ganz so ‚neue’ Barockware. Die Ausnahmen waren einige selten gespielte Händel-Oratorien sowie eine brillante Messe von Annibale Padovano.

Der neue Salzburger Festspielintendant Jürgen Flimm landete nun einen echten Coup, indem er mit Riccardo Muti einen Fachmann fürs Alte und gleichermaßen einen Kontaktmann fürs Finanziell-Sponsorale an Land zog. Mutis Geburtsstadt Neapel dient als Ausgangspunkt für eine zunächst auf drei Pfingstfeste angelegte Reise auf kaum bekanntes Terrain. Das Stichwort lautet "Neapel – Metropole der Erinnerung".

Neapel, die große Musikmetropole des 17. und vor allem 18. Jahrhunderts dient als künstlerisches Gravitationszentrum – was dort gespielt oder komponiert wurde, untersuchte Muti und stieg dabei auch in die Tiefen von Fachbibliotheken. Dort förderte er heute völlig vergessene, zum Teil gar nicht erfasste Opern und Oratorien zutage.

Als erstes erlebte man in Salzburg nun – auch Dank der Hilfe eines neuen, Luxusuhren fabrizierenden Sponsors sowie des koproduzierenden Ravenna Festivals – die Wiederaufführung einer Oper von Domenico Cimarosa. "Il ritorno di Don Calandrino" ist ein Frühwerk Cimarosas, eine Buffa mit recht konventioneller Handlung. Das Dörfchen Monte Secco wartet auf den aus Neapel heimkehrenden Calandrino, ein Säufer und Hochstapler, dessen Naivität und Humor ihn aber vor allem bei den Frauen sehr beliebt machen. Gleich zwei wollen ihn ehelichen, da kommt plötzlich ein merkwürdig-verschrobener Franzose namens Le Blonde hinzu und eine typische Buffa-Handlung nimmt ihren Lauf. Nach knapp drei Stunden Verwechslungen, Liebeswirrwarr, allerlei Spielereien und Spielchen finden natürlich dann doch noch zwei glückliche Paare zueinander und das lieto fine wird vom anwesenden Dorf gebührend gefeiert.

Musikalisch bewegt sich die Oper in eher seichten Gewässern, wunderschöne Instrumentalpassagen, etwa über ein murmelndes Bächlein, wechseln mit hübschen, aber unspektakulären Arien. Fürs Spektakel auf der Bühne war der Italiener Ruggero Cappuccio verantwortlich, er wollte mit Stilmitteln der Commedia dell’Arte eine sommerlich-luftige Atmosphäre schaffen. Die altbackenen Kostüme (Roben, orientalische Gewänder, Pluderhosen und Perücken) sowie herumalbernde Zirkusartisten und eine Art Liebeslotterie samt passender Lottofee ließen den Abend jedoch in billigen Klamauk abrutschen, eine rampenorientierte Personenführung tat das Übrige.

Riccardo Muti dirigierte das von ihm selbst gegründete Orchestra Giovanile Luigi Cherubini schön, solide und sängerfreundlich – ohne große Sprünge oder Eigenwilligkeiten und auch ohne eine konkrete Werkidee. Mit Laura Giordano und dem manchmal etwas rauen Juan Francisco Gatell in der Titelpartie gab es zwei junge Sänger mit guten Karriereaussichten.
Neben der Oper standen noch vier Konzerte auf dem Spielplan, am überzeugendsten war das Accordone Ensemble mit seinem furiosen Vorsänger und Conférencier Marco Beasley. Hier begegneten sich neapolitanische Kantaten: spirituell-vergeistigtes stand neben süffig-weltlichen Klängen.

Und sogar ganz neue alte Musik war zu hören, denn der Leiter des Ensembles, Guido Morini, komponierte eine Orpheus-Variante im Stil des 18. Jahrhunderts – strahlend und klangbewusst.

In einem Nachtkonzert stellte der Franzose Louis Sclavis virtuosen Free Jazz vor, der das heutige Neapel voller Dreck und Kriminalität mit Sehnsuchtsklängen nach der alten Musikstadt verband.

Sehr eindrücklich schließlich Fabio Biondi mit seinem Ensemble Europa Galante und einem wunderbaren Oratorium von Leonardo Leo. Den Schlusspunkt setzte dann nochmals Riccardo Muti mit dem Cherubini-Orchester, ausgegraben und musiziert wurde das 1717 entstandene Oratorio a quattro voci von Scarlatti, ein sehr langes Werk mit wahren Arienschlachten für den exzellenten Countertenor Franco Fagioli als Evangelist San Giovanni.

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