Seit 23:05 Uhr Fazit
 

Donnerstag, 14.12.2017

Studio 9 | Beitrag vom 16.05.2017

Initiative kulturelle IntegrationThesen für das Zusammenleben aller

Von Christiane Habermalz

Podcast abonnieren
Aydan Özoğuz (SPD), Staatsministerin für Integration, spricht am 16.05.2017 bei der Vorstellung der Ergebnisse der Initiative kulturelle Integration in Berlin. Die Initiative kulturelle Integration will zeigen, welchen Beitrag Kultur zur Integration leisten kann und hat dazu 15 Thesen aufgestellt.  (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)
Aydan Özoğuz (SPD), Staatsministerin für Integration, spricht bei der Vorstellung der Ergebnisse der Initiative kulturelle Integration in Berlin. (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)

Ein Bündnis aus Politik und Gesellschaft hat in Berlin 15 Thesen zur Integration vorgestellt: Sie richteten sich an alle in Deutschland lebenden Menschen, nicht nur an die Zugewanderten, betonte Aydan Özoğuz, die Staatsministerin für Integration.

Von "Leitkultur" will man explizit nicht sprechen, stattdessen von "unverrückbaren kulturellen Werten", Grundlage für Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es geht um nicht weniger als die deutsche Identität. Keine einfache Debatte, ein halbes Jahr lang habe die Initiative kulturelle Integration gerungen um zu gemeinsamen Positionen zu kommen, erzählt Kulturstaatsministerin Monika Grütters und zitiert Kurt Tucholsky: "Die Deutschen", schrieb er, "geraten nie mehr außer sich, als wenn sie zu sich kommen sollen."

Was aber macht die Kultur eines Landes aus? Bundesinnenminister Thomas de Maizière brachte das Beispiel eines privaten Bücherregals, das jeder für sich mit Büchern füllt: Literatur, Romane, Historienschinken, Sachbücher. Das Regal einer Engländerin sieht anders aus als das eines Franzosen. Wie würde ein deutsches Bücherregal aussehen? Das Grundgesetz dort hineinzustellen, würde jedenfalls nicht ausreichen.

Thomas de Maizière: "Warum? Weil Gesetze natürlich zu wenig sind, um uns in einem fremden Land zurechtzufinden. Sogar als Tourist. Wir wollen Kultur erleben. Und die finden wir nicht in Gesetzen. Warum sollten wir also für Menschen, die lange Zeit hier bleiben, weniger bereithalten, als für uns selbst, wenn wir nur kurze Zeit in einem fremden Land sind. Und warum sollten wir nicht darüber diskutieren, was im übertragenen Sinne in unserem Bücherregal steht und was da hineingehört?"

Bündnis aus Politik und Zivilgesellschaft

Getragen wird die Initiative aus einem breiten Bündnis aus Politik und Zivilgesellschaft. Deutscher Kulturrat und Kulturstaatsministerin Monika Grütters gehören zu den Initiatoren, ebenso das Bundesinnenministerium mit Thomas de Maizière an der Spitze, das SPD-geführte Bundesarbeitsministerium, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoğuz und Vertreter von 28 zivilgesellschaftliche Organisationen.

De Maizière war für seine zehn Leitkulturthesen vor knapp zwei Wochen scharf kritisiert worden. Er war damit aus dem gemeinsamen Bündnis ausgeschert und vorgeprescht – obwohl eigentlich Einigkeit darüber geherrscht hatte, dass man zwar dringend eine Wertedebatte für Deutschland brauche, aber keine neue Leitkulturdebatte, weil sich die Öffentlichkeit dann mehr an dem Begriff abarbeite als an den Inhalten. So kam es dann ja auch.

Keine steile Burka-These, kein Handshake als Kulturgut

Inhaltlich aber sind die zehn Thesen de Maizières nicht weit weg von den 15 der Initiative kulturelle Integration. Als Basis: Das Grundgesetz, das gelebt werden muss. Keine steile Burka-These, kein Handshake als deutsches Kulturgut, dafür: "Kulturelle Gepflogenheiten sind die Grundlage unseres täglichen Zusammenlebens." These 3 lautet: "Geschlechtergerechtigkeit ist ein Eckpfeiler unserer Gesellschaft." These 4: "Religion gehört in den öffentlichen Raum."

"Demokratische Debatten und Streitkultur stärkt die Demokratie." Und: "Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist nie abgeschlossen, insbesondere nicht mit der Shoah." Aber auch: "Einwanderung und Integration gehören zu unserer Geschichte". Und: "Kulturelle Vielfalt ist unsere Stärke".

Explizit richten sich die 15 Thesen an alle in Deutschland lebenden Menschen, nicht nur an die Zugewanderten, betont die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoğuz:

"Einwanderung verändert natürlich eine Gesellschaft. Das erfordert eine gewisse Offenheit, es erfordert Respekt voreinander, Toleranz. Integration bedeutet aber eben auch, dass alle teilhaben können. Ob nun beim Spracherwerb, am Bildungswesen, am Arbeitsplatz. Teilhabe ist kein Sonderformat für 17 Millionen Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte. Sondern es ist eben für alle wichtig. Und Gemeinsamkeit und Zusammenhalt können nicht von oben verordnet werden."

Bereicherungen für das deutsche Bücherregal

Was werden die 15 Thesen bewirken? Hoffentlich eine inhaltliche und offene Debatte über die Grundlagen des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft, wünschen sich die Initiatoren. Die Chance, dass es nicht im Parteienstreit zerredet wird, ist diesmal größer. Die Schwierigkeit, zu beschreiben, was deutsche Kultur eigentlich ist, bleibt. Doch einen Versuch ist es wert, in Zeiten von politischer Veränderung und Verunsicherung durch Zuwanderung.

Die damit verbundenen Ängste und das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung dürfe man nicht allein den Nationalisten überlassen, sagte Grütters heute. Und de Maizière fügte hinzu: Die kulturellen Narrative, die Bücher, die die Zugewanderten mitbrächten, könnten eine große Bereicherung für unser deutsches Bücherregal sein.

Mehr zum Thema

Initiative kulturelle Integration - Gemeinschaftsgefühl in Deutschland reaktivieren
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 05.05.2017)

Thomas de Maizières 10 Thesen - Höchste Zeit über Leitkultur zu diskutieren!
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 08.05.2017)

Leitfaden statt Leitkultur - Eine Debatte wohlfeiler Polemik
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 02.05.2017)

Leitkultur-Debatte - "Jedes Beschwören von Leitkultur zeigt, dass es keine gibt"
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 02.05.2017)

Interview

Abschaffung der Netzneutralität Kein Signal für Europa
Internetkabel an einem Breitbandanschluss. (imago stock&people)

Die EU-Abgeordnete Julia Reda ist optimistisch, dass die US-Entscheidung gegen die Netzneutralität sich nicht auf die EU auswirken wird. Im Gegenteil - sie glaubt, dass das europäische Gesetz eines Tages auch in Washington als Vorbild dienen könnte. Mehr

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur